Zürcher Altstadt: Jede fünfte Wohnung dient als Feriendomizil
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Zürcher AltstadtJede fünfte Wohnung dient als Feriendomizil

Der Anteil an Zweitwohnungen in der Altstadt links der Limmat ist ähnlich hoch wie in einem Ferienort. Dies hat Auswirkungen auf das Quartier.

von
wed
Das Quartier rund um den Lindenhof hat einen Zweitwohnungs-Anteil von fast 20 Prozent. Höchstwert in der Stadt Zürich.

Das Quartier rund um den Lindenhof hat einen Zweitwohnungs-Anteil von fast 20 Prozent. Höchstwert in der Stadt Zürich.

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18,9 Prozent – fast jede fünfte Wohnung in der Altstadt rund um den Lindenhof – dient als Feriendomizil, steht leer oder wird an Kurzaufenthalter vermietet. Dieser Anteil entspricht einem Ferienort in den Bergen wie Vals GR oder Andermatt UR. Das ist Rekord in der Stadt, wie neue Auswertungen von Statistik Zürich zeigen.

Der hohe Anteil an leerstehenden Wohnungen hat Auswirkungen auf das Leben im Quartier. «Für ein belebtes Viertel wäre es schön, wenn in diesen Wohnungen Menschen leben würden», sagte Quartiervereinspräsident Felix Bär dem «Tages-Anzeiger». Er führt am Rennweg in der fünften Generation eine Metzgerei. Dass es der Altstadt an Bewohnern fehlt, stelle er in seinem Geschäft fest. «Viele meiner Kunden kommen von auswärts.»

Wohnungen werden nur für Opernbesuche benutzt

Auch rechts der Limmat, im Niederdorf, gibt es viele Zweitwohnungen. 240 zählt die Statistik, was 10,6 Prozent des Gesamtbestands ausmacht. Tote Strassenzüge, wie man sie in gewissen Bergdörfern vorfinde, gebe es zum Glück nicht, sagt Quartiervereinspräsident Peter Rothenhäusler. «Aber jeder, der hier lebt, kennt ein Haus mit leeren Wohnungen.» Man habe auch schon die betreffenden Eigentümer kontaktiert.

«Die meisten betrachten ihre Wohnung als Anlage», sagt Rothenhäusler, «sie brauchen sie nur selten, etwa wenn sie für einen Opernbesuch in die Stadt kommen.» Entsprechend habe man niemanden zu einer Vermietung überreden können.

7200 Zweitwohnungen in der ganzen Stadt

In der ganzen Stadt Zürich gibt es rund 7200 Zweitwohnungen. Das entspricht 3,3 Prozent aller 219'000 Wohnungen. Ebenfalls überdurchschnittlich hoch liegt der Zweitwohnungsanteil am See, am Zürichberg, im Kreis 4 und in Zürich-West. Gegen den Stadtrand hin nimmt er jeweils deutlich ab.

Die Linke stört sich schon länger an Zürcher Wohnungen, in denen keine Zürcher wohnen. «Sie schaden der Stadt», sagt Christine Seidler, SP-Gemeinderätin und Raumplanerin. Erstens entgingen Zürich so Steuereinnahmen. «Zweitwohnungsbesitzer profitieren von unserer Infrastruktur, zahlen aber nichts daran», sagt Seidler, «dabei könnte Zürich das Geld gut gebrauchen.» Zweitens blockierten Zweitwohnungsbesitzer Wohnraum, den Zürcher selber dringend brauchen würden. Durch die Verknappung des Angebots trügen sie auch dazu bei, dass die Mieten steigen. Drittens könnten Zweitwohnungen zur Verödung führen.

Zusatzsteuer für Zweitwohnungen?

Auch in anderen europäischen Städten kennt man dieses Problem. In zentralen Pariser Quartieren sind beispielsweise bis zu 17 Prozent aller Wohnungen auf Airbnb ausgeschrieben. Berlin zählte im April dieses Jahres 24'000 Ferienwohnungen, fast alle sammelten sich in wenigen Quartieren.

Als Reaktion haben beide Städte die touristische Weitervermietung von Wohnungen stark eingeschränkt. Auch Zürich soll handeln, wenn es nach den linken Parteien geht. Christine Seidler etwa sieht die Möglichkeit, dass Zürich eine Meldepflicht für Zweitwohnungen einführen, eine Steuer für diese erheben oder Untervermietungen für Tourismuszwecke untersagen könnte. Ähnliche Modelle gibt es bereits in gewissen Bergdörfern.

Bürgerliche Politiker sehen aber keinen Grund zum Handeln: «Auch wir haben ein Interesse, dass die Leute in Zürich wohnen», sagt FDP-Gemeinderat Michael Baumer. Doch der gesamtstädtische Anteil von 3,3 Prozent sei nicht dramatisch und rechtfertige keinen neuen Kontrollapparat.

Übernommen und bearbeitet von «tagesanzeiger.ch».

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