«12 Stämme» – Ist Shalomah bei der Sekte, die Kinder täglich mit Stockhieben züchtigt?

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«12 Stämme»Ist Shalomah bei der Sekte, die Kinder täglich mit Stockhieben züchtigt?

Seit Samstag wird in Deutschland Shalomah Hennigfeld (11) vermisst. Auch am Montag fehlt von ihr jede Spur. Die Pflegeeltern des Mädchens haben ein Mail erhalten, dass es Shalomah gut gehe.

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Auch am Montag gilt die elfjährige Shalomah Hennigfeld als vermisst, wie ein Polizeisprecher sagte.

Auch am Montag gilt die elfjährige Shalomah Hennigfeld als vermisst, wie ein Polizeisprecher sagte.

Polizei
Das Mädchen gehörte zu den 40 Kindern von Mitgliedern der Sekte «12 Stämme», die 2013 in Klosterzimmern (im Bild) per Gerichtsbeschluss bei Pflegefamilien untergebracht wurden. 

Das Mädchen gehörte zu den 40 Kindern von Mitgliedern der Sekte «12 Stämme», die 2013 in Klosterzimmern (im Bild) per Gerichtsbeschluss bei Pflegefamilien untergebracht wurden.

AFP
Die christlich-fundamentalistische Gruppierung ist dafür bekannt, Kinder zu züchtigen und ihre Mitglieder vollkommen zu kontrollieren. Die Rede ist von einer «Religionsdiktatur» der Sekte.

Die christlich-fundamentalistische Gruppierung ist dafür bekannt, Kinder zu züchtigen und ihre Mitglieder vollkommen zu kontrollieren. Die Rede ist von einer «Religionsdiktatur» der Sekte.

B. Gibson Barkley/Wiki Commons

Darum gehts

  • Bei Augsburg wird seit Samstag die elfjährige Shalomah Hennigfeld vermisst.

  • Das Mädchen lebt seit acht Jahren bei Pflegeeltern. Ein Gericht hatte dies 2013 angeordnet, weil die leiblichen Eltern Mitglieder einer christlich-fundamentalistischen Sekte sind.

  • Der Pflegevater soll ein Mail von der Sekte erhalten haben, dass das Kind in Sicherheit sei – was angesichts der Vergangenheit der Sekte aber fraglich ist.

Rund 100 Einsatzkräfte suchen in Bayern nach der elfjährigen Shalomah Hennigfeld. Sie war am Samstag nach dem Joggen nicht zu ihren Pflegeeltern im schwäbischen Holzheim-Eppisburg bei Augsburg zurückgekehrt.

Das Mädchen ist seit acht Jahren bei einer Pflegefamilie untergebracht. Ein Gericht hatte es 2013 von den leiblichen Eltern getrennt. Denn die biologischen Eltern gehören unbestätigten Meldungen zufolge der Sekte «12 Stämme» an.

Leben in der «Religionsdiktatur»

Die christlich-fundamentalistische Gruppe hat ihre Anfänge in den USA und ist urchristlichen Idealen verpflichtet. In ihren Kommunen gibt es weder Besitztum noch Hierarchien, alle Anhängerinnen und Anhänger leben und arbeiten streng nach dem Wortlaut der Bibel. Europäische Ableger folgten in den 1980er-Jahren in Frankreich und Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland – etwa im Ort Klosterzimmern im bayerischen Landkreis Donau-Ries. Mittlerweile sind die Mitglieder der Sekte von Klosterzimmern nach Skalna in Tschechien umgesiedelt.

Sektenforschende sprechen im Zusammenhang mit den «12 Stämmen» von einer «Religionsdiktatur». Die Kinder der Mitglieder dürfen keine öffentliche Schule besuchen, da dort Sexualkunde und Evolutionstheorie unterrichtet werden. Prügelstrafen gehören zum Alltag, zumal es im alttestamentarischen Buch der Sprüche heisst: «Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.»

«Von klein auf mussten wir für die Sekte schuften»

«Wir standen unter totaler Überwachung», erzählt ein ehemaliges Mitglied der «Tageszeitung». «Ich hatte keine Kindheit. Von klein auf mussten wir für die Sekte schuften.» Einen Lohn erhielt niemand. Ein anderer Aussteiger erzählt der «Süddeutschen Zeitung» von täglichen Schlägen in den «Disziplinierräumen» mit Weidenruten auf den Po. «Manchmal bildet sich am Treppenabsatz zum Keller ein kleiner Stau, weil der Raum noch nicht frei ist. Betäubt und routiniert hören die Kinder die Schreie ihrer Vorgänger und zählen die peitschenden Schläge, die ihre Freunde erhalten.» Jeder Erwachsene habe das Recht zur Züchtigung.

2013 kam es im deutschen Ableger der Sekte zu einem Einschnitt: Einem RTL-Reporter gelang es, heimlich Misshandlungen zu filmen: Kinder wurden im Keller der sekteneigenen Schule mit Stockhieben gezüchtigt und auf den nackten Hintern geschlagen.

Daraufhin griff das Jugendamt ein: Per Gerichtsbeschluss war den Sektenmitgliedern das Sorgerecht über ihre Kinder entzogen worden und am 5. September 2013 holte die Polizei alle 40 Kinder aus den Familien. Sie wurden in Heime und Pflegefamilien gebracht. Unter ihnen dürften sich auch Shalomah, die damals drei Jahre alt war und ihre beiden Geschwister befunden haben.

«Ihre Sehnsucht war in letzter Zeit sehr gross»

Zumindest schrieben Shalomahs leibliche Eltern im selben Jahr einen offenen, zwölfseitigen Brief und baten das Gericht darum, ihre Kinder wieder selbst erziehen zu dürfen, so «RTL». Offenbar erfolgreich: Während Shalomah bei den Pflegeeltern blieb, sollen ihr älterer Bruder und ihre jüngere Schwester seit vier Jahren wieder bei den leiblichen Eltern leben.

Shalomah habe immer ein sehr gutes Verhältnis zu ihren biologischen Eltern gehabt, sagte ihr Pflegevater auf RTL-Anfrage. Alle sechs Wochen habe sie ihre leibliche Familie, die mittlerweile in Tschechien wohnt, gesehen. Die Sehnsucht der Elfjährigen sei in letzter Zeit sehr gross gewesen, berichtet der Pflegevater.

Offenbar Mail von Sekte eingegangen

Die Pflegeeltern sind sich sicher, dass Shalomah sich mit ihren leiblichen Eltern getroffen hat und mit ihnen nach Tschechien gereist ist. Sie hoffen, dass Shalomah sich bald bei ihnen meldet oder die Polizei herausfindet, wo sie ist.

Die Polizei hat bislang weder bestätigt noch dementiert, dass die Elfjährige in der Obhut ihrer biologischen Eltern ist. In der Zwischenzeit geht sie laut dem «Bayrischen Rundfunk» aber einem Hinweis nach, wonach ein Sektenmitglied Shalomahs Pflegeeltern in einem Mail mitteilte, dass sich das Mädchen in Sicherheit bei ihren Eltern befinde. Die Pflegefamilie solle sich keine Sorgen machen. Signiert sei das Mail mit dem Absender «Freunde von Levi» – wobei Levi in der Bibel der Name einer der zwölf Stämme Israels ist.

Die Polizei hält es für möglich, dass die leiblichen Eltern des Mädchens in Zusammenhang mit dem Verschwinden stehen. Sie schliesst aber auch einen Unfall oder eine Straftat noch nicht aus. Nach dem Hinweis auf das eingegangene Mail hat die Polizei die Suche nach dem Mädchen an ihrem Wohnort zunächst unterbrochen und konzentriert sich nun auf die Ermittlungen.

(gux)

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