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«Time-Out»Ist Marco Bührer verletzt?

Das grandiose Finale der Lottergoalies geht über die volle Distanz. Die Entscheidung fällt am Dienstag in Bern. Die alles entscheidende Frage: Was ist mit SCB-Goalie Marco Bührer los?

von
K. Zaugg

Eigentlich liesse es sich jetzt lustvoll gegen SCB-Torhüter Marco Bührer (32) polemisieren. Nach dem 5:3 wird der SCB-Meistergoalie von 2004 und 2010 im Hallenstadion vom Eis geholt und durch Olivier Gigon ersetzt. Im 10. Playoffinale seiner Geschichte muss ein SCB-Coach erstmals seinen Goalie auswechseln.

Marco Bührer erreichte am Samstag bloss eine Fangquote von 79,20 Prozent. Gut ist nur eine Quote ab 90 Prozent. Er hat die 3:6-Niederlage im 6. Spiel auf dem Gewissen. Die Zeiger rücken schon auf Mitternacht zu. Die schwache Leistung von Marco Bührer beschäftigt mich immer noch: Er war doch in der Form seines Lebens. Bisher 95,40 Prozent Fangquote in diesen Playoffs. Sogar besser als in den Meisterjahren 2004 (91,90 Prozent) und 2010 (91,32 Prozent).

Im aktuellen Finale hat Marco Bührer zweimal hintereinander keinen Gegentreffer zugelassen – im dritten (3:0 in Bern) und im vierten Spiel (2:0 in Zürich). Und er liess in den ersten vier Finalpartien nur vier Gegentore zu (4:2, 1:2, 3:0, 2:0).

Fangquote von 79,20 Prozent

Aber nun hat der SCB-Goalie die zweite Niederlage hintereinander mitverschuldet. Der Verlängerungs-Siegestreffer von Mathias Seger am Donnerstag (zum 1:2) war haltbar. Und nun das Drama in Spiel sechs im Hallenstadion: Das 1:0 hätte ein durchschnittlicher Torhüter verhindert. Das 2:0 und das 4:2 hätte ein grosser Torhüter nicht kassiert. Zwingend sind nur das 3:0, das 5:3 und definitiv das 6:3 ins leere Gehäuse. Marco Bührer erreichte in diesem sechsten Spiel bloss eine Fangquote von 79,20 Prozent. Gut ist nur eine Quote ab 90 Prozent.

Die Statistik spricht eine klare Sprache. Ein Steilpass für eine kernige Polemik. Da läuft mir einer aus dem Hofstaat von SCB-König Marc Lüthi über den Weg. Einer, der auch Zutritt zu allen SCB-Logen hat und so viel weiss, dass er eigentlich nicht mit Chronisten fachsimpeln sollte. Sein Name ist mir soeben entfallen. Er sagt mir: «Bist Du wirklich sicher, dass Marco Bührer ein Lottergoalie ist? Hast Du genau hingeschaut? Ist Dir am Donnerstag im fünften Spiel in Bern nichts aufgefallen?»

Tatsächlich hat es am Donnerstag im Schlussdrittel eine Situation gegeben, die mir jetzt wieder in den Sinn kommt: Marco Bührer wird unter einem Haufen feindlicher und freundlicher Spieler begraben. Es geht eine Weile, bis alle wieder auf den Beinen sind. Was, wenn sich der SCB-Goalie in dieser Szene auf der Fanghandseite an der Schulter verletzt hat? Das würde den dramatischen Leistungseinbruch erklären. Den kuriosen Verlängerungssiegestreffer von Mathias Seger im fünften und auch das wegweisende 1:0 im sechsten Spiel.

Lahmt Marco Bührers Fanghand?

Über den Gesundheitszustand der Spieler gibt es während der Playoffs keine offiziellen Informationen. Das Rätsel um die Form von Marco Bührer kann nicht gelöst werden. Alles bleibt deshalb Spekulation. Unter diesen Umständen mache ich keine Polemik. Aber die Chronistenpflicht ist zu erfüllen: Das samstägliche 3:6 in Zürich ist eine der schlimmsten SCB-Niederlagen im 21. Jahrhundert.

Die Blackouts von Torhüter Marco Bührer haben im 16. Playoffspiel den ersten SCB-Systemausfall ausgelöst. Am Samstag waren die Berner im Hallenstadion erstmals im Finale nicht mehr dazu in der Lage, durch taktische Schlauheit, Kraft, Härte, Wasserverdrängung und Disziplin das gegnerische Spiel zu ersticken und zum Stillstand zu bringen. Jede Defensiv-Taktik ist halt nur so gut wie der Torhüter, der sie absichert. Mit einem Lottergoalie funktioniert auch Antti Törmänens Ant(t)i-Hockey nicht.

War es ein Fehler, Marco Bührer vom Eis zu holen? Der SCB-Coach sagt, es sei eine taktische Massnahme gewesen. Aber ein ungeschriebenes Gesetz sagt, dass in solchen Situationen dem Goalie niemals durch eine Auswechslung das Vertrauen entzogen werden darf. ZSC-Bandengeneral Bob Hartley streute noch ein wenig Salz in die SCB-Goalie-Wunden, wenn er sagt: «Ich habe in einem Finale nie einen Torhüter ausgewechselt. In solchen Momenten muss man seinem Torhüter zeigen, dass man unbedingtes Vertrauen hat, komme was wolle.»

Aber eben: Was ist, wenn Marco Bührer nicht fit ist? Wenn er zwecks Schonung vom Eis geholt worden ist?

Märchenhafter Abgang von Ari Sulander

Auch Bob Hartley hat seinen Torhüter gewechselt. Aber im Triumph. 32 Sekunden vor Schluss schickt er Ari Sulander (43) für Lukas Flüeler zum allerletzten Einsatz im Hallenstadion aufs Eis. Ja, dieser würdige, geradezu märchenhafte Abgang von Ari Sulander – er wird nach Finnland zurückkehren - war möglicherweise ein entscheidender Motivationskick für die ZSC Lions: Die Spieler wussten, dass dieser Abschied nur bei frühzeitiger Entscheidung möglich sein würde. Und sie taten alles, um diese Entscheidung rechtzeitig herbeizuführen. «Unsere Mannschaft hat einen sehr starken Zusammenhalt und alle haben wie verrückt gearbeitet, um Ari Sulander diesen Abschied zu ermöglichen» sagt Bob Hartley.

Der Einsatz von Ari Sulander war die finale Demütigung für den SC Bern. Eine Machtdemonstration: Seht her, wir sind jetzt so stark, dass wir es uns leisten, unseren Goalie in einem Playoffinale zu verabschieden. Zum ersten Mal in der Geschichte unserer Playoffs (seit 1985/86) sind in einem einzigen Finalspiels vier Torhüter zum Zuge gekommen: Marco Bührer, Olivier Gigon, Lukas Flüeler und Ari Sulander.

In diesem grandiosen Finale der Lottergoalies hatte Ari Sulander am Samstag als Motivator mehr Einfluss auf das Spiel als Lukas Flüeler und Marco Bührer durch ihre Paraden. Noch einmal hat der Mythos Sulander gewirkt. Der eingebürgerte Finne geht als einer der grössten NLA-Torhüter aller Zeiten in die Geschichte unseres Eishockey ein: Meister 2000, 2001 und 2008, Triumphator in der Champions Hockey League und im Victorias Cup 2009.

Der vierte Sieg ist immer der schwierigste

Nach dem dritten Sieg ist SCB-Trainer Antti Törmänen gefragt worden, ob er die Allerwelts-Playoffweisheit «der vierte Sieg ist immer der schwierigste» bestätigen könne. Nein, das könne er nicht. «Ich habe diese Situation noch nie erlebt, also kann ich sie nicht beurteilen.» Nun weiss auch er aus eigener Erfahrung: Der finale vierte Sieg ist immer der schwierigste. Der entscheidende vierte Sieg ist dem SCB immer noch nicht gelungen.

Auch 2010 hat der SCB eine 3:1 Führung im Finale preisgegeben und dann den Titel im 7. Spiel im Berner Hockey-Tempel trotzdem geholt. Doch die ZSC Lions sind eine Nummer grösser als damals Servette. Und Marco Bührer ist vor dem 7. Spiel entweder nicht fit oder eine Nummer kleiner als im Finale von 2010.

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