Aktualisiert 09.05.2018 10:09

Mangels InteresseJahrhundert-Wörterbuch wurde nicht gedruckt

250 Jahre lang verstaubten rund 100'000 Zettel eines Professors im Keller der Universitätsbibliothek Basel. Daraus hätte das grösste deutsche Wörterbuch des 18. Jahrhunderts werden sollen.

von
sis
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In den zwanzig Bänden des «Deutschen Glossar» von Johann Jakob Spreng sind abertausende von Zettel zweispaltig eingeklebt.

In den zwanzig Bänden des «Deutschen Glossar» von Johann Jakob Spreng sind abertausende von Zettel zweispaltig eingeklebt.

Universität Basel, Florian Moritz
Projektmitarbeiter Gabriel Schaffter reinigt die Zettel einzeln mit einem Schwamm und einem Absauggebläse.

Projektmitarbeiter Gabriel Schaffter reinigt die Zettel einzeln mit einem Schwamm und einem Absauggebläse.

Universität Basel, Florian Moritz
Mit 95'000 Wortartikeln wäre das «Deutschen Glossar» das grösste deutsche Wörterbuch des 18. Jahrhunderts geworden.

Mit 95'000 Wortartikeln wäre das «Deutschen Glossar» das grösste deutsche Wörterbuch des 18. Jahrhunderts geworden.

Universität Basel, Florian Moritz

Bei Recherchen stiess Heinrich Löffler zufällig auf eine Sensation: Im Keller der Universitätsbibliothek fand der emeritierte Sprachwissenschaftler 20 Bände eines handschriftlichen Wörterbuchs sowie eine grosse Schachtel mit 33'000 losen Zetteln von Johann Jakob Spreng (1699–1778).

Sie alle hatte der Basler Professor Spreng in immenser Arbeit für ein historisch-etymologisches Wörterbuch gesammelt und für den Druck bestimmt. Mit 95'000 Einträgen wäre es mit Abstand das grösste Wörterbuch des 18. Jahrhunderts gewesen. Erst das «Deutsche Wörterbuch» der Gebrüder Grimm rund 80 Jahre später übertraf das geplante Basler Glossar. Doch für den Druck fanden sich nicht genug Käufer. Sprengs Crowdfunding in der frühen Neuzeit scheiterte, könnte man sagen.

Aussenseiter Spreng löste Skandal aus

«Wäre das damals umfangreichste deutsche Wörterbuch gedruckt worden, wäre das eine Sensation gewesen», sagt Löffler. Solche Glossare galten als wichtig für die aufkommende Pflege der deutschen Schriftsprache, die bei Gelehrten das Latein ablösen sollte. Wie damals üblich, verfasste Spreng sämtliche Einträge selbst.

Dass Spreng für sein Wörterbuch damals nicht genug Interessenten fand, könnte laut Löffler daran liegen, dass er als ausserordentlicher Professor an der Universität ohne Salär als Aussenseiter galt. Das Bewusstsein für das neue Deutsch als Hochsprache oder gar als Wissenschaftssprache war noch nicht verbreitet.

Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der Gelehrte – er lebte in ständiger Geldnot – als Waisenhauspfarrer. Dazu kamen 1763 ein Skandal und ein Publikationsverbot, da sich der Professor in frivolem Ton über katholische Heiligenlegenden ausgelassen haben soll.

Chaotisch und unvollständig?

Nach seinem Tod lagen die Bände wie die Schachtel mit den Zetteln und Notizen fast 100 Jahre lang bei seinen Erben. 1862 kam das Material in die Handschriftenabteilung der Universitäts­bibliothek. Lange hatte es den Ruf, chaotisch und unvollständig zu sein. So fehlten auf den ersten Blick die Einträge für zehn Bände respektive Buchstaben.

Erst als die Linguisten das Material ausgelegt und geordnet hatten, stellten sie fest, dass die vermissten Wörter vollständig auf den Zetteln vorhanden waren. Diese steckten allerdings in über 1000 kleinen Couverts, die unter dicken Staubschichten durcheinanderlagen.

Aufbereitung dauert sechs Jahre

Nun ist man in der Universitätsbibliothek seit drei Jahren intensiv daran, sämtliche Bände und Zettel des «Glossariums» zu reinigen und zu digitalisieren. Löffler, Kollegen und Freiwillige schreiben die handschriftlichen Zettel ab und bringen sie in eine druckfertige Form.

Etwa ein Drittel der Edition ist bisher geschafft – im Ganzen werden es bis zum geplanten Abschluss in etwa drei Jahren geschätzte 4500 zweispaltige Druckseiten sein.

Ausstellung zu Leben und Werk

Unter dem Titel «Ein sprachlicher Jahrhundertschatz wird gehoben» organisiert die Universitätsbibliothek Basel (UB) zum diesjährigen 250. Todestag von Spreng vom 30. Mai bis 1. September 2018 eine Ausstellung.

Eröffnung mit Einführungsvortrag ist am 30. Mai 2018 um 18 Uhr im Ausstellungsraum der UB.

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