Studie verdreht: Ja, Impfmücken gibt es wirklich – aber nur im Labor

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Studie verdrehtJa, Impfmücken gibt es wirklich – aber nur im Labor

Ein Tiktok-Video erweckt den Eindruck, dass Menschen künftig gegen ihren Willen geimpft werden könnten. Dies mithilfe gentechnisch veränderter Mücken. Doch der Tiktoker lässt bei der Meldung wichtige Punkte ausser Acht und zieht die falschen Schlüsse.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Ein Tiktok-Video schürt die Angst, Menschen könnten künftig heimlich mittels gentechnisch veränderter Mücken geimpft werden. Doch das ist ungerechtfertigt.

Ein Tiktok-Video schürt die Angst, Menschen könnten künftig heimlich mittels gentechnisch veränderter Mücken geimpft werden. Doch das ist ungerechtfertigt.

Screenshot Tiktok
Der Urheber des Videos bezieht sich auf Medienberichte zu einer bereits im August 2022 veröffentlichte Studie von US-Forschenden. Sein Fazit: Die Autorinnen und Autoren hätten «gerade erfolgreich Menschen mit gentechnisch veränderten Mücken geimpft.»

Der Urheber des Videos bezieht sich auf Medienberichte zu einer bereits im August 2022 veröffentlichte Studie von US-Forschenden. Sein Fazit: Die Autorinnen und Autoren hätten «gerade erfolgreich Menschen mit gentechnisch veränderten Mücken geimpft.»

Screenshot Science Translational Medicine
Doch schon diese Information ist falsch: Nicht die Stechmücken wurden gentechnisch verändert, sondern die Malaria-Parasiten, die sie transportieren. Diesen wurde Gene entfernt, wodurch sie den Menschen nicht krank machen können, die Körper der Gestochenen aber dazu bringen, Antikörper gegen Malaria-Parasiten zu bilden. 

Doch schon diese Information ist falsch: Nicht die Stechmücken wurden gentechnisch verändert, sondern die Malaria-Parasiten, die sie transportieren. Diesen wurde Gene entfernt, wodurch sie den Menschen nicht krank machen können, die Körper der Gestochenen aber dazu bringen, Antikörper gegen Malaria-Parasiten zu bilden. 

REUTERS

Darum gehts

Impfmücken waren im Jahr 2021 schon ein Thema, als in einigen Ländern eine Impfpflicht diskutiert wurde. Damals äusserten einige Menschen die Sorge, Befürworterinnen und Befürworter dieser Idee könnten im Kampf gegen Sars-CoV-2 Wege finden, Impfgegnerinnen und -gegner heimlich zu impfen (siehe Corona-Faktencheck vom 23.11.2021). Die Angst war jedoch unbegründet: Weder kam es zur Impfpflicht, noch zum Einsatz von Impfmücken. Auch jetzt gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass so etwas geplant ist.

Neue Behauptung

Vom Tisch ist die Sorge allerdings immer noch nicht. Das zeigt aktuell ein Tiktok-Video (siehe Bildstrecke), das davon handelt, dass «Forschende gerade erfolgreich Menschen mit gentechnisch veränderten Mücken geimpft» hätten. Das seien «keine guten News», so der Sprecher: «Sie können den Impfstoff buchstäblich in die Stechmücken einbringen und sie auf die Öffentlichkeit loslassen.» Doch der Sprecher lässt wichtige Punkte unerwähnt und bringt einiges durcheinander, wie der genaue Blick zeigt.

Das haben die US-Forschenden wirklich gemacht

Zwar haben US-Forschende eine Gruppe von Menschen absichtlich von Mücken stechen lassen, dies aber im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie zu Malaria (siehe Box) und ausschliesslich im Labor. Zudem wurden die Mücken nicht gentechnisch manipuliert. Hand angelegt wurde vielmehr an den Malaria-Parasiten, mit denen Mücken bestückt wurden. Aus ihnen löschten die Forschenden drei Gene, die der Parasit braucht, um eine Infektion zu etablieren. 

Es wurden also ganz normale Mücken verwendet, die gentechnisch abgeschwächte Malaria-Parasiten enthielten. Diese können den Menschen nicht krank machen, die Körper der Gestochenen aber dazu bringen, Antikörper gegen Malaria-Parasiten zu bilden. Damit ist er auf die Bekämpfung des echten Parasiten vorbereitet.

Warum der Ansatz mit «Impfmücken»?

Anders als in dem Tiktok-Clip behauptet, zielen die Forschenden nicht darauf ab, Millionen von Menschen mit Moskitos zu impfen, wie Npr.org schreibt. Das Team habe sich aus Kosten- und Zeitgründen für diesen Weg entschieden: Für eine Verabreichung per Injektionsnadel hätte man sonst eine extra Impflösung entwickeln müssen, um die abgeschwächten Parasiten transportieren zu können.

So verbreitet sich Malaria

Es braucht dringend eine neue Malaria-Impfung

Grund für diese Herangehensweise ist laut Hauptautor Sean Murphy von der Washington University die Hoffnung, dass diese Impfung mit abgeschwächten Parasiten eine stärkere Immunreaktion auslöst als der von der WHO im Jahr 2021 zugelassene Malaria-Impfstoff RTS,S von GlaxoSmithKline. Denn während der «nur auf eines von mehr als 5000 Proteinen» abzielt, die der Parasit produziert, käme beim nun untersuchten Ansatz ein ganzer, aber geschwächter Parasit zum Einsatz, so Npr.org.

Eine Verbesserung des Schutzes vor Malaria ist dringend nötig. Denn RTS,S – das bislang einzige Mittel zum Schutz vor einer Malaria-Infektion – hat nur eine Wirksamkeit von 30 bis 40 Prozent. Das heisst: Nicht einmal die Hälfte der schweren Erkrankungen kann damit verhindert werden. Zu wenig angesichts der laut Bundesamt für Gesundheit jährlich mehr als 210 Millionen Malariafälle und den jährlich 435’000 Toten. 

Die «Mückenimpfung» ist gut, aber nicht gut genug

An der Studie nahmen 26 Personen teil. 200 Mücken kamen zum Einsatz. Sie befanden sich in einer kleinen Box, auf die die Probandinnen und Probanden ihren Arm legten. Die Box war mit einem Netz bedeckt, das die Mücken am Entkommen hinderte, es ihnen aber ermöglichte, die Probandinnen und Probanden zu stechen. Während des eigentlichen Versuchs wurden Arm und Box zudem mit einem schwarzen Tuch bedeckt, weil Mücken in der Dunkelheit besonders aktiv sind.

Um zu testen, wie gut der Ansatz funktionierte, liessen sich 14 der mückengeimpften Testperson zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal von Mücken stechen, die dieses Mal echte Malariaparasiten enthielten. Sieben von ihnen erkrankten in der Folge an Malaria, was bedeutet, dass der Impfstoff nur zu 50 Prozent wirksam war. Bei den anderen sieben hielt der Schutz nicht länger als ein paar Monate an. «Wir glauben, dass wir es besser machen können», so der Parasitologe und Co-Autor der Studie, Stefan Kappe.

Zurück zur Impfnadel

Die Forschenden hoffen, die Wirksamkeit ihres Impfstoffs verbessern zu können, indem sie ihn in Spritzen statt in Mücken verabreichen, um die richtige Dosierung zu erreichen. Eine höhere Anfangsdosis könnte zu einem besseren Schutz über einen längeren Zeitraum hinweg führen. Die Vorbereitungen laufen bereits. Die Forschungsfrage und die Ergebnisse des Experiments wurden im August 2022 im Fachjournal «Science Translational Medicine» veröffentlicht.

Fazit: Keine Anwendung von «Mückenimpfstoffen» geplant

Der Urheber des Videos greift mit seiner Behauptung eine mindestens seit Sommer 2021 bestehende Angst von Impfgegnerinnen und -gegnern auf: heimlich und ohne Zustimmung geimpft zu werden. Für ein solches Vorhaben gibt es jedoch keine Belege, auch wenn die Studie zeigt, dass der Einsatz von Impfmücken grundsätzlich möglich ist, steht ein Einsatz solcher nicht zur Debatte. Es handelt sich um ein sogenanntes «Proof of Concept» (Machbarkeitsstudie), also um eine Arbeit, in der es darum geht, die prinzipielle Durchführbarkeit eines Vorhabens zu prüfen. Zudem gab es bereits früher Studien, die sich mit Impfmücken beschäftigt haben. Belege für einen tatsächlichen Einsatz gibt es bisher nicht.

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