Winterthurer Schulleiter: «Jassen gehört bei uns längst zum Stundenplan»
Aktualisiert

Winterthurer Schulleiter«Jassen gehört bei uns längst zum Stundenplan»

Stöck, Wyys, Stich - Jassen im Unterricht wird in der Werkschule Grundhof seit fast 30 Jahren praktiziert. Schulleiter Daniel Ehrismann über eine Erfolgsgeschichte.

von
Hannes von Wyl

Herr Ehrismann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Spiel in den Unterricht zu integrieren?

Daniel Ehrismann: Das Jassen an unserer Schule war die Idee des Gründers der Werkschule Grundhof, seit 1985 ist das Spiel Teil des Stundenplans. Damals wurde in einem Skilager jeden Abend gejasst. Die Resultate werden auch heute noch mit dem Skirennen kombiniert und die Schüler können einen Pokal gewinnen. Damit auch alle Schüler mitspielen können, wurde das Jassen in den Unterricht integriert. Heute beginnen unsere Schüler die Schulwoche mit einer Jass-Lektion. Einmal pro Jahr veranstalten wir an der Werkschule Grundhof ein Turnier, zu dem auch Eltern und Verwandte eingeladen sind.

Wie haben die Eltern auf die Einführung von Jassen als Schulfach reagiert?

Ein damaliger Schulpfleger war von der Idee begeistert, die Eltern reagieren heute durchwegs positiv.

Laut dem Thurgauer Kantonsrat Walter Knöpfli fördert das Spiel die Rechenfähigkeiten der Schüler. Können Ihre Schüler besser kopfrechnen, seit sie im Unterricht jassen?

Wir schauen, dass die Schüler abwechslungsweise die Punkte zusammenzählen, sodass jeder das gleiche Training erhält. Zusätzlich zum Jassen starten wir die erste Lektion jeden Morgen mit drei Minuten kopfrechnen. Von dieser regelmässigen Übung profitieren unsere Schüler klar.

Jassen soll auch die Sozialkompetenz fördern. Verhalten sich die Schüler durch das gemeinsame Spiel sozialer?

Gemeinsam um einen Tisch zu sitzen und zu jassen, fördert die Sozialkompetenz. Denn: Man lernt zu verlieren oder sich über einen Sieg angemessen zu freuen. Daneben ist Jassen vor allem auch ein Konzentrationstraining für unsere Jugendlichen. Sich merken, welche Karten schon gespielt wurden und welche nicht, das ist eine echte Herausforderung, auch für uns Erwachsene.

Wie wirkt sich das gemeinsame Spiel von Lehrern und Schülern auf den Unterricht aus?

Das gemeinsame Spielen fördert eine vertrauens- und respektvolle Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Nach meiner Beobachtung kommt dies in der Familie teilweise zu kurz. Mit unseren Jass-Lektionen möchten wir einen Anstoss geben, auf eine lustvolle Art gemeinsam etwas zu unternehmen.

Jassen galt lange als Beschäftigung älterer Menschen. In den letzten Jahren hat das traditionsreiche Spiel unter den Jungen aber einen Aufschwung erlebt. Gilt Jassen bei Ihren Schülern als «cool»?

Das kann ich nicht beurteilen. Die Schüler freuen sich aber auf die Jass-Lektionen und bringen gerne Verwandte an die Turniere mit.

Der Thurgauer SVP-Kantonsrat Walter Knöpfli will Jassen ebenfalls als Schulfach, in einer Freiburger Schule jassen die Schüler schon länger. Sollen «Trumpf, Stich und Stöck» in den Lehrplan 21 aufgenommen werden?

Etwas provokativ sage ich: Jawohl, Jassen muss ein Schulfach werden, schon nur, um das Spielen in der Schule generell zu fördern. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass die Lehrpersonen nicht warten sollen, bis hier in der Politik allfällige Weichen gestellt werden. In der Methodenwahl bin ich als Lehrer frei und kann auch ohne offiziellem Schulfach-Status das Jassen in den Unterricht integrieren, wenn ich das als sinnvoll erachte und vor allem wenn ich selber Freude daran habe.

Daniel Ehrismann ist seit zwei Jahren Schulleiter der Grundschule Grundhof in Stadel bei Winterthur. An der Schule für männliche Oberstufenschüler mit besonderen schulischen und sozialen Bedürfnissen stehen acht Plätze zur Verfügung.

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