Enkelin (16) erstochen: Japaner (88) landet im Gefängnis – obwohl er demenzkrank ist

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Enkelin (16) erstochenJapaner (88) landet im Gefängnis – obwohl er demenzkrank ist

In Japan wurde in einem kontroversen Gerichtsfall ein 88 Jahre alter Mann, der an Alzheimer leidet, zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Angeklagte hatte seine Enkelin (16) erstochen. Doch der Richter hielt ihn für zurechnungsfähig. 

von
Karin Leuthold
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Susumu Tomizawa muss trotz hohen Alters und fortschreitender Demenz für viereinhalb Jahren ins Gefängnis.

Susumu Tomizawa muss trotz hohen Alters und fortschreitender Demenz für viereinhalb Jahren ins Gefängnis.

ANN News
Im September 2020 hatte der Mann seine damals 16-jährige Enkelin Tomomi erstochen.

Im September 2020 hatte der Mann seine damals 16-jährige Enkelin Tomomi erstochen.

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Der Fall löste in Japan eine Kontroverse aus: Der Richter befand, dass Tomizawa, trotz Alzheimer, über Recht und Unrecht urteilen konnte.

Der Fall löste in Japan eine Kontroverse aus: Der Richter befand, dass Tomizawa, trotz Alzheimer, über Recht und Unrecht urteilen konnte.

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Darum gehts

Der 88-jährige Susumu Tomizawa wurde von einem Gericht in der Stadt Fukui im Westen Japans wegen Mordes verurteilt. Der Rentner hatte seine 16 Jahre alte Enkelin Tomomi erstochen. Dass Tomizawa an Alzheimer leidet und im Prozess angab, sich nicht an die Tat erinnern zu können, war allerdings für den Richter kein Argument, ihn freizusprechen. Susumu Tomizawa muss trotz hohen Alters und seiner fortschreitenden Demenz für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. 

Der Fall schockierte das Land: Der Grossvater, der mit seiner Enkelin im selben Haus wohnte, war in der Nacht des 9. September 2020 mit dem Teenager in einen Streit geraten. Vor Gericht gab Tomizawa zu, viel Alkohol konsumiert zu haben. Betrunken holte er ein 17 Zentimeter langes Küchenmesser, betrat Tomomis Schlafzimmer und stach der 16-Jährigen wiederholt in den Hals. Kurz danach rief er seinen ältesten Sohn an und sagte, er habe Tomomis blutüberströmte Leiche gefunden.

Geistiger Zustand des Grossvaters im Mittelpunkt

Während der Gerichtsanhörungen, die live übertragen wurden, stand Tomizawas geistiger Zustand im Mittelpunkt. Gerichtsmediziner, Anwälte und Richter debattierten über die Frage, ob der Alzheimerkranke Mann seine Enkelin wissentlich getötet hatte oder nicht.

Die Staatsanwaltschaft erklärte, der ältere Mann sei in der Lage gewesen, seine Handlungen zu kontrollieren, und habe trotz seiner Krankheit «die Fähigkeit gehabt, über Recht und Unrecht zu urteilen». Der forensische Psychiater Hiroki Nakagawa gab der Anklage Recht: Er erklärte vor Gericht, dass Tomizawa ein Motiv für den Mord hatte. «Seine Handlungen waren zielgerichtet und stimmten mit seiner Tötungsabsicht überein», sagte er. 

Damit war auch für Richter Yoshinobu Kawamura der Fall klar: Tomizawa leide zwar an Alzheimer, so der Richter in seinem Urteil, jedoch «befand sich der Angeklagte nicht in einem Zustand, in dem er nicht in der Lage war, über Recht und Unrecht zu urteilen oder sich davon abzubringen, das Verbrechen zu begehen.» 

Wie soll in Fällen von demenzkranken Menschen geurteilt werden?

Der Fall von Susumu Tomizawa löste in Japan eine Debatte über den Umgang mit Alzheimer-Leidenden aus. «Die japanischen Gefängnisse sind voll von älteren Insassen, die an Demenz leiden», erklärt Koichi Hamai, Strafrechtsexperte an der Ryukoku-Universität in Kyoto, gegenüber dem US-Sender CNN. Tendenz steigend.

In Japan sind nach Behördenangaben mehr als 20 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner über 65 Jahre alt. 4,6 Millionen Menschen leben den Statistiken zufolge mit Alzheimer. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass diese Zahl mit der raschen Alterung des Landes noch erheblich steigen wird. Oft werden Probleme wie Aggression gegen Betreuungspersonen und häusliche Gewalt bei dieser Art von Patientinnen und Patienten gemeldet. 

Gewaltsame Verbrechen von Demenz-Kranken sind zwar selten, doch wenn sie geschehen, sind sie äusserst komplex zu beurteilen. «Wie viel von ihrem Verhalten können wir durch die Krankheit selbst erklären, im Gegensatz zu anderen Motiven wie etwa Wut oder Vergeltung?», fragt sich Psychologe Jason Frizzell. «Wie können wir jemanden, der in ein paar Jahren durch seine Krankheit völlig geschwächt sein könnte, vernünftig verurteilen? Steht das Mitgefühl für eine verurteilte demenzkranke Person im Widerspruch zum Gerechtigkeitsempfinden der Gesellschaft?» 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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