Aktualisiert 14.09.2016 08:16

Trumps neue Strategie

Je kontrollierter, desto gefährlicher

Auf die Nachricht von Hillary Clintons Lungenentzündung reagierte Donald Trump effektvoll, nämlich zurückhaltend. Nach aktuellen Umfragen holt er auf.

von
sut
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Donald Trump zeigt sich neuerdings diszipliniert. Er sagt nicht mehr unkontrolliert Dinge, die ihm politisch schaden (12. September 2016). Schaden könnten ihm allerdings die Ermittlungen gegen seine Stiftung und abschätzige Aussagen von Parteikollegen.

Donald Trump zeigt sich neuerdings diszipliniert. Er sagt nicht mehr unkontrolliert Dinge, die ihm politisch schaden (12. September 2016). Schaden könnten ihm allerdings die Ermittlungen gegen seine Stiftung und abschätzige Aussagen von Parteikollegen.

AP/Evan Vucci
Am 11. September 2016 wankte Hillary Clinton beim Einsteigen in einen Minibus, und später wurde bei ihr eine Lungenentzündung diagnostiziert. Doch Trump sagte dazu nur: Gute Besserung! (11. September 2016)

Am 11. September 2016 wankte Hillary Clinton beim Einsteigen in einen Minibus, und später wurde bei ihr eine Lungenentzündung diagnostiziert. Doch Trump sagte dazu nur: Gute Besserung! (11. September 2016)

AP/Andrew Harnik
Nach dem Schwächeanfall zeigte sich Hillary kurz in der Öffentlichkeit. Aber Zweifel über ihre Gesundheit wurden genährt.

Nach dem Schwächeanfall zeigte sich Hillary kurz in der Öffentlichkeit. Aber Zweifel über ihre Gesundheit wurden genährt.

AP/Andrew Harnik

Das sprachliche Bild stimmt vielleicht nicht, dafür der Inhalt: Sehr viele Male schon ist Donald Trump über seine lockere Zunge gestolpert. Jetzt ist es anders: Zum ersten Mal im laufenden Kampf um die US-Präsidentschaft hält der New Yorker sein Mundwerk unter Kontrolle. Die Selbstdisziplin könnte ihm weiterhelfen.

Die Frage war, wie der Republikaner auf die Nachricht von Hillary Clintons Lungenentzündung reagieren würde. Diese für die Demokratin sehr ungünstige Nachricht war wie geschaffen für Spott. Und noch mehr lud dazu ein, dass Clinton am Sonntag beim Besteigen eines Minibusses beinahe gestürzt war. In den Vorwahlen hatte Trump ohne zu zögern Rivalen wie «little» Marco Rubio oder «low energy» Jeb Bush mit Hohn übergossen.

Clintons Wählerbeschimpfung

Doch dieses Mal blieb es bei der vielsagenden Phrase «irgendetwas geht da vor». Daneben sagte Trump am Montagmorgen über Clinton nur: «Ich hoffe, dass sie gesund wird und in den Wahlkampf zurückkehren kann und wir sie in der Debatte sehen werden.» Trump habe «bemerkenswerte Zurückhaltung» gezeigt, kommentierte der frühere Kommunikationsdirektor der republikanischen Partei, Doug Heye, auf der Website Wsj.com.

Hielt sich Trump beim Gesundheitsthema zurück, dann kritisierte er Clintons Spruch über den «Korb der Bedauernswerten» unter seinen Anhängern umso schärfer. An einem Geldsammelanlass in New York hatte Clinton am Freitag die Hälfte von Trumps Anhängerschaft als «basket of deplorables» bezeichnet, sinngemäss «Kübel für den Ausschuss» – ein grosser Fehler. Denn Kritik an den Wählern, egal aus welchem Lager, ist in jedem Wahlkampf tabu. Clintons Team sollte das eigentlich wissen. «Ich war zutiefst schockiert und bestürzt», sagte Trump dazu am Montag. Eine solche Verunglimpfung von Millionen Amerikanern disqualifiziere Clinton von irgendeinem öffentlichen Amt.

TV-Sport für «Wackelstaaten»

Trump nannte Clintons Aussage «den grössten politischen Fehler dieser wahlpolitischen Saison» und verarbeitete das Video davon gleich in Wahlwerbung. Der TV-Spot mit dem Titel «Deplorables» (Bedauernswerte) soll im nationalen Kabelfernsehen und in den vier womöglich wahlentscheidenden Gliedstaaten Pennsylvania, Ohio, Florida und North Carolina gezeigt werden.

Dass ihm die Kritik an Clintons Wählerbeschimpfung helfen werde, halten Beobachter nicht für ausgemacht. Sie sagen, Clinton habe damit die eigene Wählerbasis mobilisieren und bei Unentschlossenen die Furcht wecken wollen, im Fall einer Stimme für Trump in einen Topf mit Rassisten geworfen zu werden.

Kritik an Trump gibt es wegen seines neuen Hotels:

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Blick in die prunkvolle Lobby des Trump-International-Hotels in Washington D.C., dessen Soft Opening am 12. September begangen wurde. Am 24. Oktober wird das Hotel feierlich eingeweiht.

Blick in die prunkvolle Lobby des Trump-International-Hotels in Washington D.C., dessen Soft Opening am 12. September begangen wurde. Am 24. Oktober wird das Hotel feierlich eingeweiht.

epa/Shawn Thew
Das Hotel ist im Old Post Office untergebracht, dem drittgrössten Gebäude in der US-Hauptstadt. Der Komplex im Stil der Neoromantik wurde 1899 gebaut. Zuletzt wurde er als öffentliches Bürogebäude genutzt.

Das Hotel ist im Old Post Office untergebracht, dem drittgrössten Gebäude in der US-Hauptstadt. Der Komplex im Stil der Neoromantik wurde 1899 gebaut. Zuletzt wurde er als öffentliches Bürogebäude genutzt.

epa/Shawn Thew
Donald Trump hat einen Mietvertrag über 60 Jahre abgeschlossen und zahlt etwa drei Millionen US-Dollar Miete im Jahr. Das Hotel liegt nur fünf Blocks vom Weissen Haus entfernt, in das Trump gerne als US-Präsident einziehen würde.

Donald Trump hat einen Mietvertrag über 60 Jahre abgeschlossen und zahlt etwa drei Millionen US-Dollar Miete im Jahr. Das Hotel liegt nur fünf Blocks vom Weissen Haus entfernt, in das Trump gerne als US-Präsident einziehen würde.

AP/Pablo Martinez Monsivais

Trump holt auf

Unter dem Strich ist die kommunikative Disziplin hilfreich für den New Yorker Immobilienunternehmer und TV-Star. Früher sagte er oft Dinge, die ihm politisch schadeten. Typisch war, dass er sich zu einer negativen Nachricht über Hillary Clinton unkontrolliert äusserte. Er tat das so, dass sich das Scheinwerferlicht nicht mehr auf sie, sondern auf ihn richtete. Folge: Der politische Nutzen für ihn verpuffte.

Seit seine Wahlkampagne unter neuer Leitung steht, passiert das nicht mehr. Insbesondere die Wahlkampfmanagerin Kelly Anne Conway erweist sich als ausgesprochene Fachfrau für effiziente Kommunikation. Wie ein Interview am Montagmorgen zeigte, ist sie selbst auch eine der wirkungsvollsten Sprecherinnen für Trump:

Die neue Disziplin könnte Trump in den verbleibenden Wochen bis zum Wahltag helfen. Nach aktuellen Umfragen holt er gegenüber Clinton gefährlich auf. Sein Rückstand im Umfragedurchschnitt beträgt nur noch drei Prozentpunkte. Niemand weiss, wer am 8. November siegen wird.

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