16 Tage gegen Gewalt an Frauen – Aktivistinnen kreiden sexistische Sprüche an
Aktualisiert

Gewalt an Frauen «Geiler A*sch!» – Aktivistinnen kreiden sexuelle Belästigung an

Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» will sichtbar machen, was allzu oft verborgen bleibt: Sexualisierte Gewalt in der Schweiz. Dazu gehört auch das Catcalling - gegen das sich Instagrammerinnen aus Zürich mit Ankreide-Aktionen einsetzen.

von
Gabriela Graber
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«Ich war 16 und stand vor dem Hauptbahnhof vor dem Migros. Ein Mann kam auf mich zu. Er muss so 20 bis 25 Jahre alt gewesen sein. Der Mann begann mit mir zu reden – plötzlich fragte er mich: ‹Willst du mitkommen und mit mir Sex haben?› Als ich verneinte, entgegnete er: ‹Schade, ich würde dir gerne meine Faust hochschieben›. Ich stand völlig geschockt vor ihm und brachte kein Wort mehr raus. Als ich mich wieder fasste, ging ich weg, und hoffte, dass er mir nicht folgen würde. Er rief mir noch irgendetwas nach, das ich jedoch nicht verstand.»

«Ich war 16 und stand vor dem Hauptbahnhof vor dem Migros. Ein Mann kam auf mich zu. Er muss so 20 bis 25 Jahre alt gewesen sein. Der Mann begann mit mir zu reden – plötzlich fragte er mich: ‹Willst du mitkommen und mit mir Sex haben?› Als ich verneinte, entgegnete er: ‹Schade, ich würde dir gerne meine Faust hochschieben›. Ich stand völlig geschockt vor ihm und brachte kein Wort mehr raus. Als ich mich wieder fasste, ging ich weg, und hoffte, dass er mir nicht folgen würde. Er rief mir noch irgendetwas nach, das ich jedoch nicht verstand.»

Instagram @catcallsofzrh
«Es ist nachts, zwischen Zwinglihaus und dem Goldbrunnenplatz.Ich bin auf dem Weg nach Hause, ein Mann läuft an mir vorbei,schaut mich an und sagt: ‹Du bist viel zu schön, um vergewaltigt zu werden.› Das sitzt mir noch heute tief in den Kochen.» 

«Es ist nachts, zwischen Zwinglihaus und dem Goldbrunnenplatz.Ich bin auf dem Weg nach Hause, ein Mann läuft an mir vorbei,schaut mich an und sagt: ‹Du bist viel zu schön, um vergewaltigt zu werden.› Das sitzt mir noch heute tief in den Kochen.»

Instagram @catcallsofzrh
«Ich hätte so einige auf Lager, aber vor so zwei Wochen sagte einer einfach so: ‹Ich möchte dir auf die Brille spritzen›.»

«Ich hätte so einige auf Lager, aber vor so zwei Wochen sagte einer einfach so: ‹Ich möchte dir auf die Brille spritzen›.»

Instagram @catcallsofzrh

Darum gehts

  • Vom 25. November bis 10. Dezember findet die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» statt.

  • Ziel der Kampagne ist, dass vermehrt über sexualisierte Gewalt gesprochen wird und dadurch verhindert werden kann.

  • Auch die Instagrammerinnen «Catcalls of ZRH» machen mit Ankreide-Aktionen auf eine Art der sexualisierten Gewalt aufmerksam: das Catcalling.

  • Betroffene erzählen.

«Hast mega geile Brüste, darf ich mal?» «Seid ihr offen für einen Dreier?» «Geiler A*sch!»Jede zweite Frau in der Schweiz erlebt sexualisierte Gewalt (siehe Box), zu der auch das Catcalling gehört: sexuell anzügliches Rufen, Nachpfeifen oder Reden im öffentlichen Raum. Seit über zwei Jahren macht eine Gruppe Zürcherinnen auf Instagram mit dem Account «Catcalls of ZRH» auf diese Art von sexueller Gewalt aufmerksam: Catcalling-Opfer schicken ihnen Sprüche, die ihnen nachgerufen wurden und die Mitglieder der Gruppe schreiben sie am Ort des Vergehens auf den Boden (siehe Bildstrecke oben).

Im Rahmen der Aktionstage «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» finden mehrere «Ankreide-Aktionen» von verschiedenen Aktivistinnen-Gruppen statt. Die Kampagne, die vom 25. November bis 10. Dezember läuft, will auf sexualisierte Gewalt aufmerksam machen. Anna-Béatrice Schmaltz, Kampagnenleiterin und Programmverantwortliche 16 Tage, erzählt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Sprüche von «Catcalls of ZRH» lesen?

Es ist erschreckend zu lesen, was Frauen alles erdulden müssen. Die Problematik bei Catcalling ist, dass es in der Schweiz leider nicht strafbar ist. Folglich wird es nicht erfasst, wir haben also keine Zahlen dazu. Weiter kann es für Catcalling-Betroffene sehr schwierig sein, sich zu verteidigen. Wenn ihnen spätabends nachgerufen wird, trauen sie sich vielleicht nicht, sich zu wehren – aus Angst vor einem physischen Übergriff. Bei gröberen Belästigungen ist es am besten, die Polizei zu holen – erst recht, wenn man den Vorfall beobachtet. Die Polizei hat die Aufgabe sicherzustellen, dass Menschen keine Gewalt erleben.

Was ist das Ziel Ihrer Kampagne?

Das Ziel der Kampagne ist, dass verstärkt über sexualisierte Gewalt gesprochen wird. Nur, wenn wir über Gewalt sprechen, können wir sie auch verhindern. Weiter wollen wir, dass Betroffene wissen, dass sie nicht alleine sind und keine Mitschuld an sexualisierter Gewalt tragen. Mit der Kampagne fordern wir, dass Gewaltbetroffene, spezifisch auch, wenn sie von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind, adäquate Unterstützung erhalten. Weiter fordern wir ausreichende finanzielle Mittel für den Einsatz gegen sexualisierte Gewalt und wollen, dass das Sexualstrafrecht angepasst wird. Es braucht eine neue Definition von Vergewaltigung. Heute ist für Vergewaltigung nicht die fehlende Einwilligung der Person ausschlaggebend, sondern die zusätzlich angewandte Gewalt und wie stark sich das Opfer wehrte. Es ist höchste Zeit, dass das Konsensprinzip im Gesetz verankert wird. Denn nur Ja heisst Ja!

Welchen Einfluss hatte Corona auf die Gewalt an Frauen?

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie haben die Anfragen bei den Beratungsstellen zugenommen. Corona war ein Stressfaktor und hat zu mehr häuslicher Gewalt geführt. Stress darf aber keine Entschuldigung für Gewalt sein. Auch die Femizid-Zahlen sind dieses Jahr recht hoch.

Worin liegt der Ursprung von Gewalt gegen Frauen?

Die Ungleichheit der Geschlechter ist der Nährboden für Gewalt gegen Frauen. Wenn Frauen abgewertet werden – wie es in unserer Gesellschaft der Fall ist – entsteht Gewalt. Sie hat viel mit Macht zu tun.

Was kann getan werden?

Indem man über Gewalt redet, kann man sie verhindern, bevor sie entsteht. Darum braucht es unsere 16-Tage-Kampagne. Schlussendlich ist die Gleichstellung von Frau und Mann die beste Prävention. Gewaltbetroffene und Angehörige können sich an Fachstellen wenden. Diese helfen professionell.

Was können Aussenstehende tun, wenn sie Gewalt beobachten?

Dann ist ein schnelles Abwägen nötig: Ist die Situation sicher für mich oder bringe ich mich selber in Gefahr? Zivilcourage ist wichtig, aber im Zweifelsfall sollte man besser die Polizei rufen. Und – ganz wichtig – nach dem Vorfall die Betroffenen ernst nehmen, und ihnen keinesfalls die Mitschuld geben. Denn: Die Schuld von Gewalt liegt immer bei der Tatperson.

Gewalt an Frauen in der Schweiz

2020 wurden in der Schweiz 713 Vergewaltigungen und 683 Fälle sexueller Nötigung angezeigt. 7118 Frauen erlebten häusliche Gewalt.2019 haben 59 Prozent der über 16-jährigen Frauen in der Schweiz unerwünschte Berührungen/Umarmungen/Küsse erlebt. 22 Prozent erlebten ungewollte sexuelle Handlungen und 12 Prozent erlitten Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen. «Mindestens jede zweite Frau in der Schweiz hat somit bereits sexualisierte Gewalt erlebt». Von den Übergriffen werden nur 8 Prozent angezeigt», sagt Anna-Béatrice Schmaltz.

Quelle: Repräsentative Umfrage von gfs.bern im Auftrag von Amnesty International

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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