SRG-Boss Marchand: «Jede Sendeminute, die wir verlieren, tut weh»
Aktualisiert

SRG-Boss Marchand«Jede Sendeminute, die wir verlieren, tut weh»

Eineinhalb Jahre nach No Billag zieht SRG-Direktor Gilles Marchand Bilanz. Im Interview spricht er über schmerzhafte Sparrunden und seine Lieblingsserie.

von
P. Michel / D.Waldmeier

Im Interview sagt Gilles Marchand, ob seine beiden Kinder noch SRG-Angebote nutzen. (Video: pam/daw)

Herr Marchand*, Sie besitzen ein Pferd, es heisst Morpheus. Sie reiten es zurzeit aber nicht. Auch, weil sie Angst haben, zu verunfallen, wie Sie in der SRF-Sendung «Focus» sagten. Sind Sie als SRG-Chef unersetzlich?

(lacht) Tatsächlich, ich habe ein Pferd in Genf. Ein Pferd sollte man regelmässig reiten, dafür fehlt mir leider im Moment die Zeit, da der Job mich fordert. Das hat daher nichts mit der Angst zu tun, einen Unfall zu bauen.

Ein Versprechen nach der No-Billag-Abstimmung vor eineinhalb Jahren war, auch die Jungen ins Boot zu holen. Ab Herbst 2020 lanciert die SRG ein Streaming-Angebot. Geplant sind 7 bis 8 Serien pro Jahr …

… ich möchte hier präzisieren: Es ist mehr eine À-la-carte-Plattform als ein Streamingdienst. Unsere Idee ist, dass wir dieses Online-Angebot nicht nach Sprachen, sondern nach Themen – Serien, Dokfilme – oder nach Ressorts wie Gesundheit oder Events ordnen. Daneben wollen wir diese Inhalte in den Landessprachen untertiteln. So kann der Deutschschweizer auch Inhalte aus der Romandie konsumieren – und umgekehrt. Das ist für die SRG ein Meilenstein.

Aber will der Westschweizer wirklich auch Serien aus der Deutschschweiz sehen?

Ich glaube schon. Das sieht man ja bei Netflix und allen anderen internationalen Plattformen: Dort sind Serien in der Originalsprache mit Untertiteln sehr beliebt.

Kann die SRG mit Netflix, Amazon Prime, Disney+ überhaupt mithalten?

Wir können als SRG diese Streaming-Giganten nicht bezwingen. Wir müssen einen Mehrwert mit eigenen schweizerischen Produktionen bieten. Das kann Netflix nicht. Und es läuft ehrlich gesagt gut: Trotz radikalem Wandel im Nutzerverhalten ist die SRG immer noch da. Weil fast nur wir die «audiovisuelle Swissness» bieten können, eben auch in Serien, News, Kultur und Sport.

Die Serien sind sehr teuer und stehen darum in der Kritik. Warum setzen sie nicht vermehrt auf News? Fehlt Ihnen eine Strategie?

Die Serien sind aus zwei Gründen nützlich für uns: um unser Land anders zu erklären und das Publikum an uns zu binden. Und wir kooperieren mit den unabhängigen Filmproduzenten in der Schweiz. Wenn wir mehr produzieren, erreichen wir auch ein besseres Niveau. Länder wie Belgien oder Kanada haben es vorgemacht. Wir wollen auch im Tessin eine Serie produzieren und haben dazu aufgerufen, Projekte einzureichen.

Was plant die SRG konkret für junge Menschen?

Ich nenne Ihnen drei Beispiele. Seit einigen Jahren haben wir die erfolgreiche Plattform «Nouvo», um die Jungen mit einer anderen Form, Nachrichten zu vermitteln, abzuholen. In der Deutschschweiz starten wir bald mit einer neuen Audiothek, in der Westschweiz gibt es bereits einen Podcast-Kanal. Ein sehr spannendes Projekt ist «Wetube», das wir im Tessin lanciert haben. Wir laden junge Youtuber in unser Studio ein, damit sie dort ihre Videos produzieren können.

Sie reisen sehr viel. Was schauen Sie privat, um sich zu entspannen?

Ich nutze Radio und Fernsehen fast nie live. Ich verfolge natürlich die Nachrichten. Ich bin ein Fan unserer Serien. Sehr gern geschaut habe ich «Helvetica» auf dem RTS-Player. Da geht es darum, was die Schweiz zusammenhält. Aber ich schaue auch gern Sport: Tennis zum Beispiel. Der Final Federer – Nadal in Wimbledon war grandios.

Lassen Sie bei Federer – Nadal die Arbeit auch mal ruhen? Bei Ihnen läuft ja immer SRG-Programm im Büro.

Aufgrund eines Ferientages konnte ich glücklicherweise das Spiel zu Hause ohne Unterbrechung schauen. Wenn es spannend ist, kann man ein Spiel nicht nebenbei verfolgen.

Sie können immer sagen: «Es ist mein Job.»

Ja, meine Kinder haben einmal gesagt: «Wie kannst du immer nur dieses Programm schauen?» Sie waren ein wenig eifersüchtig, aber sie verstehen auch, dass es nicht immer nur Spass macht, die Programme zu verfolgen.

Nach No Billag kündigten Sie ein Sparprogramm über 100 Millionen Franken an. Im September nun erneut eines über 50 Millionen Franken, aufgrund der sinkenden Werbeeinnahmen. Wann folgt die nächste Sparrunde?

Die No-Billag-Abstimmung war ein «Ja, aber» zur SRG. Wir mussten uns bewegen, weil die Einnahmen aus den Gebühren und der Werbung gesunken waren. Deshalb sparten wir 100 Millionen, investierten aber auch 20 Millionen in digitale Angebote. Wir müssen jetzt für 2020 aber nochmals 50 Millionen Franken kürzen, weil die Werbeeinnahmen stark einbrechen. Wir werden also total netto 130 Millionen Franken sparen. Der finanzielle Druck für die SRG ist gross. Und es bleiben Risiken.

Das heisst?

Die Werbeeinnahmen werden ab 2021 nicht plötzlich stabil bleiben. Wahrscheinlich werden sie weitersinken. Ich schätze, dass es zwischen 2021 und 2023 noch weitere 50 Millionen Franken sind, die die SRG möglicherweise einsparen muss. Die SRG ist nicht mehr, wie sie einmal war, und sie wird sich noch weiter verändern. Sie befindet sich in einem nie da gewesenen Reformprozess.

Von der letzten Sparrunde betroffen sind die Sendungen «Schawinski», eine Folge «Tatort» oder «Arena/Reporter». Schmerzen Sie diese Verluste?

Ja, das schmerzt immer. Jede Minute, die wir streichen müssen, tut weh. Das Problem dabei ist: Egal, was wir streichen, wir stossen immer einen Teil des Publikums vor den Kopf, wenn wir etwas nicht mehr leisten.

Zur Zeit der No-Billag-Abstimmungen betrieb die SRG 17 Radio- und 7 TV-Sender. Wie viele sind es heute noch?

Immer noch gleich viele. Aber das ist nicht der Punkt. Die Frage ist: Welche Inhalte können wir produzieren und wie können wir die Inhalte dann zum Publikum bringen – ob als lineares Radio, TV oder online à la carte, ist weniger wichtig.

Wie lange wird etwa Radio Virus noch geben? Und wollten Sie nicht Radio Swiss Pop verkaufen?

Wie gesagt: Radio Virus oder Couleur 3 sind heute schon eine Mischung zwischen Internet und Broadcast. Die Frage ist nicht der Kanal, sondern ob sie die Hörer und Hörerinnen erreichen. Zum Swiss Satellite Radio, zu dem Radio Swiss Pop gehört: Wir sind hier offen für alternative Lösungen. Aber am Schluss muss die Lösung auch für das Publikum stimmen.

Die SRG spart auch bei den Sportrechten. Das erlebt der Zuschauer schon heute bei der Champions League. Werden wir beispielsweise die Fussball-EM wie gewohnt auf SRG schauen können oder gibts die Nati-Spiele bald auch noch gegen Gebühr?

Wir haben immer noch eine gute Position bei den Rechten. Wir haben aber mit UPC und Swisscom Konkurrenz erhalten. Die Preise sind stark gestiegen, etwa bei der Champions League. Die grössten Anlässe wie die Olympischen Spiele oder die Fussball-EM können wir vorerst weiter abdecken, es wird aber künftig schwieriger werden.

Neu ist auch, dass die SRG ihre Online-Regionalportale zusammenlegt. Diese hätten zu wenige Klicks generiert. Eine versteckte Sparmassnahme, sagen Kritiker. Hat die SRG als Service-public-Institution nicht den Auftrag, auch online Vielfalt zu bieten?

Es ist erstaunlich: Einerseits wirft man der SRG vor, überdimensioniert zu sein, andererseits wird hier kritisiert, wenn wir versuchen, dass unser Angebot das Publikum erreicht. Was machen wir? Wir reduzieren nicht unsere journalistische Abdeckung. Wir organisieren es besser. Es macht keinen Sinn, Plattformen zu haben, die nicht genutzt werden. Wichtig ist, dass wir unser Publikum erreichen.

SRF-Chefin Nathalie Wappler will, dass Journalisten ihre persönliche Meinung im Hintergrund halten. Wie sehen Sie das?

Ich habe hier eine klare Haltung: Ein Kommentar ist dann möglich, wenn er klar als solcher erkennbar ist. In der Morgensendung auf RTS erklärt etwa jeden Morgen ein Journalist seine Meinung – das Gefäss dafür ist aber klar gekennzeichnet. Es ist wie mit der Satire: Sie ist möglich, wenn keine Vermischung zwischen Satire und Information vorhanden ist.

Stichwort Satire: FDP-Präsidentin Petra Gössi hat kürzlich bei Ihnen persönlich interveniert, weil sie fand, Michael Elsener habe die FDP schlecht gemacht. Wie unabhängig sind Satiriker noch?

Das gehört dazu. Solche Fragen habe ich schon bei RTS erlebt. Sie sind legitim und wir antworten immer sachlich. Unter anderem gibt es mit Mediationen und dem Ombudsmann einen ganz normalen und offenen Prozess. Manchmal eröffnen diese Prozesse auch interessante Diskussionen mit den Redaktionen. Wenn ich die Schweiz mit dem benachbarten Ausland vergleiche, gibt es bei uns eine breit akzeptierte Trennung zwischen Medien und Politik.

*Gilles Marchand ist SRG-Generaldirektor.

Deine Meinung