Wasserlieferung: Italien will Wasser von der Schweiz – Fachleute fürchten um Stromversorgung
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WasserlieferungItalien will Wasser von der Schweiz – Fachleute fürchten um Stromversorgung

Norditalien trocknet aus – und bittet die Schweiz, die Stauseen stärker zu entleeren, um den Lago Maggiore aufzufüllen. Politiker sind offen, Fachleute haben Vorbehalte.

von
Marino Walser
Claudia Blumer
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Der Pegelstand des Flusses Po ist derzeit so tief wie seit 70 Jahren nicht mehr. 

Der Pegelstand des Flusses Po ist derzeit so tief wie seit 70 Jahren nicht mehr. 

Reuters
Auch andere Flüsse, etwa dem Sangone, der später in den Po fliesst, führen derzeit gar kein Wasser. 

Auch andere Flüsse, etwa dem Sangone, der später in den Po fliesst, führen derzeit gar kein Wasser. 

Reuters
Aufgrund der prekären Situation hofft Italien nun auf Hilfe aus der Schweiz.

Aufgrund der prekären Situation hofft Italien nun auf Hilfe aus der Schweiz.

AFP

Darum gehts

Es sind Bilder wie aus Weltuntergangs-Szenarien. Ein Flussbett, das aussieht wie eine Wüste. Ein anderes, in dem nur noch ein dünnes Rinnsal fliesst. Einen derart tiefen Wasserstand gab es in Norditalien letztmals vor 70 Jahren, jetzt befürchten die Behörden Ernteausfällen in den Landwirtschaftsregionen Lombardei, Emilia-Romagna und Piemont.

Italien bittet deshalb die Schweiz um Hilfe. «Wir bitten unsere Schweizer Freunde, den Pegel des Lago Maggiore zu stützen, dies soll durch Stauseen in den Alpen geschehen», wird Meuccio Berselli in einem SRF-Beitrag zitiert, Generalsekretär für das Einzugsgebiet Po. Denn der Lago Maggiore, der am Fusse der Alpen hauptsächlich auf italienischem Boden liegt und die Po-Ebene mit Wasser beliefert, weist einen sehr tiefen Pegelstand auf. Doriana Bellani, die zuständig für die Regulierung des Lago Maggiore auf italienischer Seite ist, bezeichnet die derzeitige Dürre als die schlimmste, die sie je erlebt habe. Es müsse sehr schnell Hilfe von oben kommen – oder aus der Schweiz.

«Italien hat uns beim Brand in Gambarogno auch geholfen»

Politiker zeigen sich offen für eine Hilfe seitens der Schweiz. «Italien hat uns beim Brand in Gambarogno auch geholfen», sagt der Berner SVP-Nationalrat Lars Guggisberg. Es sei deshalb richtig, wenn auch die Schweiz Hilfsbereitschaft zeige, sofern die Konsequenzen für die Schweiz tragbar seien. Das müsse man abklären.

Grüne-Präsident Balthasar Glättli weist zuerst daraufhin, dass der Klimawandel jetzt schon konkrete Folgen zeige - Dürren und Extremwetterlagen häufen sich. Auch er ist dafür, dass die Schweiz hilft. «Grundsätzlich sollen Nachbarn sich natürlich helfen.» Der Bundesrat solle nun aber rasch die notwendigen Grundlagen erarbeiten und klären, ob eine solche Hilfe die Wasserknappheit in Italien genügend lindern würde, und ob man die Stauseen absenken könne, ohne die Stromproduktion in der Schweiz zu beeinträchtigen. «Und auch: Könnte Italien allenfalls Gegenangebote machen zur Stärkung der Schweizer Versorgungssicherheit?» 

Soll die Schweiz Italien helfen?

Die Frage nach einer Gegenleistung stellt auch FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. «In erster Linie muss die Stromversorgung der Schweiz über das Jahr gesichert sein, welche stark von der Wasserkraft abhängig ist», sagt er. Des Weiteren sei die Frage zu klären, wie die Schweiz entschädigt würde. «Liefern wir Wasser nach Italien, müsste vorab ein klarer Ausgleichsmechanismus definiert werden», sagt Wasserfallen. Konkret: Will Italien Wasser, muss eine Gegenleistung erfolgen.

«Könnte Konsequenzen für die Stromproduktion haben»

Andreas Stettler vom Schweizer Wasserwirtschaftsverband hingegen ist skeptisch. «Wir brauchen die Stauseen, um im Winter Strom zu produzieren. Sie sind der Grund, warum wir eine so gute Eigenversorgungskapazität haben», sagt er. Die Stauseen seien derzeit zu wenig gefüllt, insbesondere im Tessin. «Bis Ende September müssen sie aber aufgefüllt sein.» Stettler hält es deshalb für keine gute Idee, die Stauseen zu entleeren – zumal unsicher sei, wieviel die Tessiner Stauseen überhaupt ausrichten könnten in Norditalien.

Auch das schweizerische Talsperren-Komitee (STK) beurteilt den Wunsch Italiens nach Schweizer Wasser kritisch. Eine Absenkung des Wasserspiegels hätte Konsequenzen für die Schweizer Stromversorgung im nächsten Winter, sagt Sekretär Andrea Balestra. Aufgrund des trockenen Winters und niederschlagsarmen Frühlings seien die Tessiner Speicher aktuell – auch nach der Schneeschmelze – erst auf einem Drittel ihrer Kapazität.

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) verweist darauf, dass die Nutzung des Wassers in den Stauseen durch kantonale Konzessionen geregelt ist. «Somit liegen allfällige Entscheide für die Nutzung der Speicherseen beim Kanton Tessin», schreibt ein Sprecher.

2,1 Millionen Kubikmeter für einen Zentimeter im Lago Maggiore

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