Staad SG: Jasmina (1) fahrlässig getötet – Eltern wehren sich gegen ihre Haftstrafen
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Staad SGJasmina (1) fahrlässig getötet – Eltern wehren sich gegen ihre Haftstrafen

Jasmina (1) wurde im August 2015 tot im Keller ihres Wohnhauses aufgefunden. Ihre Eltern wurden zu Haftstrafen verurteilt. Diese Haftstrafen akzeptieren sie nicht. Nun wird der Fall vor dem Kantonsgericht verhandelt.

von
Michel Eggimann
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Die Polizei entdeckte die Leiche von Jasmina (1) am 4. August 2015 im Keller eines Hauses in Staad SG.

Die Polizei entdeckte die Leiche von Jasmina (1) am 4. August 2015 im Keller eines Hauses in Staad SG.

Im Februar 2018 erhob die Staatsanwaltschaft St. Gallen Anklage gegen die Eltern Jessica T. und Hanspeter H. 
Vor dem Kreisgericht Rorschach wurden sie im Dezember 2018 zu Haftstrafen verurteilt.

Im Februar 2018 erhob die Staatsanwaltschaft St. Gallen Anklage gegen die Eltern Jessica T. und Hanspeter H.
Vor dem Kreisgericht Rorschach wurden sie im Dezember 2018 zu Haftstrafen verurteilt.

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In diesem Haus in Staad ereignete sich der Fall.

In diesem Haus in Staad ereignete sich der Fall.

20min/rar

Darum gehts

  • Jessica T. und Hanspeter H. wurden 2018 wegen fahrlässiger Tötung ihrer Tochter (1) verurteilt.

  • Sowohl die Verurteilten als auch die Staatsanwaltschaft zogen das Urteil des Kreisgerichts weiter.

  • Somit kommt es zum Berufungsprozess vor dem Kantonsgericht St. Gallen.

  • Ihre Tochter wurde 2015 tot im Keller des Wohnhauses aufgefunden.

Noch vor ihrem zweiten Geburtstag starb Jasmina. Sie wurde im August 2015 tot im Keller ihres Wohnhauses in Staad SG aufgefunden. Ihren Eltern wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, sie rund einen Monat zuvor an einem heissen Sommertag für über zwei Stunden alleine im Kinderzimmer im Dachgeschoss zurückgelassen zu haben. Dort sei das Kleinkind verstorben. Anschliessend soll die Mutter die Leiche von Jasmina nach einigen Tagen in einem Koffer verstaut und diesen im Keller versteckt haben.

Jessica T.* wurde vor dem Kreisgericht Rorschach im Dezember 2018 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Sie wurde wegen fahrlässiger Tötung, der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht, der Störung des Totenfriedens, der falschen Anschuldigung sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz für schuldig erklärt.

Hanspeter H.*, der Vater von Jasmina, wurde zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Das Kreisgericht Rorschach erklärte ihn wegen fahrlässiger Tötung, der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht sowie der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz für schuldig.

Beide Parteien legten Berufung ein

Ihre Urteile akzeptieren beide nicht. Deswegen kommt es nun zum Prozess vor dem Kantonsgericht St. Gallen. Geplant war die Verhandlung am Dienstag, 17. November. Sie musste aber wegen einem Corona-Fall verschoben werden. Nun findet die Verhandlung vor dem Kantonsgericht am Freitag statt. H. beantragt mit seiner Berufung vollumfängliche Freisprüche. T. verlangt grossmehrheitlich Freisprüche. Sie sei einzig wegen falscher Anschuldigung zu einer Geldstrafe zu verurteilen.

Auch die Staatsanwaltschaft zeigte sich mit den Urteilen des Kreisgerichts nicht zufrieden und legte Berufung ein. Sie wendet sich gegen die Verurteilungen wegen fahrlässiger Tötung und beantragt stattdessen Schuldsprüche wegen vorsätzlicher Tötung sowie höhere Freiheitsstrafen.

Fahrlässige Tötung, vorsätzliche Tötung

Im Schweizerischen Strafgesetzbuch heisst es zu den beiden Straftaten:

Art. 111 1. Tötung / Vorsätzliche Tötung
1. Tötung
Vorsätzliche Tötung
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen Voraussetzungen der nachfolgenden Artikel zutrifft, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.

Art. 117 1. Tötung / Fahrlässige Tötung
Fahrlässige Tötung
Wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

Jasmina abgeschottet

Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, konsumierten T. und H. während Jahren teils mehrmals täglich Kokain. Der Vater des verstorbenen Kindes habe von Oktober 2012 bis zu seiner Verhaftung Anfang August 2015 rund drei Kilogramm Kokain im Wert von 180’000 Franken erworben. Die Mutter habe nach der Geburt der Tochter weiter konsumiert, auch als sie stillte. Das Kind hätten die Eltern immer mehr von anderen Personen abgeschottet. Das bestätigte auch der Götti von Jasmina. Der Leichnam des Kindes wurde schlussendlich bei einer Hausdurchsuchung gefunden.

T. hatte neben Jasmina noch zwei andere Kinder. Diese waren jedoch nicht mehr in ihrer Obhut, sondern wurden bereits zu einem früheren Zeitpunkt fremdplatziert. Zudem seien sowohl die Mutter als auch der Vater schon vor dem Fall der Polizei bekannt gewesen. In einer Mitteilung nach dem Prozess vor dem Kreisgericht Rorschach schrieb das Gericht: «Wie ist es möglich, dass wortwörtlich mitten im Dorf ein Kind, unbeachtet von seiner Umgebung, über längere Zeit vernachlässigt wird, ohne dass seitens der Öffentlichkeit eingeschritten wird? Dies, obwohl der Kindsmutter die Obhut über zwei ältere Kinder bereits entzogen worden war?»

* Name der Redaktion bekannt

Trauerst du oder jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Tel. 147

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