Alvaro Baragiola: «Italien steckt immer noch in einer Rache-Mentalität»
Aktualisiert

Alvaro Baragiola«Italien steckt immer noch in einer Rache-Mentalität»

Der Schweizer Alvaro Baragiola (63) gerät, 40 Jahre nach dem Mord an Aldo Moro, ins Visier der italienischen Behörden. 20 minuti führte mit ihm ein exklusives Interview.

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Der Tessiner Alvaro Baragiola ist heute 63 Jahre alt. 30 Jahren lang hatter er sich erfolgreich gegen eine Auslieferung an Italien gewehrt - nach der Festnahme des früheren Linksterroristen Cesare Battisti gerät er ins Visier der italienischen Behörden.

Der Tessiner Alvaro Baragiola ist heute 63 Jahre alt. 30 Jahren lang hatter er sich erfolgreich gegen eine Auslieferung an Italien gewehrt - nach der Festnahme des früheren Linksterroristen Cesare Battisti gerät er ins Visier der italienischen Behörden.

Keystone/Archiv
Der Fall steht im Zusammenhang mit der Entführung des Präsidenten der Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC), Aldo Moro, am 16. März 1978.

Der Fall steht im Zusammenhang mit der Entführung des Präsidenten der Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC), Aldo Moro, am 16. März 1978.

AP/str
55 Tage nach der Entführung wurde Aldo Moro von der linken Terrorgruppierung der Roten Brigaden ermordet. Bis heute ist nicht restlos aufgeklärt, wer wirklich die Fäden zog bei seiner Entführung.

55 Tage nach der Entführung wurde Aldo Moro von der linken Terrorgruppierung der Roten Brigaden ermordet. Bis heute ist nicht restlos aufgeklärt, wer wirklich die Fäden zog bei seiner Entführung.

AP/str

16. März 1978, Punkt 9.00 Uhr - dieser Augenblick markierte einen Wendepunkt in der Geschichte Italiens. An jenem Morgen wurde in Rom Aldo Moro, der Präsident der Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC), entführt. Die Ereignisse an der Via Fani sollten auch für den damals 22 Jahre alten Alvaro Lojacono lebenslange Folgen haben.

Der Rotbrigadist Lojacono flüchtete ins Ausland und wehrte sich erfolgreich gegen eine Auslieferung an Italien. Heute ist der Schweizer 63 Jahre alt, arbeitet und hat eine Familie. Inzwischen nahm er den Familiennamen seiner Tessiner Mutter Ornella Baragiola an.

Die Verhaftung des Ex-Linksextremisten Cesare Battisti in Bolivien und Auslieferung nach Rom hat jetzt die alten Wunden wieder aufreissen lassen. Nach über 20 Jahren Ruhe ist Alvaro Baragiola Gegenstand einer medialen Jagd in Italien, wie er selber im Exklusivinterview mit 20 minuti erzählt. Doch nicht nur: Er geriet nun auch ins Visier des rechtspopulistischen Innenministers Matteo Salvini.

Herr Baragiola, nicht nur die Lega Nord in Italien, sondern auch die Lega dei Ticinesi forderte die Regierung in Bern auf, Sie den italienischen Behörden zu übergeben. Wie bewerten Sie diese Anfrage?

Als Erstes möchte ich klarstellen, dass Italien niemals meine Auslieferung beantragt hat. Dies geht aus einem Urteil des Bundesgerichts vom 9. April 1991 hervor. Und eine von der Lega geforderte «Auslieferung» würde einer Abschiebung wie bei den Bolivianern gleichkommen, was der Bund nicht vorsieht.

Sie haben in der Schweiz eine lange Strafe wegen in Italien unterstellter Taten verbüsst. Aber die italienischen Behörden scheinen dies nicht zu berücksichtigen. Warum?

Italien erkennt die in der Schweiz abgesessene Haft nicht an, weil das Land für diese Verbrechen nicht nur niemals meine Auslieferung gefordert hat, sondern auch nicht einmal beim Bund darauf bestanden hat, mich in der Schweiz vor Gericht zu stellen.

Wir haben aber herausgefunden, dass Italien im Jahr 2005 beim Bund einen Antrag auf die Vollstreckung der italienischen Strafen in der Schweiz gestellt hat.

Das stimmt. Der Antrag aus Italien betraf allerdings nur die Strafe im Verfahren Moro. Er garantierte aber nicht, dass nach Vollstreckung der Strafe in der Schweiz das Urteil anerkannt gewesen wäre. Das heisst, es bestand das Risiko, dass Italien, sobald das Urteil in der Schweiz vollstreckt wurde, den Prozess erneut eröffnet hätte. Das wäre zwar illegal, aber nicht überraschend. Aus diesem Grund haben Richter des Kantons Bern den italienischen Antrag abgelehnt.

Aus welchem Grund haben sich die italienischen Behörden bisher entschieden, keine Auslieferung zu beantragen, und dann doch einen Ersatzprozess gefordert, falls der Antrag abgelehnt wird?

Das müssten Sie sie fragen. Ich weiss es nicht, und ich kann es nur vermuten, vielleicht wollte Italien nicht, dass ein fremder Staat in den Moro-Prozess seine Nase reinsteckt. Das wäre verständlich. Was auch immer der Grund ist, es waren weder die Schweizer Behörden noch mein angeblicher Widerstand, die uns in diese derzeitigen Sackgasse geführt haben.

Wie erklären Sie sich, dass der Fall «schwebt»?

Vielleicht weil es einfacher ist, nichts zu machen und stattdessen gegen die Schweiz oder gegen mich zu schimpfen. Über einen «Geflüchteten» kann man alles sagen, weil er nicht in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen. Vielleicht ist auch die Abklärung über eine Vollstreckung meiner Strafe in der Schweiz bei irgendeinem inkompetenten Beamten gelandet. Aber es liegt auf der Hand, dass das Problem auf der italienischen Seite liegt.

Und wenn Italien einen korrekten und vollständigen Antrag zur Vollstreckung Ihrer Strafe in der Schweiz stellen würde, wie würden Sie reagieren?

Es sind 40 Jahre vergangen und Italien steckt immer noch in einer Mentalität von Rache, wie wir im Fall Battisti gerade sehen. In einem normalen Justizsystem gilt die Rechtssicherheit auch für den Häftling: Ich wurde vor fast zwanzig Jahren aus dem Gefängnis entlassen und bin immer noch in einem Zustand wie vor der Verhaftung, ohne zu wissen, ob sie mich irgendwann wieder festnehmen oder mich anklagen. Sollte sich Italien nun entscheiden, einen Antrag zur Auslieferung zu stellen, würde ich dies ohne Einwände akzeptieren. Zumindest würden wir diese Angelegenheit damit beenden.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie eine lebenslange Haftstrafe akzeptieren würden, sollte sich ein Schweizer Richter nach einem Urteil in Italien dafür aussprechen?

Ja.

Denken Sie oft an diesen Morgen in der Via Fani?

Jedes Mal, wenn das Thema in den Medien mit meinem Namen in Verbindung gebracht wird, erhalte ich Beleidigungen und Drohungen. Es ist eine zusätzliche Strafe, ich kann nichts dagegen tun. Es gibt verschiedene kollektive Erinnerungen, die miteinander in Konflikt stehen, und keine wird jemals von allen geteilt. Wir feiern den 50. Jahrestag der Ereignisse von 1968. Nach einem halben Jahrhundert sollten wir in der Lage sein, die Dinge historisch zu behandeln, aber es ist nicht so, es scheint, als ob alles erst gestern passiert wäre.

Was streiten Sie bei der heutigen Lektüre der Ereignisse aus jener Zeit ab?

Zu dem Zeitpunkt waren bereits 30 Jahre nach Ende des Krieges und den dramatischen Folgen des Bürgerkriegs vergangen, aber das war schon Teil der Geschichte. Niemand machte grosse Jagd auf die «Unbestraften». Ich hatte Kontakt zum letzten Parlamentsausschuss in Italien im Fall Moro, der leider die Gelegenheit verpasste, den Fakten nachzugehen und sich stattdessen auf die Suche nach Verschwörungen machte.

Was haben Sie zu dieser Person gesagt?

Ich sagte, was ich denke, und was ich zu jedem sage. Ich vermeide, dies allerdings öffentlich zu tun, weil ich weiss, dass bereits ein Foto die Angehörigen der Opfer irritieren kann. Zum Zeitpunkt der Entführung von Aldo Moro gab es eine sogenannte «Linie der Beständigkeit», die die kommunistischen Partei ins Leben gerufen hatte. Anschliessend wurden die Notstandsgesetze und die Politik der Rache fortgesetzt, die neuerdings ein unvorstellbares Niveau erreicht hat mit der Zurschaustellung eines Verhafteten, als wäre er eine Trophäe. Das führte zu einer Verkettung von Ereignissen, die sich nicht einmal die Kommission zu unterbrechen traute. Stattdessen liess sie die Wahrheit im Sumpf des Misstrauens liegen.

Bleibt das also ein Tabuthema?

Ich sehe keinen Grund, mit Menschen zu reden, die mich heute noch als Terroristen und öffentlichen Feind betrachten, was ich ja nicht bin. Aber es ist kein Tabu, ich spreche darüber mit Historikern und Forschern, mit denen sich debattieren lässt. Nur wenn man sich von der Propaganda und den Fake News distanziert, ergeben die Ereignisse von damals einen historischen Sinn.

Interview: Salvatore Feo

Übersetzung: Karin Leuthold

Der Fall Alvaro Baragiola

Die Auslieferung des früheren Linksterroristen Cesare Battisti an Italien hat im Tessin eine Polemik um den Ex-Rotbrigadisten Alvaro Baragiola ausgelöst. Dieser hatte sich vor 30 Jahren erfolgreich gegen eine Auslieferung an Italien gewehrt.

Sogar Aussenminister Ignazio Cassis ist in den Fall einbezogen worden. Die Lega dei Ticinesi hat über ihren Nationalrat Lorenzo Quadri Cassis ersucht, auf eine Auslieferung von Baragiola an Italien hinzuwirken.

«Unmöglich, seit 1989 hat sich nichts geändert», sagte dazu der Tessiner Anwalt John Noseda der Agentur Keystone-SDA. Er hatte seinerzeit Baragiola während des Prozesses verteidigt. «Baragiola ist ein Schweizer Bürger und die Schweiz liefert keine eigenen Staatsbürger aus», sagte Noseda weiter.

Sein Klient sei damals in Lugano für Delikte bestraft worden, die auch in der Schweiz Straftatbestände darstellten. Was das Attentat gegen Aldo Moro anbelange, so habe Italien nie die Auslieferung von Baragiola verlangt. «Ich möchte auch daran erinnern, dass inzwischen 30 Jahre verstrichen sind und es Zeit ist, einen definitiven Strich unter diese traurige Affäre zu ziehen», sagt Noseda.

Baragiola, der damals von der italienischen Justiz gesucht wurde, war im Juni 1988 in Lugano verhaftet worden. Die italienische Justiz hatte ihn zuvor für ein Tötungsdelikt an einem griechischen Studenten im Jahr 1975 in Rom und für seine Beteiligung an den Attentaten der Roten Brigaden verurteilt.

Baragiola ist in Italien unter dem Namen Lojacono bekannt, dem Namen seines Vaters. Er hatte jedoch den Namen seiner Mutter gewählt, der Tessinerin Ornella Baragiola, von der er auch die Schweizer Nationalität geerbt hatte, nachdem er Ende der 70er-Jahre aus Italien geflüchtet war und sich vorübergehend in Brasilien versteckt gehalten hatte.

Nach seiner Verhaftung in der Schweiz hatte sich Baragiola immer dagegen gewehrt, an Italien ausgeliefert zu werden. Er wurde schliesslich am 6. November 1989 von einem Geschworenengericht in Lugano zu 17 Jahren Haft verurteilt für seine Beteiligung am Mord am römischen Richter Girolamo Tartaglione im Oktober 1978 in Rom.

Die übrigen Anklagen aus Italien, insbesondere die Beteiligung an der Entführung des früheren italienischen Regierungschefs Aldo Moro am 16. März 1978 in Rom, wurden mangels Beweisen fallen gelassen. Baragiola, der im Mai 64 Jahre alt wird, verbüsste schliesslich zwei Drittel seiner Strafe in der Schweiz und wurde anschliessend wegen guter Führung nach elf Jahren provisorisch wieder aus dem Strafvollzug entlassen. (SDA)

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