Hat das BAG versagt? - Jede dritte Person unter 35 Jahren will sich nicht impfen lassen
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Hat das BAG versagt?Jede dritte Person unter 35 Jahren will sich nicht impfen lassen

Bei jungen Menschen ist die Impfbereitschaft laut einer Umfrage von 20 Minuten besonders tief. Das BAG habe sich in seiner Kampagne vor allem auf die älteren Menschen konzentriert, lautet die Kritik.

von
Leo Hurni
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Die Impfkampagne in der Schweiz ist in vollem Gange, viele Impfzentren sind voll ausgelastet.

Die Impfkampagne in der Schweiz ist in vollem Gange, viele Impfzentren sind voll ausgelastet.

20min/Simon Glauser
Doch nicht alle wollen sich impfen lassen. Besonders bei den 18- bis 34-Jährigen ist die Skepsis gegenüber der Impfung gross. Das zeigt eine Nachbefragung von 20 Minuten und Tamedia. 

Doch nicht alle wollen sich impfen lassen. Besonders bei den 18- bis 34-Jährigen ist die Skepsis gegenüber der Impfung gross. Das zeigt eine Nachbefragung von 20 Minuten und Tamedia.

20min/Marco Zangger
Gesundheitspsychologin Michèle Bowley überrascht das nicht. «Junge Leute sind seltener von schweren Covid-Verläufen betroffen. Für sie ist die Impfung nur ein Risiko.»

Gesundheitspsychologin Michèle Bowley überrascht das nicht. «Junge Leute sind seltener von schweren Covid-Verläufen betroffen. Für sie ist die Impfung nur ein Risiko.»

privat

Darum gehts

  • Im Vergleich zu den über 65-Jährigen ist die Impfbereitschaft bei der jungen Bevölkerung relativ tief.

  • Grund dürften fehlende Informationen über die Impfung sein, so eine Gesundheitspsychologin.

  • Ein Infektiologe glaubt, dass das Solidaritätsgefühl in der Gesellschaft immer mehr fehle.

Viele Impfzentren sind derzeit voll ausgelastet – etwa in Luzern, wo es im Juli keine freien Impftermine mehr gibt. Dennoch sträuben sich in der Schweiz einige Menschen vor der Impfung. Besonders verbreitet ist die Skepsis bei der jungen Bevölkerung, wie eine aktuelle Nachbefragung von 20 Minuten und Tamedia zeigt (siehe Box).

Auf die Frage, wie es um den persönlichen Impfentscheid stehe, antwortete bei den 18- bis 34-Jährigen rund jede dritte befragte Person (36 Prozent), sich nicht oder eher nicht impfen lassen zu wollen. Bei den über 65-Jährige dagegen ist es jede zehnte Person (zehn Prozent), die sich nicht oder eher nicht impfen lassen will.

«Der ganzen Welt schnell irgendeine Substanz spritzen»

Auch T. K.* (34), hat sich noch nicht für die Impfung angemeldet. Angst vor Schäden habe sie nicht, sagt die Zürcherin. «Aber den Gedanken, dass man jetzt der ganzen Welt so schnell irgendeine Substanz spritzt, finde ich schon speziell.» Auch werde der Impfstoff bestimmt noch den Mutationen angepasst und dadurch besser.

Sie habe das Gefühl, Corona werde sich mit der Zeit nicht mehr von einer normalen Grippe unterscheiden, so K. «Dann werden sich die meisten älteren Leute regelmässig impfen lassen und die anderen machen die Krankheit einfach durch.»

Mehr Aufklärung seitens BAG

Bekannt ist zudem, dass auch unter 20-Jährige zögerlich auf die Impfung reagieren (siehe Video unten). Fachpersonen ziehen das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zur Verantwortung. Das BAG habe sich bisher in seiner Impfwerbung vor allem auf die älteren Bevölkerungsgruppen konzentriert – eine verpasste Chance, sagt Gesundheitspsychologin Michèle Bowley. «Bei den jungen Leuten braucht es nun deutlich bessere Aufklärungsarbeit über die Impfung.» Das BAG solle sowohl die Vorteile als auch die Nachteile einer Impfung deutlich aufzeigen. «Etwa die gewonnen Freiheiten wären bei der Frage nach den Vorteilen ein zentraler Punkt.»

Bowley vermutet den Grund für die tiefe Impfbereitschaft bei den Jungen auch in der mangelnden Aufklärung. «Über Chats auf Whatsapp oder Telegram werden oft falsche Informationen über die Impfung verbreitet. Das verunsichert vor allem jüngere Leute, die seltener von schweren Covid-Verläufen betroffen sind. Sie nehmen die Impfung vor allem als ein Risiko wahr, die ihnen in erster Linie im Sinne der Solidarität mit den Älteren abverlangt wird.»

Am Donnerstag vermeldete das BAG 194 neue Corona-Infektionen – so wenige wie zuletzt im September. Dennoch ist die Gefahr eines Rückschlags in der Krise nicht gebannt. Währenddessen breitet sich die Delta-Variante in Grossbritannien weiter aus. Der deutsche Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach erwartet, dass die Delta-Variante auch in Deutschland bis im Herbst dominant sein wird. Mittlerweile weist das BAG die Mutation in der Schweiz über 90 Mal nach – Ende Mai waren es noch knapp über 40 Nachweise. In der Schweiz ist die die aktuelle Gefahrenlage zurzeit nicht so akut, wie Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim BAG, am Dienstag sagte. Virologin Isabella Eckerle hält es jedoch für möglich, dass sich die Delta-Variante in der Schweiz durchsetzen wird.

«Sonst haben wir eine Epidemie bis 2025»

Auch Infektiologe Andreas Widmer nimmt das BAG in die Pflicht. «Jetzt muss das BAG alles unternehmen, um möglichst viele junge Menschen zum Beispiel auf den sozialen Medien von der Impfung zu überzeugen.» Es brauche neben der Werbung auch klare Anreize. Er habe den Eindruck, dass der jüngeren Bevölkerungsgruppe der Sinn für die Gemeinschaft fehle. «Die Impfung als Zeichen der Solidarität interessiert viele junge Menschen nicht.» Auch gingen junge Leute davon aus, bei einer Covid-Infektion weniger krank zu werden und hielten die Impfung deshalb für unnötig.

Es stellt sich laut Widmer die Frage, welche Massnahmen es neben der Impfung gegen die Pandemie sonst noch gibt. «Darauf haben die Impfunwilligen auch keine Antwort. Ohne Massnahmen, wie etwa die Impfung oder einen Lockdown, kann die Epidemie noch bis 2025 dauern.»

Impfbereitschaft sei gestiegen

Das BAG ortet keine zu tiefe Impfquote. Gemäss verschiedener Studien sei die Impfbereitschaft in den letzten Monaten gestiegen, sagt Mediensprecherin Masha Foursova. «Es gibt also noch Menschen, die sich noch nicht entschieden haben, oder die ihre Meinung zugunsten der Impfung ändern könnten.» Wie gross die Impfbereitschaft in der Schweiz schlussendlich sein werde, sei noch nicht bekannt. «Gemäss unseren Angaben ist heute die Tendenz weiter steigend.»

Die Impfstrategie hält laut Foursova für die besonders gefährdeten Personen eine Impfquote von 75 Prozent fest. Für die gesamte Bevölkerung sei aber keine Impfquote vorgesehen. «Schlussendlich ist jede Impfung wertvoll, sie trägt dazu bei, das Virus in der Gesellschaft einzudämmen und eine nachhaltige Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen», so Foursova.

*Name der Redaktion bekannt

Die Umfrage

Die Resultate der Impfbereitschaft stammen aus den 20 Minuten-/Tamedia-Abstimmungsumfragen, die in Zusammenarbeit mit der LeeWas GmbH durchgeführt werden. Die Resultate basieren auf 16’249 nach demografischen, geografischen und politischen Variablen gewichteten Antworten von Teilnehmenden (11’637 aus der Deutschschweiz, 4’266 aus der Romandie und 346 aus dem Tessin) und wurden vom 11. bis 13. Juni 2021 erhoben.

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