Interview: Jamiroquai: Ein kosmischer Pessimist
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InterviewJamiroquai: Ein kosmischer Pessimist

Was ist schlimmer als Ratten und Kakerlaken? Geht es nach Jamiroquai, ist der Mensch die schlimmste Plage.

Es ist wie so oft: Am Schluss muss alles schnell gehen. Gerade mal zehn Minuten hat Jamiroquai vor seinem Auftritt in Locarno noch Zeit für ein Interview. Kein Problem für den quirligen Musiker. Nach einer kurzen Aufwärmphase hat er seine Müdigkeit abgeschüttelt und nuschelt in rasendem Tempo und mit heftigem Akzent seine Antworten.

Ihr habt das neue Album «Dynamite» in Amerika aufgenommen. Angeblich aus Gründen der Inspiration.

Jamiroquai: Ach, wir gingen da nur hin, um die Backgroundsängerinnen zu testen. In erster Linie wollten wir nicht wieder im selben Studio aufnehmen, in dem schon die letzten beiden Platten entstanden.

Im Funk tauchen immer wieder Science-Fiction-Elemente auf. Auch deine Musik wird oft Sci-Fi-Funk genannt. Stört dich dieses Attribut?

Jamiroquai: Na, eigentlich mag ich es. Ich bin ein bisschen romantisch, wenn es um den Kosmos geht.

Was fasziniert dich denn daran?

Jamiroquai: Was mich daran fasziniert? Na, da kommen wir doch alle her! (Lacht spöttisch) Wir sind ohnehin nur ein ganz kleiner, unbedeutender Teil, wir sind ein Nichts im grösseren Zusammenhang, wir sind ja nur ein winziger Planet in einem viel grösseren System, über das wir eigentlich nichts wissen. Nicht mal über unseren Planeten wissen wir richtig Bescheid.

Apropos Science Fiction, die Wirklichkeit wird: Du hast einen Song gegen das Klonen veröffentlicht, noch bevor Dolly, das erste Klonschaf, der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Weshalb bist du bei sozialkritischen Fragen so aufmerksam?

Jamiroquai: Ich bin gar nicht soo aufmerksam. Aber wir leben im 21. Jahrhundert, und da hört und liest man von Dingen, über die man früher nicht viel wissen konnte. Es gibt viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit auf dieser Welt. Dagegen möchte man sich aussprechen. Manchmal denke ich zwar, es nützt eh nichts, uns wird es kaum noch länger als 1000 Jahre geben. Die Erde ist überbevölkert, und wir werden aussterben wie alle anderen auch. 2015 wird es 10 Milliarden Menschen geben, und von unseren nächsten verwandten Säugetieren gibt es nur gerade zwei Millionen. Darin sind wir phantastisch: die anderen verdrängen und alles auslöschen, sogar uns selbst.

Rund um Live 8 gab es eine Menge Diskussionen, ob man als Künstler überhaupt eingreifen soll in die Politik.

Jamiroquai: Es ist doch eine gute Sache. Und schliesslich musst du dir überlegen: OK, es gibt jetzt 15 Milliarden Pfund mehr für die Armen. Aber was haben die Amerikaner bisher für den Irakkrieg ausgegeben? All das Geld für das Training der Piloten, der Soldaten, für die Flugzeuge, die Schiffe, für die Entwicklung neuer U-Boote. Setz das mal in Relation zur Hilfe für Afrika. Dort will man ja nur ein bisschen Infrastruktur aufbauen, Schulen, Spitäler, Strassen. Das müssen wir doch tun. Wir profitieren ja davon, dass wir alle anderen arm halten.

Du hast einen grossen Garten mit organischem Gemüse, fängst deinen eigenen Fisch und warst in der Koch-Show von Jamie Oliver. Gibt es für dich eine Verbindung zwischen Musik und gutem Essen?

Jamiroquai: Nein, aber es gibt eine gute Verbindung zwischen gutem Essen und meinem Bauch (lacht). Wenn ich zu Hause etwas züchten kann, ziehe ich das jederzeit den industriell produzierten Lebensmitteln vor. Ich bin total gegen diese Farmfabriken – und damit wären wir wieder bei der Überpopulation. Wir sind glücklich, wenn wir allen anderen Lebewesen ihren Lebensraum streitig machen können. In 40 Jahren wird sich unsere Bevölkerung verdoppelt haben, weil unsere religiösen Führer wieder einmal das falsche Signal ausgesandt haben. Um ehrlich zu sein: Menschen sind eine Plage. Es gibt Kakerlaken, Ratten und Menschen. Die ersten beiden übernehmen wenigstens nicht die Weltherrschaft.

Interview: Silvano Cerutti

Funk und Flitzer

Der 36-jährige britische Musiker Jason Kay sorgt seit 1992 als Jamiroquai mit mächtig groovendem, hyperexakten Funk für Aufsehen. Das gilt auch für sein aktuelles Album «Dynamite».

Auf wenig Verständnis bei seinen Fans stiess hingegen der Umstand, dass sich Jamiroquai zwar vehement zu Umweltthemen äussert, gleichzeitig aber auch Sportwagen liebt. Diesen Widerspruch hat er bis heute nicht aufgelöst.

In Concert

Mittwoch, 28. September, Hallenstadion, Zürich, 20 Uhr.

Preis CHF 70.– (nummerierter Sitzplatz), 55.– (Stehplatz)

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