Dauerkrise: Japan im Jammertal
Aktualisiert

DauerkriseJapan im Jammertal

Das Wirtschaftswunder Japan befindet sich trotz starkem Yen mehr denn je auf dem absteigenden Ast. Eine besondere Schmach ist der Aufstieg Chinas.

von
Gérard Moinat
Jung und Alt leiden unter der stagnierenden Wirtschaft.

Jung und Alt leiden unter der stagnierenden Wirtschaft.

Der Yen gehört inzwischen zu den populärsten Fluchtwährungen und ist so gefragt wie lange nicht mehr. Doch eigentlich ist es merkwürdig, dass die Anleger auf den Yen setzen. Denn: Die Wirtschaft des Landes liegt buchstäblich danieder.

Zwanzig Jahre Dümpelwirtschaft haben in Japan Spuren hinterlassen: «Die Japaner sind inzwischen wieder auf dem Lohnniveau von 1989 angelangt», so Hiroshi Yoh, CEO des Vermögensverwalters Tokio Marine, kürzlich an einer Veranstaltung in Zürich.

Die durchschnittlichen Monatslöhne im fernöstlichen Land stagnieren bei umgerechnet 3064 Franken. Und dies bei – gerade in den grossen Städten – vergleichbar hohen Lebenskosten wie in der Schweiz. Zum Vergleich: Schweizer verdienen durchschnittlich 5823 Franken.

Analysten vom Brokerhaus Nomura sagen mittel- bis langfristig gar voraus, dass die Löhne und Gehälter in Japan schrumpfen und die Mittelschicht noch stärker unter Druck gerät.

Goldene Siebzigerjahre sind längst passé

In den Siebzigern, als das Land zur Super-Wirtschaftsmacht aufstieg, hätte noch niemand auch nur im Entferntesten mit einem derartigen Szenario gerechnet. Damals sah alles noch viel rosiger aus: «Nihon Ichiban»,(Japan Nummer Eins) war zu jener Zeit die Parole des asiatischen Wirtschaftswunders.

Der Wirtschaftsmotor brummte, Unternehmen warben Universitätsstudenten noch während der Schulzeit ab und jeder konnte mit Aktien über Nacht reich werden. «Es wäre niemandem eingefallen, auch nur fünf Minuten zu Fuss zu gehen – alle nahmen das Taxi», erzählen Menschen, die diese Zeit miterlebt haben.

Die Taxis aus dieser Zeit, die brausen noch immer herum. Doch immer weniger Leute können es sich leisten, damit von A nach B zu fahren.

Jeder fünfte Universitätsabgänger ohne Job

Aber Japaner sparen nicht nur bei einen Luxus wie einer Taxifahrt: Auch beim preiswerten japanischen Mittagessen zeigen sie sich immer knausriger. Laut einer Umfrage der Shinsei–Bank geben Angestellte inzwischen weniger als 6 Franken für ihren Reis und Miso-Suppe-Lunch aus – 15 Prozent weniger als im Vorjahr und die geringste Summe seit einem Jahrzehnt.

Auch sonst musste der Gurt seit dem Platzen der grossen Immobilien-Bubble Ende der Achtzigerjahre enger geschnallt werden. Seitdem Japan 1989 den grössten Crash aller Zeiten erlebt hat, schlingert die Wirtschaft vor sich hin.

So ist es besonders für Junge immer schwieriger geworden, eine feste Arbeit zu bekommen. Nach einer Umfrage der Ministerien für Arbeit und Gesundheit blieb im Frühjahr 2010 jeder fünfte Universitätsabgänger ohne Job. Das sind noch weniger als 2009, das bereits als sehr schlechtes Jahr galt.

Teilzeitangestellte zum halben Preis angestellt

Zwar sind nur etwa 5,1 Prozent Japaner arbeitslos. Doch die Stellen werden immer knapper: Im verarbeitenden Sektor sind die Arbeitsplätze seit dem Höhepunkt vom 1992 von 15,7 Millionen Stellen um knapp ein Drittel zurückgegangen.

Eine wachsende Zahl von Arbeitskräften, besonders häufig auch Junge, schlägt sich deshalb als Teilzeit- oder Zeitarbeiter durch. Besser als auf der faulen Haut zu liegen, könnte man meinen. Doch das Problem ist, dass sie gegenüber den Festangestellten in Sachen Lohn geradezu diskriminiert werden. 2008 verdiente ein Mann mit einer festen Stelle 65 777 Franken; ein Zeitarbeiter mit der gleichen Funktion nur 37 587 Franken.

Doch auch die Senioren müssen immer länger ran. Jeder zweite Rentner arbeitet in Nippon mittlerweile noch, weil das Geld mangelt. Mit 52 Prozent ist mehr als die Hälfte der Männer zwischen 65 und 69 Jahren voll erwerbstätig. Für viele dieser Silberrücken kommt der Ruhestand erst, wenn sie über 70 Jahre alt sind.

Leitzins auf Null – zurück auf Feld eins

Mit der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 hat sich die Situation für die japanische Wirtschaft nochmals zusätzlich verschärft. Schlimmer konnte es nicht werden, dachten sich viele, und so kam sogar ein Funken Hoffnung auf.

Doch die kürzliche Leitzinssenkung der Bank of Japan und angekündigte Konjunkturpaket von 53 Milliarden Franken zeigen: Bevor die Wirtschafts-Erholung überhaupt eingesetzt hat, muss die kraftlose Wirtschaft bereits wieder bei Laune gehalten werden.

Dass ein Ausbrechen aus der bereits jahrelangen Kreisbewegung fast unmöglich ist, zeigt auch die Konsumentenstimmung. Das Vertrauen der japanischen Konsumenten fiel im September bereits den dritten Monat in Folge. Der Konsum macht 60 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes aus.

Erdrückende Schuldenlast

Zu allem Übel hinzu kommt noch ein weiteres strukturelles Problem: Das Land ist, gemessen an der Wirtschaftsleistung, nach Simbabwe das am zweithöchsten verschuldete Land der Welt. Die Schulden belaufen sich mittlerweile auf mehr als das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts. Um diese Schulden zu tilgen, müssten die fast 130 Millionen Einwohner also zwei Jahre lang gratis arbeiten.

Zum Vergleich: Die Schweizer Schuldenquote lag 2009 bei 39 Prozent. Das viele Geld hat sich die Regierung vor allem im Inland geliehen – rund 90 Prozent der Staatsanleihen halten die Japaner selbst.

China zieht davon

Doch am schlimmsten, gerade für die bereits stark angeschlagene Psyche der Japaner, war die Meldung im August: Die ehemalige japanische Kolonie China überholte Japan als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Japans Bruttoinlandsprodukt belief sich im zweiten Quartal 2010 auf 1,28 Billionen Dollar, China kam auf 1,33 Billionen.

Ein zusätzlicher Dämpfer für das Gemüt dürfte auch die Gewissheit sein, dass die Löhne im benachbarten China im Durchschnitt um 15 Prozent im Jahr steigen, währen die eigenen über Jahrzehnte stagnieren, erklärt Hiroshi Yoh.

Angesichts der mittlerweile im Jahresrhythmus wechselnden Premiers und die fallenden Geburtenrate ist nicht zu erwarten, dass die Japaner das Steuer ihres Inselstaates bald herumreissen können. Denn Zuwanderung lehnt das Land ab. Wohin die Fahrt geht, weiss niemand.

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