Vorteil SC Bern: Ist dieser EV Zug am Ende doch ein «Freilos»?
Aktualisiert

Vorteil SC BernIst dieser EV Zug am Ende doch ein «Freilos»?

Wie lässt sich die 3:4-Niederlage der Zuger gegen den SC Bern im sechsten Playoff-Halbfinal erklären? Fast nicht. Unser Chronist versucht es trotzdem.

Nein, der Berichterstatter darf jetzt nicht kneifen. Er hat bereits das schmähliche 0:4 von Bern ausführlich und objektiv geschildert. Jetzt gehört es sich, dass er auch die Heldentat des SC Bern getreulich rapportiert. Dieses 4:3 in Zug, diesen Sieg, der den Bernern den Weg zum Meistertitel offen hält. Zum vierten Mal in diesen Playoffs hat der SCB ein Spiel der letzten Chance gewonnen.

Im Normalfall berichtet der Chronist nur über das, was er auf dem Eis sieht. Über die Kunststücke oder Missgeschicke der Spieler. Und ab und zu auch über die Entscheide der Schiedsrichter. Aber hin und wieder muss er auch die Massnahmen des Trainers zum Thema machen. Erst recht in einer so ausgeglichenen Serie wie diesem Halbfinale zwischen dem SC Bern und dem EV Zug. Jedes Detail kann entscheiden. Jeder Entscheid des Coaches fatale Auswirkungen haben. Und genau dies ist nun passiert.

Der Coach der Zuger hat mutwillig die Hockeygötter herausgefordert und ist dafür bestraft worden. Bisher hatte Zugs charismatischer Bandengeneral Doug Shedden in diesen Playoffs alles richtig gemacht. Lugano im Viertelfinale in 7 Spielen eliminiert. Und jetzt, so kurz vor dem Triumph, vor seinem ersten Finaleinzug, hat er gleich zwei der wichtigsten ungeschriebenen Gesetze des Eishockeys ignoriert.

Erstens: «Never change a winning team!» («Verändere nie eine siegreiche Mannschaft!»).

Zweitens: Achte darauf, dass die Mittelachse (die Centerpositionen) stark besetzt sind. Ein erfolgreiches Team dreht sich sozusagen um die Mittelachse, wird geführt und geprägt durch seine Mittelstürmer.

Shedden wechselt ein Rädchen im System - ohne Not

Zug ist im Laufe dieser Halbfinalserie eine gut funktionierende Hockeymaschine geworden. Ganz speziell am vergangenen Donnerstag beim 4:0 in Bern. Da gelang die nahezu perfekte Leistung. Taktisch hat der EVZ in dieser Saison wahrscheinlich nie so fehlerfrei und klug gespielt. Selbst nach den beiden Heim-Halbfinalheimsiegen (8:2 und 5:2) hat es kritische Stimmen gegeben, die sagten, es sei bei weitem nicht so klar gewesen wie das Resultat vermuten liesse. Aber dieses 4:0 zu Bern brachte alle Kritikerinnen und Kritiker zum verstummen.

Und nun hat Doug Shedden ohne Not ein wichtiges Rädchen in diesem perfekt funktionierenden Mechanismus ausgewechselt. Der kanadische Mittelstürmer Domenico Pittis, der beim 4:0 in Bern das so wichtige 1:0 vorbereitet hatte, mit seiner Bissigkeit den SCB-Stars unter die Haut gegangen war und der die vierte Linie als Center stabilisiert hatte, musste wieder auf die Tribune und dem Flügel-Schillerfalter Linus Omark Platz machen.

Dieser Umbau der siegreichen Zuger Hockeymaschine sollte fatale Auswirkungen haben. Der schwedische Traumtänzer war wohl Topskorer der Qualifikation. Deshalb trägt er ja den gelben Helm. Aber in dieser Halbfinals ist Linus Omark eine Nullnummer sondergleichen: Nur zwei Assists beim 8:2 im zweiten Spiel und sonst dreimal (!) ohne Skorerpunkt. Richtigerweise hatte Shedden im 5. Spiel in Bern erstmals in diesem Halbfinale Domenico Pittis für Linus Omark gebracht. Zugs Trainer hatte sich vom 5:2 im vierten Spiel nicht blenden lassen und erkannt, dass er fürs dritte Auswärtsspiel in Bern etwas verändern musste um endlich den zum Weiterkommen notwendigen Auswärts-Sieg einzufahren. Und siegte tatsächlich 4:0. Domenico Pittis assisitierte zum bereits entscheidenden 1:0 und die Zuger holten in Bern den vermeintlich vorentscheidenden Auswärtssieg.

Disput in den Katakomben des Zuger Hockeytempels

Die Frage des Chronisten geht also an Doug Shedden: Warum haben Sie das eherne Gesetz «Never change a winning team» nicht respektiert? «Wer sagt denn, das sei ein Gesetz?» – «Die Kanadier, also Ihre Landsleute. Und deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Sie das siegreiche Team umgestellt haben.» – «Ach was, ich bin ja schon ein halber Schweizer.» – «Aber warum haben Sie umgestellt?» – «Ich habe schon mehrmals nach einem Sieg umgestellt und es hat funktioniert.»

Dieser Disput hat nach dem Spiel in den Katakomben des schmucken Zuger Hockeytempels stattgefunden. Und es ist natürlich immer ein wenig unfair, hinterher den Schlauen zu spielen. Nach dem Krieg ist jeder Soldat General und jeder Chronist Hockeytrainer. Wenden wir uns deshalb wieder dem Spielgeschehen zu und schildern ganz unpolemisch, was sich denn tatsächlich zugetragen hat.

Die Zuger strahlen nicht mehr dieselbe Sicherheit aus wie beim 4:0 in Bern. Sie wirken «omarkisiert». Nach einer starken ersten Hälfte verkompliziert sich das zuletzt so geradlinige, kompromisslose, urige Spiel. Weder das 1:0 noch das 2:1 bringen die Stabilität zurück. Die anfängliche Dominanz in den Zweikämpfen geht im Laufe des Spiels verloren. Die Zuger haben den grössten Triumph seit dem Meistertitel von 1998 zum Greifen nah – und sie schaffen es nicht. Der weiche, checkscheue Linus Omark verzögert nicht nur ständig das Spiel und das Powerplay. Er verliert fast alle Zweikämpfe und leitet schliesslich durch einen Scheibenverlust im Powerplay den alles entscheidenden Gegentreffer von Martin Plüss zum 2:4 ein (48. Min). Der Untergang. Vielleicht sogar das Ende aller Final- und Titelträume.

Rudolf Steiner-Schule des Eishockeys

Der SCB hat den Sieg verdient. Er ist von den Schiedsrichtern nicht bevorzugt worden. Seit verschiedene Medien die «SCB-Verschwörung» thematisiert haben und nun auch noch Florian Kohler, der Grossbub des einstigen SCB-Präsidenten Werner Kohler, neuer Verbands-CEO geworden ist, und bald in jedem Verbands- und Ligabüro ein Bär sitzt, befleissigen sich die Unparteiischen noch mehr, unparteiisch zu sein. Um ja nicht den Eindruck zu erwecken, der SCB werde bevorzugt. Ab dem zweiten Drittel hatten die Berner in den Zweikämpfen die «Lufthoheit». Mit dem Selbstvertrauen und der Zweikampfstärke der Feldspieler kehrte bei Marco Bührer die Sicherheit zurück. Er steigerte seine Abwehrquote von 80 Prozent (beim gründonnerstäglichen 0:4) auf 90,63 Prozent.

Wie ist es möglich, bloss zwei Tage nach einer schmählichen Niederlage wieder zu siegen? Es ist eines der spektakulärsten Comebacks seit Kavallerie-General Fürst Gebhard von Blücher im Juni 1815 nur zwei Tage nach der schmählichen Niederlage von Ligny den grossen Napoléon bei Waterloo besiegte. Offenbar brauchten die Berner einmal mehr ein Spiel der allerletzten Chance, um bei ihrem «Selbstverwaltungs-System» alle Energien zu mobilisieren, aus der Komfortzone herauszukommen und ihren Trainer Antti Törmänen zu retten. Dreimal haben sie bereits das Spiel der allerletzten Chance im Viertelfinale gegen Servette gewonnen und aus einem 1:3 ein 4:3 gemacht. Und jetzt sind sie drauf und dran, auch das Halbfinale nach einem 2:3-Rückstand doch noch zu einem guten Ende zu bringen.

Die Kritiker des SCB-Trainers sagen: Die Mannschaft, diese «Hockey-Kommune», coachte sich unter Anleitung der Leitwölfe Byron Ritchie und Martin Plüss (gestern der beste Spieler) wieder einmal selbst. Seine Anhänger (und dazu gehört SCB-General Marc Lüthi, der Mann, der beim SCB immer recht hat) aber sagen: Der SCB-Trainer ist eben ein moderner Trainer. Er setzt klug auf die Eigenverantwortung der Spieler und diese schöpfen Energie aus dieser Freiheit. Die in Ehren ergrauten Leitwölfe haben wieder einmal das Vertrauen gerechtfertigt, die Verantwortung übernommen und das Team zum Sieg geführt. Sie funktioniert eben doch, diese «Rudolf Steiner-Schule des Eishockeys.»

Wo bleibt da der Respekt?

Es geht nun für den SCB am Ostermontag nicht bloss um den Einzug ins Finale. Die Berner haben eine verheissungsvolle Ausgangslage. Sie können, wenn sie denn das Finale schaffen und den Schalter doch noch finden, um das «Freilos EV Zug» einzulösen, sogar Meister werden. Denn vor dem HC Fribourg-Gottéron haben sie keine Angst. Tief in der Seele Gottérons schlummert immer noch die Finalniederlage von 1992 gegen den SC Bern, die bitterste Schmach der Klubgeschichte. Und wenn der EV Zug nach einer 3:2-Führung doch das Finale verpasst, wird Doug Shedden nach dem fünften Halbfinal-Scheitern in Serie der charismatischste Verlierer ausserhalb der NHL sein.

Dem Chronisten ist übrigens in Zug einmal mehr empört vorgehalten worden, es gehöre sich einfach nicht, Zug als «Freilos» für den SCB zu bezeichnen. Es sei schon eine unerhörte Frechheit gewesen, Servette als «Freilos» zu betiteln. Wo bleibt da der Respekt vor dem Gegner?

Nun, der Chronist entschuldigt sich nicht. Servette hatte eine 3:1-Führung auf schier unglaubliche Art und Weise aus der Hand gegeben. Das passiert nur einem «Freilos». Und nun hat der EV Zug eine riesige Chance zur Finalqualifikation leichtfertig vergeben. Wie ein «Freilos» halt.

Die Arroganz ist zurück

Und was sagt SCB-General Marc Lüthi zur wundersamen Wende? Er ist knurrig. «Am Montagnachmittag ist wieder ein Spiel.» Er lässt sich, leider, zu keiner Aussage verleiten, aus der sich eine Polemik drechseln liesse. Er bleibt dabei: «Am Montagnachmittag ist wieder ein Spiel.»

Marc Lüthi sagt es nicht. Aber ich bin sicher, er denkt es: Jetzt ist dem SCB der Finaleinzug sicher. Das Selbstvertrauen, die Arroganz sind zurück. Aber wir sollten nicht vergessen: Das Spiel, das am Montagnachmittag im Berner Hockeytempel ausgetragen wird, beginnt beim Stande von 0:0. Auch ein «Freilos» muss zuerst eingelöst werden. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass ein «Freilos» nicht eingelöst werden kann und der EV Zug gewinnt.

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