Gericht stoppt Detektive: «IV-Betrüger erhalten eine Carte blanche»
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Gericht stoppt Detektive«IV-Betrüger erhalten eine Carte blanche»

Die IV darf vorläufig keine Detektive mehr einsetzen. Ein ehemaliger Sozialdetektiv spricht im Interview über seine Arbeit – und die spannendsten Fälle.

von
laz
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Der frühere Sozialinspektor Bruno Strebel findet es «eine Katastrophe», dass die Invalidenversicherung (IV) vorläufig keine Detektive mehr auf verdächtige Bezüger ansetzt. Auch viele der zuständigen Detektivbüros würden dadurch einen erheblichen Schaden davontragen.

Der frühere Sozialinspektor Bruno Strebel findet es «eine Katastrophe», dass die Invalidenversicherung (IV) vorläufig keine Detektive mehr auf verdächtige Bezüger ansetzt. Auch viele der zuständigen Detektivbüros würden dadurch einen erheblichen Schaden davontragen.

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«Wenn man nichts tut, entstehen Millionenschäden, die man sonst mit geringer Investition einsparen könnte», sagt Strebel. Die Privatsphäre der beobachteten Personen gelte es zu respektieren, diese werde durch die Observation meist gar nicht tangiert.

«Wenn man nichts tut, entstehen Millionenschäden, die man sonst mit geringer Investition einsparen könnte», sagt Strebel. Die Privatsphäre der beobachteten Personen gelte es zu respektieren, diese werde durch die Observation meist gar nicht tangiert.

Bruno Strebel
Wenn die IV mit eigenen Abklärungen nicht weiterkommt, rufe sie ein Detektivbüro an und setze es auf den Fall an. «Man fährt dann beim Domizil des mutmasslichen Betrügers vor und schaut, wann er das Haus verlässt, wo er hingeht und ob er Tätigkeiten nachgeht, zu denen er eigentlich nicht fähig sein sollte.» Im Bild: Eine vermeintlich bettlägrige IV-Bezügerin, die von Detektiven gefilmt wurde, wie sie mit dem Car verreist.

Wenn die IV mit eigenen Abklärungen nicht weiterkommt, rufe sie ein Detektivbüro an und setze es auf den Fall an. «Man fährt dann beim Domizil des mutmasslichen Betrügers vor und schaut, wann er das Haus verlässt, wo er hingeht und ob er Tätigkeiten nachgeht, zu denen er eigentlich nicht fähig sein sollte.» Im Bild: Eine vermeintlich bettlägrige IV-Bezügerin, die von Detektiven gefilmt wurde, wie sie mit dem Car verreist.

Screenshot SRF

Herr Strebel*, die IV-Stellen setzen per sofort keine Sozialdetektive mehr ein. Was halten Sie von diesem Entscheid?

Das ist eine Katastrophe! Man gibt den IV-Betrügern damit eine Carte blanche und die lachen über uns. Die Detektivbüros tragen ebenfalls einen erheblichen Schaden davon. Einige der Büros waren bisher auf Sozialinspektionen spezialisiert, diese müssen jetzt umsatteln.

Für die heimliche Beobachtung gibt es laut dem Bundesgericht keine Rechtsgrundlage. Ist Überwachung nicht eine Verletzung der Privatsphäre?

Wenn man nichts tut, entstehen Millionenschäden, die man sonst mit geringer Investition einsparen könnte. Die Privatsphäre gilt es zu respektieren, das ist klar, doch sie wird meist gar nicht tangiert. Observiert wird nur im öffentlichen Raum, und viele technische Hilfsmittel wie GPS sind gar nicht erlaubt. Da benutzt man dann einfach mehr Personal.

Was haben Sie als Sozialdetektiv für Erfahrungen gemacht?

Es gibt unzählige Beispiele, denn die Leute werden mit ihren Maschen sehr kreativ. Ein Herr, der bei einer Reinigungsfirma arbeitete, gab an, sich nach einem Unfall kaum mehr strecken zu können. Nach einer Observation konnte ermittelt werden, dass er einfach bei der Konkurrenz in seinem Beruf weitergearbeitet hat.

Ebenfalls ziemlich dreist war ein junger Mann, der angab, so schwer verletzt zu sein, dass er keinen Sport mehr treiben könne, dann aber als Trainer bei einem Fussballclub gearbeitet hat. Dann gab es noch einen Förster, der nach einem Arbeitsunfall über starke Rückenschmerzen klagte und erwischt wurde, als er auf einem Bauernhof schwarz arbeitete und Holz hackte.

Wie gingen Sie als Sozialdetektiv konkret vor?

Die IV macht bei einem konkreten Verdacht, meist weil sie von jemandem einen Tipp bekommen hat, zunächst eigene Abklärungen. Wenn sie damit nicht weiterkommt, rufen sie ein Detektivbüro an und setzen es auf den Fall an.

Man fährt dann beim Domizil des mutmasslichen Betrügers vor und schaut, wann er das Haus verlässt, wo er hingeht und ob er Tätigkeiten nachgeht, zu denen er eigentlich nicht fähig sein sollte. Wenn jemand zum Beispiel sagt, er könne sich vor lauter Rückenschmerzen kaum bücken, dann aber weiter einer körperlich anstrengenden Arbeit nachgeht. Bei der Observation werden auch Fahrzeuge wie Autos oder Motorräder und auch Kameras zur Beweisaufnahme eingesetzt.

Wie wird am häufigsten IV-Betrug begangen?

Den wirklichen Regelfall gibt es eigentlich nicht. Vorgetäuschte Rücken- oder Gelenkschmerzen sind häufig. Auch Menschen, die angeben, starke Schäden am Gehör erlitten zu haben, und dann doch zum Beispiel an ein Konzert gehen, sind ein Klassiker. Im Grunde hat man aber die ganze Bandbreite: Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Bruno Strebel hat als früher als Sozialinspektor gearbeitet und bildet heute Privatdetektive in seiner Akademie aus.

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