Elektronische Attacke: Jede fünfte Firma wurde Opfer von Cybercrime
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Elektronische AttackeJede fünfte Firma wurde Opfer von Cybercrime

Während die Wirtschaftskriminalität in der Schweiz insgesamt nur leicht steigt, nehmen die Delikte mit Computern stark zu. Sie sind häufiger als Geldwäscherei oder Spionage.

von
Sandro Spaeth
Die Schweizer Unternehmen sehen sich unzureichend auf Cybercrime vorbereitet.

Die Schweizer Unternehmen sehen sich unzureichend auf Cybercrime vorbereitet.

Ein Geschäftsführer zweigt Geld in seine eigene Tasche ab, ein IT-Spezialist hackt die Datenbanken der Konkurrenz oder ein Börsenhändler verschleiert Verluste, indem er fiktive Geschäfte vortäuscht. Dies sind Fälle von Wirtschaftskriminalität, wie sie bei Schweizer Firmen vorkommen. In den letzten 12 Monaten stellten 18 Prozent der Schweizer Unternehmen mindestens einen Fall von Wirtschaftskriminalität fest. Das ist ein Anstieg um lediglich ein Prozent.

Unter den Wirtschaftsdelikten stark zugenommen hat indes Cybercrime. Die Straftaten, die mittels Internet und Computer verübt werden, beispielsweise Diebstahl von Daten, worauf der Mitarbeiter eigentlich keinen Zugang hat, oder Einhacken in fremde Netze, sind laut dem «Global Economic Crime Survey 2011» die zweithäufigsten Wirtschaftsdelikte in der Schweiz. 20 Prozent der befragten Firmen waren nach eigenen Angaben Opfer von Cybercrime, je 12 Prozent sahen sich mit Spionage oder Geldwäscherei konfrontiert. Für die Erhebung hat die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) 140 Schweizer Unternehmen befragt. In der letzten Studie aus dem Jahr 2009 war Cybercrime noch nicht einmal als eigenständige Kategorie geführt worden.

Angst vor Rufschädigung und Datendiebstahl

54 Prozent der befragten Schweizer Firmen nehmen Cybercrime primär als Gefahr von aussen wahr. Die am meisten gefürchteten Auswirkungen von Cybercrime sind Rufschädigung (39 Prozent) und Datendiebstahl bzw. -verlust (38 Prozent). Ein Grossteil der Schweizer Unternehmen sieht sich zudem unzureichend auf Cybercrime vorbereitet. Der Umgang ist eher reaktiv als initiativ, besagt die Studie. 52 Prozent der Befragten geben an, erst dann Hilfe bei einem externen Spezialisten zu holen, wenn sich bereits ein Vorfall von Cybercrime ereignet hat. «Dass keine Notfallpläne und eine Kommunikationsstrategie bestehen, ist bedenklich», sagt Gianfranco Mautone, Leiter Frorensic Services bei PwC-Schweiz.

Wie schon 2009 ist die Finanzbranche am stärksten von Wirtschaftskriminalität betroffen – 44 Prozent der entdeckten Fälle in der Schweiz entfallen auf diesen Sektor. 52 Prozent der erfassten Delikte gehen auf das Konto von externen Tätern, bei 40 Prozent der Fälle handelt es sich um Delinquenten aus den eigenen Reihen. Bei den internen Tätern sticht gegenüber den Resultaten von 2009 vor allem eine Verschiebung ins Auge: Der Anteil Delinquenten aus dem Senior Management ist bei 20 Prozent stabil geblieben. Im mittleren Management ist der Anteil sogar von 50 auf 10 Prozent gesunken. Viel krimineller geworden sind hingegen die «normalen» Angestellten. Hier ist der Anteil von 30 auf 70 Prozent geklettert.

Erstaunlich ist, dass die Schweizer Firmen ihre kriminell gewordenen Mitarbeiter nicht mit harter Hand anfassen. Einem Angestellten, der beispielsweise Geld aus der Firmenkasse veruntreute, wird nur in 60 Prozent der Fälle gekündigt. Eine Anzeige erfolgt nur bei jedem zweiten Delikt und die Aufsichtsbehörden werden nur in 40 Prozent der Fälle informiert. Für Mautone ist klar: «Es wird viel zu wenig getan, wenn eine Straftat auffliegt. Das setzt ein falsches Zeichen». Der Grund: Die Firmen fürchten sich vor Reputationsschäden und versuchen die Vorfälle unter Verschluss zu halten. Dabei ist für den PwC-Betrugsexperten klar, dass die Angst vor Reputationsverlust unbegründet ist und sich die Vorfälle über längere Zeit sowieso herumsprechen.

Schaden: zwei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung

In der Schweiz ist ein Unternehmen im Durchschnitt alle vier Jahre einmal mit Wirtschaftskriminalität konfrontiert. Auch wenn es nicht überall um eine Straftat in der Grössenordnung des Falles Adoboli geht, welcher der UBS schliesslich einen Handelsverlust in der Höhe von 1,8 Milliarden Franken bescherte, ist die Schadenssumme beträchtlich: Der jährliche Schaden durch Wirtschaftsdelikte beläuft sich auf zwei bis vier Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung, berichtete «Finanz und Wirtschaft» Ende Oktober mit Verweis auf Zahlen der Beratungsfirma KPMG.

Dass die Delikte nur selten Eingang in die Medien finden, hat laut Philippe Fleury von KPMG damit zu tun, dass die Unternehmen die Fälle aus Angst vor Imageschäden meist intern regeln. Folglich widerspiegeln die 52 Fälle von Wirtschaftskriminalität, mit denen die Schweizer Justiz sich im letzten Jahr beschäftigte, das reale Ausmass der Wirtschaftskriminalität in keiner Art und Weise.

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