Jahrhundertprozess um Macht und Millionen
Aktualisiert

Jahrhundertprozess um Macht und Millionen

Am Düsseldorfer Landgericht beginnt am Mittwoch ein Jahrhundertprozess um Macht und Millionen - und um die Moral in der deutschen Wirtschaft.

Auf der Anklagebank: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, die frühere Führungsspitze des Mannesmann-Konzerns und der einst mächtigste deutsche Gewerkschafter, der frühere IG-Metall-Chef Klaus Zwickel.

Wie auch immer das Verfahren ausgehen wird: Auf jeden Fall wird es der Öffentlichkeit Blicke hinter die sonst sorgsam gehüteten Kulissen des deutschen Topmanagements erlauben: auf Manager die Millionen kassieren, während ihr Unternehmen zerschlagen wird, auf Aufsichtsräte, die keine Probleme damit haben, und auf Gewerkschafter, die einfach zuschauen.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wirft den sechs Angeklagten vor, die 180 Milliarden Euro teuere Übernahme des Technologiekonzerns Mannesmann durch den Londoner Mobilfunkriesen Vodafone Anfang 2000 benutzt zu haben, um Managern und früheren Vorständen des Unternehmens ungerechtfertigte Abfindungen in Höhe von fast 60 Millionen Euro zuzuschieben.

Die Manager: Keine Probleme mit Millionenabfindungen

Im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht dabei Deutschlands mächtigster Banker Josef Ackermann. Statt sich um die Geschäftes des Geldinstitutes zu kümmern, muss der 55-Jährige künftig zwei Tage die Woche auf der Anklagebank im Düsseldorfer Landgericht Platz nehmen. Als Mitglied im Mannesmann-Aufsichtsratspräsidium hat er die Millionenabfindungen abgenickt. Die Staatsanwaltschaft wertet das als Untreue. Doch sah der Manager in dem Geldregen nur eine angemessene Belohnung für den Erfolg des Managements. Er selbst bekam davon ohnehin keinen Cent.

Hauptprofiteure waren Mannesmann-Chef Klaus Esser, der allein rund 30 Millionen Euro an Abfindungen und Prämien erhielt, und der Aufsichtsratschef Joachim Funk. Die aber haben keine Probleme mit den für Normalverdiener unvorstellbaren Millionenprämien. Esser selbst betonte immer wieder, die ihm gewährte Summe betrage schliesslich nicht einmal 0,2 Promille des Gewinns, den die Aktionäre gemacht hätten. «Ich bin der Meinung, dass die Höhe der Zuwendungen am Erfolg des Managers gemessen werden soll.»

Die Gewerkschaft: Laut geschimpft und leise durchgewinkt

Kein Ruhmesblatt waren die Ereignisse für IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, der als Mannesmann-Aufsichtsrat zwar laut über die Millionenabfindungen schimpfte, aber nichts tat, um sie zu verhindern und sich deshalb jetzt auch auf der Anklagebank wiederfindet. Die Abfindungen seien «unanständig hoch und für keinen Arbeitnehmer nachvollziehbar», schimpfte Zwickel öffentlich. Doch im zuständigen Aufsichtsratspräsidium enthielt er sich der Stimme. Erst Monate später räumte der heute 64-Jährige ein: «Da habe ich einen Fehler gemacht.»

Die Staatsanwaltschaft: Zum Jagen getragen

Doch auch die Staatsanwaltschaft zauderte zunächst, sich mit Deutschlands Topmanagern anzulegen und musste fast zum Jagen getragen werden. Doch dann wurde sie umso bissiger. Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Hans-Reinhard Henke, warf Esser bei der Präsentation der Anklage sogar «Käuflichkeit» vor, zumindest im umgangssprachlichen Sinne. Bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit ging die Staatsanwaltschaft so aggressiv vor, das Esser deswegen in einem Zivilverfahren in erster Instanz ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro zugesprochen bekam.

Die Verteidiger: Die Crème de la crème

Insgesamt 460 Seiten umfasst die Anklageschrift. Die Vorwürfe lauten auf Untreue oder Beihilfe dazu. Untreue kann im besonders schweren Fall mit Haftstrafen bis zu zehn Jahren bestraft werden. Doch ist die Crème de la crème der deutschen Strafverteidiger angetreten, um die Vorwürfe zu zerpflücken. Ackermann wird von Eberhard Kempf und Klaus Volk verteidigt, Zwickel von Rainer Hamm, Esser von Sven Thomas und Joachim Funk von Egon Müller. Das Selbstbewusstsein der Rechtsanwälte spiegelt sich in einem Interview von Ackermann-Verteidiger Volk, der offen Zweifel am Sachverstand der Ankläger erkennen liess. «Ich denke, die Staatsanwaltschaft wird im Prozess noch einiges lernen, was die nationalen und internationalen Gepflogenheiten von Bonuszahlungen angeht», sagte Volk.

Das Gericht: Selbstbewusst zwischen den Fronten

Keine leichte Aufgabe also für das Gericht. Für die Vorsitzende Richterin der 14.Wirtschaftsstrafkammer, Brigitte Koppenhöfer, ist es das erste spektakuläre Verfahren. Auch ihre beiden Beisitzer sind noch vergleichsweise unerfahren. Doch zeigte Frau Koppenhöfer schon Selbstbewusstsein, als sie die Anklage im September trotz heftigen öffentlichen Drucks im Wesentlichen zuliess.

(dapd)

Deine Meinung