Nostalgic Entertainment: Jassen und Lottospielen ist bei Jungen wieder in
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Nostalgic EntertainmentJassen und Lottospielen ist bei Jungen wieder in

Gesellschaftsspiele liegen bei jungen Leuten im Trend: Das Spielen mit Karten und Würfeln weckt Kindheitserinnerungen und gibt damit Halt in einer komplexen Welt.

von
Magdalena Oberli
Wie früher: Junge Leute versammeln sich treffen sich zum Lottospielen.

Wie früher: Junge Leute versammeln sich treffen sich zum Lottospielen.

«Lotto!» – der Ausruf aus dem Säli des örtlichen Hornusservereins ist für die junge Generation genauso unsexy wie der «Samschtig-Jass» mit Monika Fasnacht – könnte man meinen. Doch bei In-Lokalen und Kulturveranstaltern ist ein regelrechtes Spielfieber ausgebrochen. Das jährliche Lottospiel ist bei vielen Betreibern Pflichtprogramm und Garant für ein ausverkauftes Haus.

«Beim letzten Lotto im Berner Bierhübeli hatten wir einen Ansturm wie noch nie», erzählt der Chefredaktor des Stadtmagazins «Bewegungsmelder» Kevin McLoughlin. Die rund 300 Tickets seien bereits zwei Wochen vor dem Event ausverkauft gewesen: «Damit haben wir einen neuen Besucherrekord erzielt.» Ebenfalls in Bern, im Kulturlokal Heitere Fahne, fand kürzlich zum ersten Mal ein Lotto statt: «Der Anlass stiess auf wahnsinnig viel Anklang», erzählt Felicia Kreiselmaier vom Trägerverein «Kollektiv Frei_Raum».

Andrang auch beim Retrogamen in der Zürcher Kulturschmiede Karussell. Die regelmässig stattfindenden Videogame-Abende fänden «sehr guten Anklang», sagt Karussell-Gründer Fabio Kunz. Sie seien auch schon regelrecht überrannt worden, sodass viele gar nicht zum Spielen gekommen seien. «Die Leute hatten jedoch nur schon am Zuschauen Spass.» Das gleiche Bild im Zürcher Club Hive, wenn «Spielrausch» auf dem Programm steht: Das Interesse am Event, der diesen Monat sein vierjähriges Jubiläum feiert, sei ungebrochen, sagt Mitinitiantin Michelle Bosshard: «Gerade am Brändi-Dog-Turnier kommen immer sehr viele Leute.»

Jassen am Stammtisch

Im Kulturlokal Heitere Fahne, einer ehemaligen Brauereiwirtschaft im Berner Wabernquartier, kamen einst ältere Menschen zum Kartenspiel zusammen. Heute ist es die junge Generation, die sich an den Stammtischen von damals zum Jassen oder Backgammon trifft. «Die Attraktion daran ist der soziale Austausch als Gegenpol zur Vereinsamung», sagt Felicia Kreiselmaier vom Trägerverein Kollektiv Frei_Raum. Das Nostalgische gebe Halt. Dieses Wochenende steht ein «Spieletag mit kulinarischen Genüssen» an. Initiiert wurde der Event von Jugendlichen, die von sich aus auf die Betreiberin zugingen. «Das Spielen macht Spass und bringt Leute zusammen», fasst Kreiselmaier zusammen.

Verstaubtes wiederbeleben und sich in echt begegnen

Wie kommt man auf die Idee, ein Lotto ins Programm zu nehmen? «Wir wollten etwas Altes, Verstaubtes für Junge zugänglich machen», erinnert sich Kevin Mc Loughlin. Für Mc Loughlin ist der Drang der Jungen nach klassischen Spielen nicht überraschend. Dass die ganze Internet- und Gamekultur in eine andere Richtung schwappe, spreche Bände. «Vielerorts hat diese Kultur zu einer gewissen Abschottung beigetragen und solche Spielabende boomen nun, weil es ein genau gegenläufiger Trend ist – man kommt wieder unter Menschen und begegnet sich, in Echt», sagt Mc Loughlin.

«Karussell»-Gründer Fabio Kunz erzählt, der Videogame-Abend sei aus einem Videokassettenabend heraus entstanden. Kunz beobachtet immer wieder, wie bei den jungen Besuchern Anfang zwanzig durchs Retrogamen Kindheitserinnerungen wiederbelebt würden.

Gefühl der Orientierung und Stabilität

Das Meinungsforschungsunternehmen TrendOne fasst unter dem Begriff Nostalgic Entertainment alle Unterhaltungsangebote zusammen, die Kindheitserinnerungen auslösen. «Das Spielen mit echten Karten und Würfeln etwa ermöglicht einen nostalgischen Blick zurück in die Kindheit und vermittelt angesichts einer komplexen Welt ein Gefühl der Orientierung und Stabilität», sagt ein Sprecher.

Die Lust nach klassischen Spielen fügt sich nahtlos in die Retrowelle ein, die Trendforscher schon seit längerem beobachten. «Die Leute haben ein Bedürfnis nach Beständigkeit. Sie wünschen sich einen Gegenpol zur heutigen Schnelllebigkeit», sagt Trendforscher Max Celko. Werte wie Sicherheit in einer Welt, die sich immer mehr beschleunigt, sind gemäss Celko gefragt. Celko ist überzeugt, dass der Retrotrend auch zukünftig von Bedeutung sein wird: «Das Bedürfnis nach Entschleunigung ist eine Begleiterscheinung der modernen Gesellschaft.»

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