Proteste wegen Eurokrise: Ist es mit der Empörung schon vorbei?
Aktualisiert

Proteste wegen EurokriseIst es mit der Empörung schon vorbei?

In Athen kam es nach der Abstimmung über das Sparpaket zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Zur gleichen Zeit brachen Demonstranten in Spanien ihre Proteste ab. Ein «Empörter» erklärt, wieso.

von
Karin Leuthold

Fast sechs Wochen lang protestierten in Spanien junge Menschen gegen ein politisches System, das nicht ihre Interessen, sondern jene der finanziellen und wirtschaftlichen Eliten vertritt. Mit wochenlangen Lageraktionen machten sie ihre Wut Luft gegen die düsteren wirtschaftlichen Aussichten, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und den Umgang der spanischen Politiker und Finanzinstitutionen mit der Wirtschaftskrise.

Mitte Juni beendeten die jungen Demonstranten in Madrid ihren Protest, der am 15. Mai begonnen hatte. Am Donnerstag folgten die katalanischen «Empörten». Friedlich brachen sie Zelte und Stände ab und verliessen die Plaza de Catalunya im Zentrum Barcelonas.

Ist in Spanien jetzt alles in Ordnung?

Das Datum für den spanischen Abbruch der Proteste ist erstaunlich, auch wenn es nicht absichtlich so gewählt wurde. Denn während sich die Spanier brav auf dem Heimweg machten, gingen zur gleichen Zeit in Griechenland die Menschen zu Tausenden auf die Strasse, um gegen die Abstimmung über das Sparpaket zu demonstrieren. Hunderte Randalierer lieferten sich zudem harte Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Doch von einem Ende der Wirtschaftskrise in Spanien kann nicht die Rede sein. Warum haben sie dann ihre Proteste abgebrochen? 20 Minuten Online fragte bei einem «Indignado» nach. Antonio N. (Name der Redaktion bekannt) wohnt in Cádiz und nimmt aktiv als Organisationsmitglied der Bewegung «Democracia Real YA!» an den regelmässigen Aktionen teil.

Madrid hat vor zwei Wochen mit den Protesten aufgehört, Barcelona jetzt auch. Was ist los? Sind Sie schon müde geworden?

Antonio N.: Nein, überhaupt nicht. Kein bisschen. Das hat erst angefangen.

Aber warum räumen Sie dann die Plätze?

Weil die Lageraktionen nur ein winziger Teil der Proteste sind. Es ist nur eine der vielen Initiativen innerhalb der gesamten Bewegung. Wir glauben, dass jede Aktion eine Art Ablaufdatum hat. Man darf sie nicht allzu stark strapazieren, denn dann werden sie nutzlos.

Was war denn das Ziel dieser ersten Phase?

Dass jeder und jede mal das Mikrofon in die Hand nahm und seinen Frust ausdrücken konnte. Es waren demokratische Versammlungen, bei denen jeder, dem daran lag, das Wort ergreifen durfte. Es sollte zunächst ein Bewusstsein der Situation entstehen. Mehr als das wollten wir gar nicht.

Hat die erste Phase etwas gebracht?

Ich glaube schon. Die Leute beginnen, ihre Augen zu öffnen und zu merken, dass wir in einer Diktatur der Märkte leben. Ich meine, schauen Sie das neue Sparpaket in Griechenland an. Steuern werden erhöht, Löhne gesenkt, 150 000 Staatsangestellt auf die Strasse gestellt, und die Börsen reagieren positiv. Das ist doch wahnsinnig!

Gibt es also weitere Phasen?

Definitiv. Nach dem Sommer bereiten wir uns für eine grosse Tagung vor, die am 15. Oktober weltweit stattfinden wird. Dafür organisieren wir uns über die sozialen Netzwerke. Es wird eine globale Aktion sein.

Haben Sie keine Angst vor der Repression der Polizei, wie kürzlich in Barcelona?

Ich persönlich nicht. Ich bin der Meinung, dass ich da auch nicht alleine bin. Wer die Schnauze wirklich voll hat, hat keine Angst mehr.

Wie reagierte bisher die politische Ebene auf Ihre Aktionen?

Ich habe unterschiedliche Reaktionen bemerkt. Auf der einen Seite freute ich mich zu erfahren, dass an einer Generalversammlung des Banco de Santander ein Aktionär das Wort ergriff und über das «Wuchersystem» der Bank schimpfte. Die Politiker sind eher verwirrt und wissen noch nicht recht, was diese Bewegung in Wirklichkeit bedeutet.

Haben die Politiker Angst?

Ja, ich glaube, sie haben tatsächlich Angst. Auf der einen Seite, weil sie nicht wissen, wie sie mit dieser Energie umgehen sollen. Andererseits haben die linken Parteien Angst, Wähler zu verlieren. Die Linke hat bis jetzt Verständnis für unsere Bewegung gezeigt, aber ich denke, das war nicht aufrichtig. In Wirklichkeit haben sie Panik davor, ihre Wählerschaft zu verlieren.

Und wie war die Reaktion der Medien?

Tja, die Journalisten müssen immer versuchen, alles zu erklären. Sie glauben, etwas «verstehen» zu müssen und merken gar nicht, dass es nicht darum geht zu «verstehen», sondern zu «fühlen». Hier geht es darum, die Empörung, die wir haben, zu spüren. Andererseits glaube ich, wollen sie uns «verstehen», um uns angreifen zu können. Und da merkt man, dass die Rechte vor allem sich vor uns fürchtet. Es gibt Journalisten von rechtsorientierten Zeitungen, wie La Razón zum Beispiel, die die «Empörten» unbedingt mit der ETA (Anm. der Redaktion: ETA ist die separatistische baskisch-nationalistische Untergrundorganisation) verbinden will. Lächerlich.

Hat die Rechte auch Angst?

Es tut sich langsam was. Ich glaube, dass die Rechte, die nie Respekt vor den Bedürfnissen des Volkes zeigte, zum ersten Mal eine Entgegnung vom Volk hinnehmen musste. Sie ist baff und sie hat Angst, dass sie diese Bewegung, dieses Tun, nicht kontrollieren kann. Sie will ihre Macht nicht verlieren, aber ihr System ist so veraltet, dass sie nicht weiss, wie sie sich jetzt verhalten soll.

Was ist Ihr persönliches Gefühl?

Ich bin optimistisch!

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