NHL-Draft: Ist Winnipeg bereit für Bärtschi?
Aktualisiert

NHL-DraftIst Winnipeg bereit für Bärtschi?

Kanada erhält mit Winnipeg ein siebtes NHL-Team. Und wenn beim NHL-Draft alles rund läuft, dann wird Kanada mit Sven Bärtschi auch einen neuen Schweizer NHL-Spieler erhalten.

von
Jürg Federer
USA

Die NHL-Landkarte verändert sich, der Umzug der Atlanta Thrashers nach Winnipeg ist seit vergangenem Dienstag beschlossene Sache. Mit 30:0 Stimmen haben die NHL-Teambesitzer dem Geschäft zugestimmt, das der Provinz Manitoba nach dem Wegzug der Jets im Jahr 1996 nach Phoenix wieder ein NHL Team zusteht. Die kanadische NHL Fraktion stellt neu mit Vancouver, Edmonton, Calgary, Ottawa, Toronto, Montreal und Winnipeg sieben Organisationen. In der ersten NHL-Saison nach der Rückkehr von NHL-Eishockey nach Winnipeg wird das Team oft auf Reisen sein. Weil Winnipeg den Platz von Atlanta einnimmt wird die Organisation aus dem Norden der «Southeast Division» angehören und damit je acht Qualifikationspartien gegen die Teams aus dem amerikanischen Süden (Carolina, Florida, Tampa Bay Lightning und Washington) bestreiten.

Ein Jahr später soll Winnipeg dann der «Western Conference» angeschlossen werden. Um die Parität von je 15 Mannschaften pro «Conference» wieder herzustellen kann die NHL dann ihr unter Zwangsverwaltung geführtes Franchise in Phoenix, einst aus Winnipeg in den Wüstenstaat Arizona gezogen, in den Osten ziehen lassen – nach Québec zum Beispiel, wo Kanada 1995 eine traditionsreiche Mannschaft an den US-Bundesstaat Colorado verlor. Die NHL-Saison 2010/11 nimmt damit, trotzdem dass die Vancouver Canucks auch nach 18 Jahren amerikanischer Erfolge den Stanley Cup nicht nach Kanada zurückbringen konnten, dennoch einen versöhnlichen Abschluss für das Mutterland des Eishockeys.

Bärtschi dereinst bei den ganz Grossen

Bereits am Freitag wird das neue NHL-Team aus Winnipeg seine Zukunft gestalten, wenn in Minnesota der jährliche Draft ansteht. Von den Atlanta Thrashers übernimmt Winnipeg, dessen neuer Teamname (einst die Jets) noch nicht feststeht, den siebten Draftpick. Marcel Comeau, der ehemalige Chefscout der Atlanta Thrashers, wurde die Verantwortung übertragen, mit dem Draft 2010/11 einen erfolgreichen Start in die erste NHL-Saison Winnipegs zu orchestrieren und der ehemalige Minor League Spieler hat dabei ein Auge auf den Schweizer Draftkandidaten Sven Bärtschi geworfen.

Bärtschi hat sich im Schatten des Ausnahmetalents Nino Niederreiter (2010 NHL-Draft-Nummer 5 der New York Islanders) zu einem der vielversprechendsten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs entwickelt und in seiner ersten Saison in der höchsten kanadischen Juniorenliga hat er mit 85 Skorerpunkten aus 66 Qualifikationspartien sowie 26 in 20 Playoffspielen den Eindruck bestätigt, dass er dereinst zu den ganz Grossen im nordamerikanischen Eishockeygeschäft wird zählen können.

«Am Drafttag kann alles passieren»

Bärtschi wird weltweit von André Rufener betreut. Der Spieleragent vertritt auch Nino Niederreiter (New York Islanders), Roman Wick (Ottawa Senators, «Restricted Free Agent») und Luca Sbisa (Anaheim Ducks). Gemeinsam sind Rufener und Bärtschi am Mittwoch nach Minnesota gereist, Bärtschi war bereits zuvor am «NHL Scouting Combine», einem wochenlangen physischen und psychischen Leistungstest der aussichtsreichsten Draftkandidaten, zugegen. In den Fitnesstests hat Bärtschi überzeugt und das grösste Lungenvolumen aller Getesteten aufgezeigt. Der Test ist ein wichtiger Faktor zur Bestimmung der gesamten Fitness eines Athleten.

Vor diesen Leistungstests wurde Bärtschi von 28 aller 30 NHL Teams interviewt. «Sven hat sich dabei sehr gut geschlagen», freut sich Rufener, der das NHL-Geschäft versteht wie kein anderer Spieleragent aus der Schweiz. Er sagt, dass er seinen Spielern jeweils rate, nicht mit Standardantworten auf die gut vorbereiteten Fragen zu reagieren sondern die eigene Persönlichkeit aufzuzeigen. «Schliesslich wird den Spielern in der NHL auch nicht in jeder Sekunde auf dem Eis gesagt, was sie zu tun und zu lassen hätten», so Rufener. Der Spieleragent weiss genauso wenig wie Bärtschi, was am Freitag auf seinen Schützling zukommen wird. «Am Drafttag kann alles passieren», gibt er eine alte Eishockeyweisheit wieder. «Sven wurde von den Buffalo Sabres zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch in den Staat New York eingeladen doch die Sabres, die an 16. Stelle draften werden, gehen davon aus, dass Bärtschi dann nicht mehr im Draft sein wird.» Rufener selbst glaubt daran, dass Bärtschi unter den ersten zehn Spielern sein wird, die von NHL Teams an sich gebunden werden.

Detroit und Montreal wollen Bärtschi nicht

Anders als im NHL Draft vor einem Jahr sind in der diesjährigen Austragung die Karten unter den Spielern klar verteilt. Die ersten fünf Draftpositionen sind nach der Talentsichtung in Stein gemeisselt, welche Clubs diese Draftrechte in Anspruch nehmen werden, ist allerdings offen. Die Edmonton Oilers (1. Draftpick) und die New York Islanders (5. Draftpick) durften nach Jahren sportlicher Misserfolge bereits in der Vergangenheit so viele Athleten früh draften, dass ihr Arsenal an Jungspielern prall gefüllt ist. Für diese beiden Teams drängt sich ein Transfer des Draftrechts auf, im Gegenzug würden dann ausgebildete Spieler zum Club wechseln, die bereits in der kommenden NHL-Saison für Furore sorgen werden. Ähnlich verhält es sich mit den Colorado Avalanche, die ihr Draftrecht an zweiter Stelle behalten werden aber für die Verpflichtung von ausgebildeten Spielern gerne auf ihren Draft an 11. Stelle, den sie in einem Transfer mit St. Louis erworben haben, verzichten werden.

Wird Sven Bärtschi nicht bereits an siebter Stelle von Winnipeg vom Draftmarkt geholt, können die restlichen Teams, die Interesse am Schweizer hegen, mit Colorado ins Geschäft kommen. Bärtschi hat vor allem bei Carolina (12. Stelle), bei den New York Rangers (15. Stelle) und bei Buffalo (16. Stelle) einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch die einzigen Fakten, die bereits heute klar auf dem Tisch liegen, sind: Bärtschi wird weder von den Montreal Canadiens noch von den Detroit Red Wings gedraftet, diese Teams haben ihn am «NHL Scouting Combine» als einzige nicht interviewt, wie Rufener auf Anfrage von 20 Minuten Online bestätigt. Und die alte Eishockeyweisheit, die der Spieleragent zum besten gibt, wird sich auch am Freitag wieder einmal behaupten: «Anything can happen on Draft day – Am Drafttag kann alles passieren.»

Fakten zum NHL Draft 2011

Zulassung

Zum NHL-Draft zugelassen sind grundsätzlich alle Eishockeyspieler, die vor dem 15. September des Draftjahres 18 Jahre alt wurden.

Die Schweizer

Das Central Scouting Büro, das weltweit Spieler, die zum Draft zugelassen sind beobachtet, hat in der abgelaufenen Saison über die folgenden Schweizer Spielerfichen geführt: Sven Bärtschi (Portland Winterhawks / WHL), Dario Trutmann (Plymouth Whalers / OHL), Gregory Hofmann, Daniele Grassi, Inti Pestoni (alle HCAP), Alessio Bertaggia (HCL), Tristan Scherwey, Joel Vermin (beide SCB), Samuel Guerra (HCD), Gaetan Haas (EHCB), Dean Kukan, Sven Andrighetto, Cédric Hächler, Eric Arnold (alle GCK), Luca Boltshauser (ZSC), Dominic Lammer, Christian Marti (beide Kloten), Alban Rexha (SCLT), Dominic Nyffeler und Richard Tanner (beide Rapperswil).

Berechtigte Hoffnungen auf einen NHL Draft haben aber nur folgende Schweizer:

- Sven Bärtschi (erste Draftrunde)

- Gregory Hofmann (ab der vierten Draftrunde)

- Alessio Bertaggia (ab der fünften Draftrunde)

- Dario Trutmann (ab der sechsten Draftrunde)

- Benjamin Conz (Aussenseiterchancen, wurde nur an der U20 WM beobachtet)

Die Reihenfolge

Die Reihenfolge am NHL-Draft wird durch die sportliche Leistung der Teams in der abgelaufenen Saison beeinflusst. Ganz einfach gesagt gilt: Das schlechteste Team der abgelaufenen Saison draftet zuerst, der Stanley Cup Sieger zuletzt. Ein NHL-Draft dauert sieben Runden, jedes Team hat pro Runde ein Draftrecht. Draftrechte sind so wertvoll wie ausgebildete Eishockeyspieler, weshalb das Draftrecht oft als Kompensation für einen Spieler gilt. Solche Transfers führen zu einer neuen Draftreihenfolge.

Darum geht es

Ein Draft ist kein NHL-Vertrag sondern lediglich das exklusive Recht, dem Spieler während den kommenden zwei Jahren einen NHL-Vertrag anzubieten.

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