SCB-Trainer John van Boxmeer: «Ja, es geht auch um meinen Job»
Aktualisiert

SCB-Trainer John van Boxmeer«Ja, es geht auch um meinen Job»

SCB-Trainer John van Boxmeer (56) spricht mit 20 Minuten Online vor den Playoffs gegen den EV Zug über den Reifeprozess des SC Bern, über den grössten Fehler, den er in Bern gemacht hat und wie er seinen Herzinfarkt auskuriert.

von
Klaus Zaugg

John van Boxmeer, wie fühlen Sie sich vor den Playoffs? Mehr wie General Schwarzkopf vor Desert Storm oder wie Captain Smith auf der Titanic?

John van Boxmeer: Hm, ich fühle mich ganz gut.

Also mehr Schwarzkopf als Smith.

Ja.

Aber Schwarzkopf hatte die US-Army im Rücken. Der SCB hat in letzter Zeit dann, wenn es drauf angekommen ist, eher den Eindruck von Custers Kavallerie bei der Niederlage gegen die Indianer am Little Big Horn erweckt...

... das ist nun doch respektlos. Wir haben immerhin die Qualifikation gewonnen. Da haben wir wohl auch etwas richtig gemacht.

Ja, ja, aber ich denke an den Untergang gegen Gottéron und die Pleiten in der Champions Hockey League. Was bestärkt Sie in Ihrem Selbstvertrauen?

Die Mannschaft ist reifer geworden. Wir spielten zuletzt ein solides, gutes Hockey und wir haben mehrere Leader, die sich um die Mannschaft kümmern und die, ohne dass ich etwas sagen muss, aktiv eingreifen, wenn etwas nicht richtig läuft.

Wer sind diese Leader?

Ivo Rüthemann, Martin Plüss, Chrisitan Dubé, Travis Roche und Martin Gelinas. Jeder ist auf seine Art und Weise ein Leader.

Ist Rüthemann wirklich ein Leader?

Hey, was für eine Frage. Wir lagen in Genf mit zwei Toren im Rückstand. Er ging raus und fuhr einen Verteidiger über den Haufen und das war der Grund für unsere Rückkehr. Genau solche Typen braucht es, die etwas Unerwartetes tun und so den Mitspielern das Signal geben: Hey Jungs, folgt mir.

Eigentlich ist doch Gelinas die grosse Figur.

Nun, er ist wirklich ein ausserordentlicher Spieler. Er geht nicht nur auf dem Eis mit dem guten Beispiel voran. Er hat auch eine ganz besondere Wirkung auf die Mitspieler. Er hat ja genug Geld auf der Bank und müsste nicht mehr Eishockey spielen. Aber er tut es, weil es ihm Spass macht. Gelegentlich habe ich das Gefühl, die Spieler kommen zum Training wie zur Arbeit. Weil sie müssen. Gelinas aber freut sich auf jedes Training und jedes Spiel und steckt mit dieser Begeisterung die Mitspieler an.

Roche, Gelinas und Plüss waren letzte Saison noch nicht dabei. Wäre der SCB mit diesen drei Spielern gegen Gottéron nicht ausgeschieden?

Wahrscheinlich nicht.

Ist die Playoffpleite gegen Gottéron noch immer ein Gesprächsthema in der Kabine?

Nein, jetzt nicht mehr. Aber Anfang Saison, da kam nach jeder Niederlage das Gespräch wieder auf dieses Ausscheiden.

Seit wann nicht mehr?

So ungefähr seit November nicht mehr.

Könnte es nicht auch sein, dass Sie zu weich geworden sind? In der ersten Saison waren sie ein harter Hund und die Mannschaft spielte intensiver. Jetzt wirken sie moderater im Umgang mit den Spielern.

Wenn ein neuer Coach kommt, ist jeder ein bisschen aufmerksamer. Es mag ja sein, dass ich ein bisschen umgänglicher geworden bin. Der Grund dafür ist auch, dass ich glaube, dass die Mannschaft reifer geworden ist und dass das, was ich sage, umgesetzt wird. Sie können nicht jeden Tag den starken Mann markieren. Dann hören die Spieler bald nicht mehr zu.Aber täuschen Sie sich nicht: Wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich will, kann ich immer noch ungemütlich werden.

Der SCB hat die Qualifikation gewonnen - und trotzdem nicht überzeugt.

Dafür gibt es Gründe. Wir hatten am Anfang Ivo Rüthemann und Martin Plüss nicht, wir waren während der ganzen Qualifikation nie komplett und hatten insgesamt nur zwei Trainings ohne einen verletzten Spieler: Das erste am 1. Januar und das zweite am letzten Donnerstag. Wir mussten deshalb viel umstellen und zeitweise Stürmer zu Verteidigern machen.

Aber jetzt sind alle fit?

Ja, alle. Auch Beat Gerber.

Das mit den Verletzungen ist ja gut. Aber solche Probleme hatten andere auch. Tragen nicht auch Sie Mitverantwortung für die lange Zeit eher enttäuschenden Auftritte?

Wie meinen Sie das?

Wenn ein Spieler mit dem SCB-Dress aufs Eis fährt, dann muss er in jedem Fall alles tun, um zu gewinnen. Sie aber haben es erlaubt, dass die Jungs in die Partie gegen die New York Rangers gegangen sind wie an eine Party.

Das war ein schwerer Fehler von mir, der grösste als SCB-Trainer. Ich wollte allen die Möglichkeit geben, gegen eine NHL-Mannschaft zu spielen und wechselte für die zweite Hälfte unseren zweiten Goalie ein. Die 1:8-Niederlage war so schlimm für uns, dass wir Wochen brauchten, um uns davon zu erholen.

Warum das?

Wir haben in dieser Partie unser Selbstvertrauen verloren. Wir haben es erst so gegen Weihnachten wieder ganz gefunden.

Hat dieses 1:8 auch die Pleiten in der Champions Hockey League mitverursacht?

Ich denke schon.

Nun ist ja das Selbstvertrauen wieder da. Aber sie hätten wohl in den Playoffs lieber gegen Langnau als gegen Zug gespielt.

Ja natürlich. Jeder Coach in dieser Liga hätte in der ersten Runde lieber Langnau als Gegner.

Sie sind nicht überrascht, dass es Zug geschafft hat?

Nein. Schauen Sie das Kader der beiden Teams an und die Qualität der Verteidigung - und dann ist es logisch, dass Zug die Playoffs doch noch erreicht hat. Aber mir ist es ganz recht so. Die Stimmung ist jetzt ganz ähnlich wie vor zwei Jahren, als wir in der ersten Runde gegen Servette spielten. Da wusste jeder, dass wir nur eine Chance haben, wenn wir bereit sind.

Werden Sie befehlen, Josh Holden zu provozieren?

Nein, wir werden Josh Holden nicht provozieren.

Aber vielleicht wird es notwendig sein.

Ich hoffe, dass wir dank unserer grösseren Ausgeglichenheit die Entscheidung herbeiführen können. Wir nehmen Zug sehr, sehr ernst. Aber wir konzentrieren uns auf die eigenen Stärken und nicht darauf, Gegner zu provozieren.

Sie haben ja auch ein gutes Motto gefunden.

So? Und das wäre?

Hm, ich glaube so etwas wie «Every play, every shift matters»,

Ja, das ist richtig so, das ist seit ein paar Wochen unser Motto. Denn nur so können wir uns gegen Zug durchsetzen. Wenn sich jeder von uns bewusst ist, dass jeder einzelne Einsatz, jeder einzelne Spielzug zählt.

Aber ein paar Spezialmassnahmen braucht es gegen Zug schon. Wie wollen Sie Torhüter Lars Weibel überwinden?

Er ist ein starker Torhüter. Wir dürfen ihm keine Ruhe lassen und für viel Verkehr vor dem Tor sorgen. So wie man das bei jedem anderen Goalie auch tun sollte.

Sind Sie auch bereit für den Playoff-Stress? Haben Sie sich von ihrem Herzinfarkt im August erholt?

Oh ja, danke, es geht mir sehr gut.

Haben Ihnen die Ärzte nicht einen etwas stressfreieren Job empfohlen?

Überhaupt nicht. Der Grund für den Infarkt war ja, dass ich die Medikamente gegen den hohen Cholesterin-Spiegel nicht genommen hatte. Ich bin nun laufend getestet worden. Am 8. Februar hatte ich den letzten grossen Test und die Ärzte waren sehr zufrieden. Ich bin offensichtlich besser beieinander als das für meine Altersklasse üblich ist.

Sie wissen aber, dass Sie trotz eines Vertrages bis Ende nächster Saison gefeuert werden, wenn Sie wieder im Viertelfinale rausfliegen?

Ja sicher. Ich weiss, dass mein Job auf dem Spiel steht. Das gehört dazu.

Und die Angst vor der Entlassung lähmt Sie nicht?

Nein, nein, überhaupt nicht. Wenn das so wäre, hätte ich gar keine Chance. Dann wäre ich so verkrampft und würde mich so sehr in jedes Detail verbeissen, dass alle und ich verrückt würden.

Mit welchen Ausländern werden Sie am Donnerstag spielen?

Sie haben diese Saison so oft den SCB gesehen und stellen diese Frage? Raten Sie mal, wer spielen wird?

Na ja, hinten Keith Carney und Travis Roche plus die zwei Stürmer Simon Gamache und Martin Gelinas.

Sie haben richtig geraten.

Warum Gamache? Warum nicht Bordeleau? Gamache hat lange Zeit nicht richtig überzeugt.

Ja, aber jetzt ist er da. Sie haben recht, am Anfang der Saison fehlte seinem Spiel irgendwie die Intensität. Aber hey, jetzt ist er bereit. Wenn ich nur an das Spiel denke, das wir in Fribourg noch gewonnen haben. Da hat er die Schlägerei mit Shawn Heins angezettelt und die Emotionen ins Spiel gebracht, die uns die Wende noch ermöglicht haben.

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