Aktualisiert 14.06.2005 10:21

Jacko-Urteil: «Amerika verteidigt seine Idole»

Die bange Erwartung eines möglichen Schuldspruch hat sich in grenzenlosem Jubel aufgelöst: Mehr als 1.200 Fans von Michael Jackson feiern am Montag den Freispruch im Prozess wegen Kindesmissbrauchs.

Sie umarmen sich, werfen mit Konfetti und hüpfen auf und nieder. Eine Frau in der Menge lässt bei jedem Freispruch zu den zehn einzelnen Anklagepunkten eine weisse Taube aufsteigen.

Schon lange vor Verkündung der Entscheidung im Gerichtssaal von Santa Maria steht für die Menge das Urteil fest. «Innocent» - unschuldig, rufen sie immer wieder in Sprechchören. Als die Jury dann auch so entscheidet, ist die Begeisterung nicht aufzuhalten. «Das beweist, dass Gerechtigkeit in Amerika siegen kann», sagt die 19-jährige Tara Bardella, die vor zwei Wochen aus Arizona gekommen ist, um den Ausgang des Prozesses mitzuverfolgen. «Wir lieben dich, Michael!» Als das Idol aus dem Gerichtsgebäude tritt, steigen weisse Luftballons auf. Der Musiker wirft seinem Publikum Kusshände zu, winkt kurz und steigt ins Auto, das ihn auf seine Ranch Neverland bringt.

«Gerechtigkeit hat gesiegt»

«Ich zittere am ganzen Körper», sagt die 24 Jahre alte Emily Smith aus London, die zu den Glücklichen gehört, welche eine Zulassung für den Gerichtssaal ergattern konnte. «Heute ist der Gerechtigkeit Genüge getan worden.» Aus Amsterdam ist Raffles Vanexel gekommen, der beim Verlesen des Urteils nach eigenen Worten «wie ein kleines Baby geheult hat». Jetzt fühle er sich wie neugeboren. Und für Michael Jackson habe die beste Zeit erst richtig begonnen. «Die Welt schuldet ihm jetzt etwas», meint der 29-Jährige.

In Jacksons Heimatstadt Gary im US-Staat Indiana pilgern Einwohner zum ehemaligen Wohnhaus der Familie, um dem berühmtesten Sohn der Stadt ihre Unterstützung zu bekunden. «Ich wusste, dass er es nicht getan hat», freut sich Franklin Reese, der mit seinem Lkw vorgefahren ist und im Autoradio in voller Lautstärke den Song «Beat It» zu Gehör bringt. «Michael ist ein guter Junge», versichert Janine Bray, die nach eigenen Worten die Familie Jackson schon seit ihrer Kindheit kennt. «Michael würde nie jemandem weh tun.»

Auf dem New Yorker Times Square sind ein paar hundert Menschen versammelt, um die Urteilsverkündung auf einer Grossleinwand zu verfolgen. Jede Nicht-Schuldig-Erklärung wird mit lauten Rufen quittiert. «Ich dachte, er würde für schuldig befunden, so freue ich mich jetzt für ihn», sagt die 30-jährige Jacqueline Ingram. Jackson wirke ja etwas verdreht, «aber ich denke, er meint es gut, und die Jury hat das verstanden», erklärt der 61 Jahre alte Ron Lavergne, der aus Kanada zu Besuch in New York ist.

«Nicht illegal merkwürdig zu sein»

«Wir, die Jury, fühlten, wie die Augen der Welt auf uns gerichtet waren», erklären die Geschworenen. So wird auch das Ende des Prozesses weltweit verfolgt. «Es ist nicht illegal, ein bisschen merkwürdig zu sein», meint der mexikanische Buchhändler Rogelio Mendez, 35. «Er ist ziemlich bizarr, aber kein Verbrecher.»

Martin Stock, der Gründer eines Michael-Jackson-Fan-Klubs In Deutschland, sagt, er sei ausser sich vor Freude, auch wenn er mit dem Freispruch gerechnet habe. Das ganze Verfahren sei lächerlich gewesen, und Michael sei unmenschlich behandelt worden. In England freut sich Jacksons Freund Uri Geller: «Er ist durch die Hölle gegangen, und nun ist der Albtraum vorbei.» Geller hatte das Fernsehinterview mitorganisiert, in dem Jackson erklärte, dass er manchmal das Bett mit Kindern teile. Selbst die arabischen Fernsehsender Al Dschasira und Al Arabija unterbrechen ihr Programm, um die Ereignisse in Santa Maria live zu übertragen.

Besonders aufmerksam wird das Ende des Prozesses in Rumänien verfolgt, wo Jackson bei zwei grossen Konzerten 1992 und 1996 auftrat und ein Waisenhaus in Bukarest unterstützte. «Ich habe erwartet, dass er für unschuldig erklärt wird», sagt der rumänische Popstar Loredana Groza. «Amerika verteidigt seine Idole.»

Sneddon will möglicherweise in Berufung gehen

Er zog sich auf seine Neverland-Ranch zurück um auszuruhen, wie sein Bruder Tito Jackson dem Sender MSNBC mitteilte. Der einstige «King of Pop» äusserte sich selbst nicht öffentlich zu dem triumphalen Freispruch. Unter dem Jubel der Fans stieg er kommentarlos in eine vor dem Gerichtgebäude wartende Limousine.

Noch offen ist, ob die Staatsanwaltschaft gegen das Urteil in Berufung gehen will. Ankläger Tom Sneddon räumte aber ein, er sei enttäuscht über den Freispruch.

(dapd)

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