Schweizer Geiseln: Ist in dieser Ödnis eine Flucht möglich?
Aktualisiert

Schweizer GeiselnIst in dieser Ödnis eine Flucht möglich?

Hartnäckig hält sich die Vermutung, dass David O. und Daniela W. den Taliban entkamen. Experten erklären, wie sich dies abgespielt haben könnte.

von
Daria Wild und Joel Bedetti

Eine schroffe, zerklüftete Gebirgsödnis, so weit das Auge reicht. Eisige Temperaturen in der Nacht. Eine Bevölkerung, deren Sprache man nicht versteht und deren Sympathie für Westler begrenzt ist. Geiselnehmer, die die Gegend kennen wie ihre Westentasche und nicht für ihre Sanftmut bekannt sind. Wie wahrscheinlich ist es, dass man als Geisel unter diesen Umständen eine Flucht wagt?

Am Donnerstagmorgen meldete die pakistanische Armee, dass die Schweizer Geiseln David O. und Daniela W. nach acht Monaten den Taliban-Entführern entkommen seien. Obwohl Experten bezweifeln, dass das möglich ist, hält sich die Befreiungsversion. Bundesrat Didier Burkhalter bestritt an der Pressekonferenz vehement, dass die Flucht ein inszeniertes Spektakel sei, um eine Lösegeldzahlung zu vertuschen.

Video von Schweizer Geiseln aufgetaucht

Schickten Taliban sie weg?

Auch ein Mitarbeiter des gut informierten Geneva Centre for Training and Analsysis of Terrorism versichert gegenüber 20 Minuten Online, von mehreren glaubwürdigen Quellen aus Bern und Pakistan erfahren zu haben, dass das Berner Paar tatsächlich geflohen sei. Dafür gebe es einige Indizien, sagt der Mitarbeiter. «Nach der ersten Meldung, dass die Geiseln frei seien, kontaktierten wir unsere Taliban-nahen Quellen», sagt die Person, «die verneinten zuerst entschieden, dass die Geiseln frei seien.» Nach einer Weile hiess es aus denselben Quellen plötzlich, man habe die Geiseln freigelassen.

Videobotschaft der Geiseln (Teil 2)

«Ganz undenkbar ist die Flucht nicht», sagt der Terrorismus-Experte, «die Erfahrung zeigt, dass gerade in Krisensituationen alles möglich ist.» Aber er hält es für wahrscheinlicher, dass die beiden bei der Flucht unterstützt wurden. «Es gibt Hinweise, dass sie, vielleicht bei einem Telefongespräch, signalisieren konnten, dass sie etwas planen.» Die Person vermutet, dass die Geiseln nicht weit vom Armeecheckpoint Spliga entfernt festgehalten wurden.

Friedensverhandlungen

Auch Yahya Bajwa, Aargauer Grossrat und Pakistan-Kenner, vermutet, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt. Allerdings glaubt er, dass die Taliban doch nicht ganz unbeteiligt gewesen sein könnten. Bajwa zufolge könnten die Taliban die beiden einfach in die Richtung losgeschickt haben, in der der nächste Armeecheckpoint lag. «In dem ganzen Stress hatten die Geiseln vielleicht das Gefühl, dass sie tatsächlich flohen.»

Dafür, dass die Taliban den beiden vielleicht absichtlich eine Gelegenheit zur Flucht gaben, spricht auch die politische Situation im pakistanischen Grenzgebiet Wasiristan, wo David O. und Daniela W. entführt und festgehalten wurden. Taliban und pakistanisches Militär ringen dort um die Vorherrschaft. Das zeigt sich in der Stadt Miran Shah, nahe der die Geiseln aufgegriffen wurden.

«In Miran Shah fährt nach 17 Uhr kein Bus mehr rein oder raus. Am Tag wird die Stadt vom Militär kontrolliert, in der Nacht von den Taliban. Schiessereien sind an der Tagesordnung», sagt Yahya Bajwa. Seit 2009 der Taliban-Chef Baitullah Mehsud bei einem Angriff von US-Drohnen starb, sind die Gotteskrieger in der Region auch unter sich zerstritten. Um die Nachfolge Mehsuds ist ein Machtkampf zwischen den Führern Waliur Rehman und Hakimullah Mehsud entbrannt.

Zeichen des guten Willens

Die beiden trennen aber auch politische Differenzen. Hakimullah will den bewaffneten Kampf mit allen Mitteln fortführen. Der eher besonnene Rehman, der die beiden Geiseln hielt, scheint gewillt, mit der pakistanischen Regierung Friedensverhandlungen zu führen.

Eine Abmachung könnte gemäss dem Genfer Terrorismus-Zentrum GCTAT sein, dass die Regierung mehr in die Infrastruktur der Region investiert, die Taliban aber künftig auf Entführungen verzichten. Rehman sei auch in Kontakt mit der Regierung wegen der Geiseln gewesen, heisst es aus dem GCTAT. Pakistan habe im Verlaufe der Verhandlungen bereits einige Taliban-Kämpfer freigelassen. «Das gute Ende der Geiselnahme kann sicher als Schritt der Annäherung zwischen Taliban und Regierung gewertet werden», sagt der Terrorismusexperte des Genfer Think-Tanks.

Vielleicht liessen die Taliban Daniela W. und David O. also als Zeichen des guten Willens Reissaus nehmen.

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