Prozess in Weinfelden TG: Jan Ullrich fuhr mit 1,8 Promille und 139 km/h
Aktualisiert

Prozess in Weinfelden TGJan Ullrich fuhr mit 1,8 Promille und 139 km/h

Radprofi Jan Ullrich verursachte mit massiv überhöhtem Tempo und reichlich Alkohol im Blut einen Unfall. Am Dienstag muss er sich vor Gericht verantworten.

von
jeb
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Am Abend des 19. Mai 2014 hat Ex-Radprofi Jan Ullrich in Mattwil TG einen Unfall verursacht. Zwei Personen wurden dabei verletzt.

Am Abend des 19. Mai 2014 hat Ex-Radprofi Jan Ullrich in Mattwil TG einen Unfall verursacht. Zwei Personen wurden dabei verletzt.

Kapo TG
Jan Ullrich spricht von einem Riesenfehler. Er gibt zu, zu schnell, unaufmerksam und unter dem Einfluss von Alkohol gefahren zu sein.

Jan Ullrich spricht von einem Riesenfehler. Er gibt zu, zu schnell, unaufmerksam und unter dem Einfluss von Alkohol gefahren zu sein.

Keystone/AP/Oliver Fantitsch
Pro Monat kommt es auf der Kreuzung in Mattwil laut Ortsansässigen zu zwei bis drei Unfällen. Die Kreuzung sei berüchtigt: «Hier knallt es dauernd», sagt ein Anwohner.

Pro Monat kommt es auf der Kreuzung in Mattwil laut Ortsansässigen zu zwei bis drei Unfällen. Die Kreuzung sei berüchtigt: «Hier knallt es dauernd», sagt ein Anwohner.

Jeroen Heijers

Am 19. Mai hatte der Tour-de-France-Sieger von 1997 zuhause in Scherzingen TG spontan Besuch von Freunden, wie er gegenüber Bild.de erzählte. Diese brachten Wein mit. Ullrich dachte, dass er an diesem Tag nichts mehr vorhabe und genoss mit den Freunden ein paar Flaschen. Das Telefon habe ihn aber plötzlich an einen Termin erinnert. «Und da ist dann in der Hektik eine Sicherung durchgebrannt.», so der 41-jährige. Er habe sich noch fahrtüchtig gefühlt und nicht gross nachgedacht. Mit seinem Audi RS6 fuhr er zum Termin – auf der Rückfahrt passierte dann der Unfall.

Wie durch ein Wunder gab es keine Verletzen

Mit 1,8 Promille intus raste Ullrich laut Anklageschrift mit 139 km/h statt der erlaubten 80 km/h auf eine Kreuzung in Mattwil zu, wo er nach rechts in Richtung Langrickenbach abbiegen wollte. Dort krachte er mit hoher Geschwindigkeit auf ein an der Kreuzung haltendes Auto. Dieses überschlug sich und kam auf der gegenüberliegenden Wiese zum Stillstand. Ullrich fuhr mit rund 40 km/h weiter über die Kreuzung und kollidierte noch frontal mit einem korrekt entgegenkommenden Auto. Es entstand Sachschaden von rund 70'000 Franken.

Ullrich erinnert sich in der «Bild»-Zeitung: Er sei über die Kuppe gefahren und habe das Auto am Stoppschild zu spät gesehen. Er habe auszuweichen versucht, das Auto aber links am Heck getroffen. «Sofort gingen die Airbags auf. Danach bin ich unter Schock sofort raus und sah, dass da noch ein zweites Auto steht. Ein Mann stand schon auf der Strasse, ihm war zum Glück nichts passiert.» Wie durch ein Wunder habe es keine ernsthaft Verletzten gegeben, so Ullrich.

Ullrich hat sich danach öffentlich für seine Blaufahrt entschuldigt. «Es ist unverzeihlich, dass ich mich unter Alkoholeinfluss ans Steuer gesetzt habe. Das war ein Riesenfehler, den ich zutiefst bereue», schreibt Ullrich am 21. Mai 2014 auf seiner Facebook-Seite. Er sei schockiert und traurig über die Situation, in die er die Beteiligen und seine Familie gebracht habe. Er werde sich persönlich bei allen entschuldigen.

Tagesmutter dank Unfall gefunden

Das tat er auch – und lernte dabei die künftige Tagesmutter seiner Kinder kennen, die Mutter eines der Unfallopfer, so Ullrich gegenüber der «Bild». Jetzt habe er ein freundschaftliches Verhältnis zu der Frau. Sie passe nun regelmässig auf seine Kinder auf.

Den Fahrausweis hat Ullrich nicht mehr zurückbekommen. Er sei jetzt mit dem Velo, dem Bus und der S-Bahn unterwegs, sagt Ullrich. Er musste sich dort auch schon Sprüche anhören. «Ah, jetzt müssen Sie ja auch Bahn fahren», habe ihm lächelnd ein Kondukteur bei einer Kontrolle beschieden.

Kein Promibonus

Die Staatsanwaltschaft Bischofszell fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten bei einer Probezeit von vier Jahren sowie eine Busse von 10'000 Franken. Zudem sollen Ullrich die Untersuchungs- und Verfahrenskosten auferlegt werden. Der Prozess am Dienstag wird im abgekürzten Verfahren durchgeführt – das heisst, dass sich Ullrich und die Staatsanwaltschaft im Vorfeld über den Sachverhalt und die Konsequenzen geeinigt haben. Das Gericht vergleicht Aussagen sowie Akten und entscheidet, ob es das Strafmass für angemessen hält oder leitet ein ordentliches Verfahren ein. Trotz des abgekürzten Verfahrens muss Ullrich am Dienstag vor Gericht erscheinen.

«Einen Promibonus hat Ullrich damit nicht bekommen», schätzt Valesca Zaugg, Geschäftsführerin der Stiftung RoadCross Schweiz das geforderte Strafmass ein. Mit 18 Monaten bedingt bewege sich dieses im erwarteten Rahmen. Ein gewöhnlicher Bürger wäre im selben Rahmen angeklagt worden. «Das zeigt die Erfahrung bei vergleichbaren Delikten.» Ullrich habe viel Glück gehabt. Mit 1,8 Promille und 139 km/h in der 80-er Zone sei er extrem waghalsig unterwegs gewesen. Das Strafmass sei deshalb mehr als gerechtfertigt.

Kreisel entschärft berüchtigte «Jan-Ullrich-Kreuzung»

Die Kreuzung in Mattwil ist berüchtigt. Anwohner sprachen gegenüber 20 Minuten von «der gefährlichsten Kreuzung im ganzen Kanton Thurgau». Wenn es dort knalle, würden sie schon gar nicht mal mehr nachschauen gehen. Das geschehe zwei bis drei Mal im Monat. 2012 verunglückte dort ein 59-jähriger Töfffahrer tödlich.

Auch der Kanton Thurgau stufte die Kreuzung als gefährlich ein. Anfang Juli dieses Jahres wurde an der berüchtigten Stelle, die man heute auch «Jan-Ullrich-Kreuzung» nennt, ein Kreisel installiert.

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