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«Spectre»-FilmkritikJames Bond ist definitiv auferstanden

Im vierten Bond-Film mit Daniel Craig kehrt Agent 007 zu seinen Wurzeln zurück – ein Volltreffer in jeglicher Hinsicht.

von
Gabriel Brönnimann

«The dead are alive», die Toten sind am Leben – diesen Satz hämmert Regisseur Sam Mendes uns gleich zu Beginn von «Spectre» in den Schädel, bevor er die Leinwand für die Eröffnungsszene am Dia de los Muertos mitten in Mexiko-Stadt freigibt. Eine schaurig-schöne Totenkopf-Parade, ein epischer Long-Take mit Daniel Craig, Bond-Girl, Bösewichten, 1500 Statisten in der spektakulärsten Eröffnungsszene der Bond-Geschichte. Die ist mit dem 24. offiziellen Abenteuer nach «Dr. No» (1962) schon 53 Jahre alt. Ein Fossil, für Kino-Verhältnisse.

Dabei hätte so viel schiefgehen können mit dem neuen Bond im neuen Jahrtausend – diesem «sexistischen Dinosaurier, dem Relikt des Kalten Krieges», wie seine Chefin M es damals in «Goldeneye» (1995) formuliert hatte. Aber Bond, nach sinkenden Zahlen mit Brosnan bereits totgesagt, wurde mit der Trilogie «Casino Royale» (2006), «Quantum of Solace» (2008) und «Skyfall» erfolgreich wiederbelebt.

Ein gut geschüttelter Cocktail

Die Reanimation des Unsterblichen mit der Lizenz zum Töten war mit «Skyfall» abgeschlossen: In «Casino Royale» hatte Bond gelernt zu töten, zu lieben und zu verdrängen; in «Quantum of Solace» hat er gelernt, auch einen mässigen Film zu überleben, und am Ende von «Skyfall» war seine Bond-Werdung abgeschlossen. Das klassische Ensemble ist komplett: Q, Moneypenny und ein neuer M (nach dem Tod von James' Ersatzmutter M, einer Episode, die er hoffentlich ebenfalls verdrängt hat).

Der Killer ist zurück für ein weiteres Abenteuer – und das Kunststück gelingt den Machern erneut: «Spectre» funktioniert sowohl als unterhaltsamer Action-Thriller als auch als Film für hartgesottene Fans, ist er doch gleichzeitig ein liebevoll geschüttelter 007-Cocktail voller Anspielungen bis ganz zurück zu den Anfängen der Reihe. Craig zuzusehen ist ein Vergnügen. Nicht nur ihm: Naomie Harris, Monica Bellucci und Léa Seydoux sind eine Wucht. Ohne Seydoux wäre die zweite Hälfte des Films nicht halb so gut. «Vergessen Sie nicht: Bond ist ein Frauenhasser», sagte Craig in einem Interview. «Aber wir haben ihn mit starken Frauen umgeben, um ihm seine Grenzen aufzuzeigen.»

Spectre, das Phantom, die Dämonen

Ebenfalls endlich zurück ist «Spectre», das «Phantom», die Terror-Organisation mit dem Tintenfisch-Logo, Bonds grösster Widersacher aller Zeiten (im Film ebenfalls seit «Dr. No» aktiv). Als Spectre-Bösewicht gibt kein Geringerer als Christoph Waltz Bonds Gegenspieler. Ein abscheulich guter Menschenfeind.

Und so trifft der Killer mit seinen Dämonen auf den abgrundtief bösen Psychopathen und sein Phantom – ein epischer Totentanz. «Spectre» schafft das Kunststück, das mit den ersten drei Craig-Filmen geschaffene Bond-Universum weiterzuspinnen und dabei dem Ur-Kanon von Ian Fleming treu zu bleiben, ja zu huldigen. Mit starken, modernen Charakteren. Mit Spannung, Charme und einer guten Portion Witz. Und wie nebenbei behandelt der Film auch noch das Thema der totalen digitalen Überwachung – und was deren Macht eigentlich bedeutet.

Sehenswertes Spektakel

Dem Film wird angekreidet, dass unklar bleibe, was Bond denn wirklich im Innersten antreibe. Oder, dass die Story nicht glaubhaft genug sei. Mit Verlaub: Wenn Bond seine Seele dem Zuschauer wirklich je preisgäbe, käme die Projektionsfläche im doppelten Sinne abhanden, weil niemand mehr ins Kino kommen würde. Und wer sich bei Bond-Filmen über Mangel an Realismus beschwert, sitzt eh im falschen Film.

Im Vergleich zu Filmen wie «Moonraker» (007 im Weltall) oder «Die Another Day» (007 überlebt 14 Monate Folter in Nordkorea und fährt später mit einem unsichtbaren Auto einem Satelliten-Laser davon) – wirkt das unterhaltsame «Spectre»-Spektakel fast schon realistisch. Obwohl das Spion-Action-Genre in den letzten Jahren ein Kino-Revival erfährt, darf man froh sein, dass Bond nicht tot ist. Immer wieder gilt: Keiner macht es besser.

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