20.04.2020 07:01

Lockdown-Opfer Kinder

«Je früher Schulen öffnen, desto weniger Gewalt»

Die Corona-Krise und die Schulschliessungen setzen Familien unter Druck. Dieser wird an den Kindern ausgelassen. Nationalrätin Yvonne Feri ist froh, dass die Schulen bald wieder öffnen.

von
qll
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Blaue Flecken an den Armen, unerledigte Hausaufgaben, kein Mittagessen, weil die Mutter betrunken ist, und kein Schlaf, weil die Eltern laut streiten – viele Kinder und Jugendliche leiden unter dem Lockdown, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.

Blaue Flecken an den Armen, unerledigte Hausaufgaben, kein Mittagessen, weil die Mutter betrunken ist, und kein Schlaf, weil die Eltern laut streiten – viele Kinder und Jugendliche leiden unter dem Lockdown, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.

Maurizio Gambarini
Sie beruft sich dabei auf Lehrer, die das Leiden der Kinder über Videoanrufe feststellen und sich damit an die Opferhilfestellen wenden, wo die Zahl der Anrufe seit dem Lockdown deutlich zugenommen hat.

Sie beruft sich dabei auf Lehrer, die das Leiden der Kinder über Videoanrufe feststellen und sich damit an die Opferhilfestellen wenden, wo die Zahl der Anrufe seit dem Lockdown deutlich zugenommen hat.

Keystone/Gaetan Bally
Besorgte Lehrpersonen meldeten sich auch vermehrt beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, wie Präsidentin Dagmar Rösler sagt.

Besorgte Lehrpersonen meldeten sich auch vermehrt beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, wie Präsidentin Dagmar Rösler sagt.

Keystone/Gaetan Bally

Blaue Flecken an den Armen, unerledigte Hausaufgaben, kein Mittagessen, weil die Mutter betrunken ist, und kein Schlaf, weil die Eltern laut streiten – viele Kinder und Jugendliche leiden unter dem Lockdown, wie die «SonntagsZeitung» schreibt. Sie beruft sich dabei auf Lehrer, die das Leiden der Kinder über Videoanrufe feststellen und sich damit an die Opferhilfestellen wenden, wo die Zahl der Anrufe seit dem Lockdown deutlich zugenommen hat. «Lehrpersonen sind in der Corona-Krise fast die Einzigen, die mitbekommen, wenn es Familien und vor allem Kindern nicht gut geht», sagt Marlies Haller, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern.

Besorgte Lehrpersonen meldeten sich auch vermehrt beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, wie Präsidentin Dagmar Rösler sagt. «Sie machen sich Sorgen, dass es ihren Schülern einerseits psychisch nicht gut geht und sie andererseits mit dem Lernstoff nicht mitkommen.» Dass Lehrer die angespannte Situation auf direktem Weg mitbekommen, ist nicht überraschend. «Lehrpersonen sind wichtige Anlaufstellen für Kinder», sagt Yvonne Feri, Präsidentin von Kinderschutz Schweiz und SP-Nationalrätin. «Im Moment fallen andere soziale Kontakte für die Kinder weg, weshalb die Wichtigkeit der Lehrpersonen noch gestiegen ist.»

Situation verschärft sich jeden Tag

Wie viele Kinder seit dem Lockdown unter psychischer und physischer Gewalt, Misshandlung oder Vernachlässigung leiden, ist unklar. Die Isolation macht den Familien jedoch zu schaffen. «Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung, und das alles auf engstem Raum, führen zu Spannungen», sagt Marlies Haller. Mit jedem weiteren Lockdown-Tag verschärfe sich die Situation der Kinder, die für viele kritisch sei.

Ähnlich sieht es der Kinderschutz Schweiz. Dieser hat den Bundesrat deshalb bereits Anfang April aufgefordert, die Kindergärten und Schulen sobald wie möglich zu öffnen. «Dass nun die unteren Klassen ab dem 11. Mai zurückdürfen, stimmt uns optimistisch – auch wenn wir uns eine Teileröffnung schon eher gewünscht hätten», sagt Feri. Für sie steht fest: «Jeden Tag, den die Kindergärten und Schulen früher öffnen, sind die Kinder mehr vor Gewalt geschützt.»

Wer ist gefährdet?

Besonders gefährdet unter dem Lockdown sind Kinder aus sozial belasteten Familien oder Familien aus dem unteren Einkommenssegment, wie Feri ausführt. «Unter sozial belastet können wir unter anderem folgende Situationen nennen: Alleinerziehende, Suchtprobematik, bereits bestehende oder neue Arbeitslosigkeit, schwierige Paarbeziehung, häusliche Gewalt oder mehrere Personen auf kleinem Raum.» Auch eine akute Überforderung der Eltern könne zu Eskalationen führen, so Rösler vom Lehrer-Dachverband: «Die Eltern können selber unter zeitlichem, wirtschaftlichen oder familiären Druck stehen. Kinder, die nun nicht mehr zu geregelten Zeiten in die Schule können, bekommen dies natürlich 1:1 mit.»

«Rat und Unterstützung holen»

Rösler empfiehlt Eltern, sich bei Problemen in der Familie an die Schulsozialarbeit zu wenden und sich helfen lassen. «Niemand sollte diese Notlage allein durchstehen müssen.» Auch sollten die Aufgaben oder der Fernunterricht keine Auslöser für Eskalationen sein: «Lehrpersonen sind sich der schwierigen Situation daheim bewusst. Sie werden beide Augen zudrücken, wenn etwas nicht so klappt, wie es sollte.»

Auch Feri hat Tipps für die Eltern und die Lehrer: «Hinhören. Hinschauen. Rat und Unterstützung holen. Handeln.» Weiter verweist sie auf die Kampagne «Gewaltfrei miteinander» des Kinderschutzes Schweiz.

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