Aktualisiert 23.04.2014 17:00

Schlechter ArbeitsmarktItalienerinnen verzichten immer häufiger auf Kinder

Schwierige Jobsuche, hohe Erwartungen und fast keine Kindertagesstätten: Immer mehr italienische Frauen verzichten auf Nachwuchs.

von
ale
Die durchschnittliche Italienerin hat erst mit 31,4 Jahren ihr erstes Kind.

Die durchschnittliche Italienerin hat erst mit 31,4 Jahren ihr erstes Kind.

Italien befindet sich in einer demografischen Krise, die Überalterung im Mittelmeerland ist gravierend. Rund 150 über 65-Jährige kommen auf 100 14-jährige Italienerinnen und Italiener. Und so schnell wird sich der Stiefelstaat auch nicht wieder verjüngen: Ein Viertel der italienischen Frauen beenden ihre fruchtbaren Jahre, ohne Kinder zu kriegen. Im Vergleich dazu verzichten nur 10 Prozent der Französinnen auf Nachwuchs.

Hauptschuld an der fehlenden Kinderliebe soll die schlechte Situation am Arbeitsmarkt sein. Tiefe Löhne und ein später Einstieg in den Beruf verhindern, dass sich junge Paare für Kinder entscheiden. Und später verzichten sie dann lieber ganz darauf. Ein gutes Beispiel ist die 43-jährige Neapolitanerin Gabriella Marino. Sie entschied sich gegen Kinder, bis sie einen festen Job hatte. Und als sie diesen hatte, wollte sie keine Kinder mehr: «Mein Mann und ich sind es gewohnt, nur zu zweit zu sein. Wir können machen, was wir wollen, und das will ich nun nicht mehr ändern», sagte sie gegenüber dem «Wall Street Journal».

Lieber Hotel Mama statt selber Mama

Die instabile Lage am Arbeitsmarkt zeigt sich auch bei den Gewohnheiten der Italiener: Mehr als die Hälfte der 24- bis 35-Jährigen lebt immer noch bei den Eltern. Zum Vergleich: Im europäischen Durchschnitt wohnt nur rund ein Viertel in diesem Alter noch im Hotel Mama. Junge Italienerinnen und Italiener verbringen also einen Grossteil ihrer fruchtbaren Jahre noch bei den Eltern. Kein Wunder, haben Italienerinnen im Durchschnitt erst mit mit 31,4 Jahren Kinder. In der Schweiz liegt der Schnitt laut OECD bei 28,1 Jahren.

Nicht nur der Arbeitsmarkt schränkt viele italienische Frauen ein, auch die hohen Erwartungen an die Familie, die mangelnde Mithilfe der Männer und die schlechte Versorgung von Kindern ausser Haus erschwert ihre Lage immer mehr. Die Zahl der kinderlosen Frauen mit Jahrgang 1965 ist im Vergleich zu den 1960 geborenen Frauen um 10 Prozent gestiegen.

Trotz der sinkenden Geburtenzahlen ist die Akzeptanz des Familienlandes gegenüber kinderlosen Frauen nicht gestiegen. Roberta Federici, die sich in einer stabilen Partnerschaft befindet, aber keinen sicheren Job hat, gründete deshalb eine Selbsthilfegruppe, die Frauen unterstützt, die sich wegen ihrer Kinderlosigkeit ausgegrenzt fühlen. «Ich war nie an Kindern interessiert», erzählt sie. Einige ihrer Freunde hätten den Kontakt zu ihr deshalb abgebrochen.

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