Neue Umfrage – Jede zweite Frau zwischen 26 und 45 Jahren erlebte häusliche Gewalt

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Neue UmfrageJede zweite Frau zwischen 26 und 45 Jahren erlebte häusliche Gewalt

Eine neue Umfrage zeigt, wie verbreitet häusliche Gewalt in der Schweiz ist. Damit wächst der Druck für gesetzliche Anpassungen.

von
Pascal Michel
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Ein Drittel der Befragten gibt an, Gewalt in der Partnerschaft erfahren zu haben.

Ein Drittel der Befragten gibt an, Gewalt in der Partnerschaft erfahren zu haben.

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Die Umfrage führte Sotomo im Auftrag des Dachverbands Frauenhäuser durch.

Die Umfrage führte Sotomo im Auftrag des Dachverbands Frauenhäuser durch.

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Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International stellt in den Ergebnissen einen gesellschaftlichen Wandel fest. 

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International stellt in den Ergebnissen einen gesellschaftlichen Wandel fest.

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Darum gehts

  • Laut einer Befragung im Auftrag der Frauenhäuser ist jeder Dritte und jede Dritte in der Schweiz schon einmal Opfer häuslicher Gewalt geworden.

  • «Wir brauchen eine Nulltoleranz bei häuslicher Gewalt», sagt Lena John von der Dachorganisation Frauenhäuser zu den Ergebnissen.

Frauen im Alter von 26 bis 45 Jahren erleben am häufigsten Gewalt in der Beziehung. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo im Auftrag der Dachorganisationen der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein. In dieser Altersgruppe gibt fast die Hälfte der Frauen an, mindestens einmal Gewalt in der Partnerschaft erlebt zu haben. Insgesamt gibt ein Drittel der Befragten an, Gewalterfahrungen in einer Beziehung gemacht zu haben.

Als häusliche Gewalt gilt dabei «jegliche körperliche, sexuelle, psychische und weitere Gewalttat, die sich zwischen Menschen innerhalb der Familie, des Haushalts oder der Partnerschaft abspielt».

Die Umfrage zeigt weiter, wie oft Aussenstehende mit häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Knapp vierzig Prozent der Befragten hatten schon die Vermutung, dass es bei einem Paar im näheren Umfeld zu Gewalt kommt, und knapp die Hälfte der Befragten haben schon von Betroffenen erfahren, dass diese Gewalt erleben.

Ohrfeigen gehen zu weit

Wann ein Streit in einer Beziehung in häusliche Gewalt eskaliert, darüber gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Als eher noch akzeptabel finden die Befragten, sich laut anzuschreien, die Türe zuzuknallen oder Eigenschaften der anderen Person zu kritisieren. Danach fallen die Zustimmungswerte ab.

Aus der Wohnung zu stürmen, den Partner oder die Partnerin mehrere Tage zu ignorieren oder einen Haushaltsgegenstand zu zerstören, stösst nur noch bei den wenigsten auf Zustimmung. Kaum toleriert werden Schläge, Ohrfeigen, die Androhung von Waffengewalt oder jemanden in ein Zimmer einzusperren.

Bei der Frage, wer die Täterinnen und Täter sind, sind sich 43 Prozent sicher, dass diese gewisse Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Die meisten Befragte finden, es handle sich um Personen, die zu viel Alkohol trinken. Danach folgt die Aussage, eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit spielten eine Rolle. Oder es handle sich um Menschen, die ihre Gewaltfantasien nicht im Griff hätten oder Menschen mit Besitzansprüchen.

Einige Mythen halten sich hartnäckig

«Wir brauchen eine Nulltoleranz bei häuslicher Gewalt», sagt Lena John von der Dachorganisationen der Frauenhäuser zu den Ergebnissen. Dazu brauche es eine gesamtschweizerische Strategie. Bereits gestartet hat Justizministerin Karin Keller-Sutter den sogenannten strategischen Dialog. Sie erwähnte etwa neue technologische Mittel wie Notfallknöpfe für potenzielle Opfer. Zudem prüfen die Kantone eine neue zentrale Notrufnummer.

Gemäss Lena John braucht es mehr Mittel für Prävention und Aufklärung. So zeigen die Ergebnisse der Studie, dass trotz sich wandelnder Rollenbilder weiterhin jeder vierte Mann der Aussage zustimmt, eine sexy angezogene Person sei mitverantwortlich dafür, wenn sie belästigt wird. Und 46 Prozent stimmen der Aussage zu, ob eine Vergewaltigung geschehen sei, sei manchmal schwierig zu beurteilen.

Ansetzen müsse man vor allem bei der Informations- und Sensibilisierungarbeit, sagt John. Immer noch hafte häuslicher Gewalt ein Tabu an. In der Umfrage stimmen 54 Prozent der Aussage, «was zu Hause passiert, ist Privatsache» zu oder eher zu. Die Forderung, Gewaltprävention müsse vermehrt ein Thema in Schule und Ausbildung sein, teilen nahezu alle Befragten.

«Es braucht auch Aufklärung bei den Behörden», sagt John. Ebenso grosse Zustimmung findet die Forderung, dass Mitarbeitende von Polizei, Justiz oder Sozialdiensten eine obligatorische Schulung zu häuslicher Gewalt und dem Umgang mit Opfern von häuslicher Gewalt besuchen müssen.

Man wolle die Politik zum Handeln anregen, sagt Lena John. Ob sie Gehör findet, wird sich auch im Sommer bei der Revision des Sexualstrafrechts im Parlament zeigen (siehe Box).

Mehrheit für «Ja ist Ja»

Aktuell gilt eine Vergewaltigung nur als solche, wenn eine Frau zum Sex genötigt wird, etwa durch Drohung oder Gewalt. Das Gesetz setzt damit implizit voraus, dass sich das Opfer gegen den Übergriff zur Wehr setzt – sonst kommt es häufig zu einem Freispruch. Zwar wollte die Rechtskommission des Ständerats mit ihrem Vorentwurf zum Sexualstrafrecht das «Nein-heisst-Nein»-Prinzip einführen. Damit muss das Opfer aber weiter verbal oder nonverbal kommunizieren, dass es die sexuelle Handlung nicht will.

Daneben schlug sie einen neuen Straftatbestand des sexuellen Übergriffs vor, der nicht-einvernehmliche vaginale, anale und orale Penetrationen neu unter Strafe stellen sollte. Dieser fiel jedoch in der Vernehmlassung durch. Stattdessen forderten diverse Parteien, Kantone und NGOs das «Ja-heisst-Ja»-Prinzip: Jede sexuelle Handlung ohne Zustimmung sei als Vergewaltigung zu werten. Laut der Umfrage von Sotomo stösst dies auch in der Bevölkerung auf grosse Zustimmung. 91 Prozent unterstützen die Aussage: «Sexuelle Handlungen dürfen nur dann vorgenommen werden, wenn alle Involvierten damit einverstanden sind und dies deutlich sagen.» Die Kommission lässt jetzt Varianten ausarbeiten.

Beat Gerber, Sprecher von Amnesty International Schweiz, stellt einen gesellschaftlichen Wandel fest. Dies zeige sich auch in der Umfrage, wo Vergewaltigungsmythen deutlich öfter noch von Personen über 65 Jahren genannt werden. Er hofft nun, dass die Politik reagiert und «das veraltete Strafrecht endlich anpasst». Signale dafür gibt es. Die Kommission des Ständerats hält fest, dass das Strafrecht auf «gesellschaftliche Entwicklungen von Zeit zu Zeit reagieren muss».

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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