07.10.2016 10:45

HöchstalterIst mit 125 Jahren wirklich Schluss?

Unter Forschern ist ein Streit darüber entbrannt, wie lange ein Mensch leben kann. Die einen setzen das Limit bei 125 Jahren an, andere halten das für Mumpitz.

von
jcg
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116 Jahre: So alt ist zurzeit Emma Morano aus Verbania in Italien, die hier ein Porträt von sich aus jüngeren Jahren betrachtet. Sie ist der letzte noch lebende Mensch, der das 19. Jahrhundert noch erlebt hat.

116 Jahre: So alt ist zurzeit Emma Morano aus Verbania in Italien, die hier ein Porträt von sich aus jüngeren Jahren betrachtet. Sie ist der letzte noch lebende Mensch, der das 19. Jahrhundert noch erlebt hat.

AP/Antonio Calanni
Ihr Arzt Carlo Bava nennt sie ein medizinisches und wissenschaftliches Phänomen. Morano wurde am 29. November 1899 geboren.

Ihr Arzt Carlo Bava nennt sie ein medizinisches und wissenschaftliches Phänomen. Morano wurde am 29. November 1899 geboren.

AP/Antonio Calanni
Knapp fünf Monate älter war Susannah Mushatt Jones aus Brooklyn. Vom 17. Juni 2015 bis zu ihrem Tod am 12. Mai 2016 im Alter von 116 Jahren und 311 Tagen galt sie als ältester lebender Mensch.

Knapp fünf Monate älter war Susannah Mushatt Jones aus Brooklyn. Vom 17. Juni 2015 bis zu ihrem Tod am 12. Mai 2016 im Alter von 116 Jahren und 311 Tagen galt sie als ältester lebender Mensch.

AP/Richard Drew

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch jemals älter als 125 Jahre werde, sei extrem gering. Das schreiben US-Forscher im Fachblatt «Nature». Der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung im deutschen Rostock, James Vaupel, hält dagegen: Die Studie trage nichts zum wissenschaftlichen Verständnis davon bei, wie lange wir leben.

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt kontinuierlich gestiegen. Lag sie bei Menschen, die im Jahr 1900 etwa in Frankreich geboren wurden, noch bei wenig mehr als 45 Jahren, werden im Jahr 2000 geborene Kinder ein durchschnittliches Alter von mehr als 75 Jahren erreichen.

Den Anstieg der Lebenserwartung führen Experten vor allem auf den medizinischen und technologischen Fortschritt zurück. Der habe zunächst die Säuglings- und Kindersterblichkeit eingedämmt, heute vor allem die Sterblichkeit im höheren Alter.

Gibt es eine maximale Lebensdauer?

Auch das maximale Alter zum Zeitpunkt des Todes ist in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gestiegen. Der Mensch mit dem bisher höchsten erreichten Lebensalter ist die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren gestorben war. Doch wie geht es weiter? Nähern wir Menschen uns mittlerweile einem Lebenszeit-Limit, das nicht mehr überschritten werden kann? Oder können wir unter optimalen Bedingungen noch älter werden? Diese Frage ist bisher unbeantwortet.

Die Forscher um Jan Vijg vom Albert Einstein College of Medicine in New York hatten für ihre Studie Geburts- und Sterbedaten aus mehr als 40 Ländern analysiert. Unter anderem analysierten sie Daten aus Frankreich, Japan, Grossbritannien und den USA zum maximalen Lebensalter. Das Ergebnis: Seit den 1990er Jahren ist das maximale Lebensalter nicht weiter nach hinten verschoben worden.

«Demografen und Biologen haben argumentiert, es gebe keinen Grund anzunehmen, dass der derzeitige Anstieg der maximalen Lebenspanne demnächst endet», erläutert Studienleiter Vijg. «Aber unsere Daten sprechen dafür, dass das bereits geschehen ist, und zwar in den 1990er Jahren» – das bekannt gewordene Maximalalter eines Menschen liege für diese Zeit im Durchschnitt bei 115 Jahren.

Aus weiteren statistischen Berechnungen schlossen die Forscher, dass ein Alter von 125 Jahren mit grosser Sicherheit die absolute Obergrenze sei. Die genauen biologischen Gründe für die Begrenzung der Lebensspanne kennen die Wissenschaftler indes nicht.

Zweifelhafte Schlüsse

Die Publikation basiere auf der selektiven Nutzung von Daten und ziehe einseitige Schlüsse, die durch die Daten nicht gedeckt werden, kommentiert Vaupel, der derzeit am Max-Planck-Institut für demografische Forschung die Arbeitsbereiche Altern und Langlebigkeit sowie Evolutionäre Demografie leitet.

«Es ist entmutigend, wie oft der gleiche Fehler in der Wissenschaft gemacht und in angesehenen Fachjournalen publiziert werden kann», so Vaupel weiter. Studien wie diese würden veröffentlicht, weil es vielen Leuten plausibel erscheine, dass die maximale Lebensspanne nicht viel weiter ansteigen kann.

Seiner Ansicht nach gibt es keine Hinweise auf eine natürliche Obergrenze der Lebenszeit. In der Vergangenheit ausgerufene Grenzen seien wiederholt widerlegt worden. «Vor 100 Jahren nahm man an, dass die durchschnittliche Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten werde. Als dann der Gegenbeweis sichtbar wurde, wurde die Grenze wieder und wieder nach oben verschoben», so Vaupel. (jcg/sda)

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