Lohnentwicklung: Jedem Arbeitnehmer fehlen 312 Franken

Aktualisiert

LohnentwicklungJedem Arbeitnehmer fehlen 312 Franken

Trotz Wirtschaftswachstum sind die Reallöhne letztes Jahr um 0,4 Prozent gesunken. Für Gewerkschafter ist das eine «dramatische Entwicklung».

von
P. Michel
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Das sind die Verlierer1. Angestellte in der Branche Herstellung von Holzwaren, Papier und DruckerzeugnissenSie  hatten letztes Jahr 1,3 Prozent weniger Geld in der Tasche.

Das sind die Verlierer1. Angestellte in der Branche Herstellung von Holzwaren, Papier und DruckerzeugnissenSie hatten letztes Jahr 1,3 Prozent weniger Geld in der Tasche.

Keystone/Christian Beutler
2. Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten und elektronischen AusrüstungenDazu gehören etwa Uhrmacher. Sie konnten sich mit ihrem Lohn 1,2 Prozent weniger kaufen.

2. Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten und elektronischen AusrüstungenDazu gehören etwa Uhrmacher. Sie konnten sich mit ihrem Lohn 1,2 Prozent weniger kaufen.

Keystone/Salvatore di Nolfi
3. Bergbau, Energieversorgung, WasserversorgungFür diese Angestellten gab es 1,1 Prozent weniger Lohn.

3. Bergbau, Energieversorgung, WasserversorgungFür diese Angestellten gab es 1,1 Prozent weniger Lohn.

Keystone/Walter Bieri

«Mehr Lohn, mehr zum Leben»: Zum Tag der Arbeit gingen Tausende Menschen für bessere Entlöhnung auf die Strasse. Ihr Protest erhielt Auftrieb durch neue Zahlen des Bundesamts für Statistik: Zwar stiegen die Löhne im Jahr 2018 nominal um 0,5 Prozent. Doch die Teuerung von 0,9 Prozent frass den Anstieg wieder weg.

Faktisch standen Arbeitnehmern also 0,4 Prozent weniger zur Verfügung als im Vorjahr. Am stärksten trifft es etwa Pöstler oder Druckereiangestellte (siehe Bildstrecke).

Das heisst konkret: Bei einem Medianlohn von 6502 Franken büsste der durchschnittliche Angestellte letztes Jahr 312 Franken an Lohn ein. Es ist bereits das zweite Jahr in Folge, in dem das Wirtschaftswachstum nicht im Portemonnaie der Arbeitnehmer ankommt. Schon 2017 sanken die Reallöhne um 0,1 Prozent, die Wirtschaft wuchs aber um 1,6 Prozent.

Mit den 312 Franken hätten Angestellte zum Beispiel Folgendes kaufen können:

Ein Monat Krankenkassenprämie (315.20 Fr)

Die mittlere Krankenkassenprämie beläuft sich laut dem Bundesamt für Gesundheit auf 315.20 Franken.

Airpods & Spotify (334.40 Fr)

Apples Hype-Kopfhörer gibt es bei Digitec für 179 Franken. Für die passende Musik sorgt ein Spotify-Abo für 12.95 Franken pro Monat. Das Paket kostet zusammen 334.40 Franken.

Fast eine Serafe-Rechnung (365 Fr)

Die Abgabe für Radio und Fernsehen beträgt seit diesem Jahr 365 Franken.

Gleis 7 (390 Fr)

Mit einem Aufpreis liegt das neue Gleis-7-Abo der SBB Seven25 drin. Damit ist man von 19 bis 5 Uhr im ÖV unterwegs.

Netflix-Abo für ein Jahr (262.80 Fr)

Ein Netflix-Account, den vier Personen nutzen können, kostet 21.90 Franken pro Monat. Macht 262 Franken pro Jahr.

Skipass für eine Woche (338 Fr)

Im Skigebiet Gstaad könnte man für 338 Franken sechs Tage lang Skifahren.

Jahreskarte FCZ (300 Fr)

Nicht gerade die Luxusvariante, aber für 300 Franken gibt es die Stehplatz-Saisonkarte für den FC Zürich.

Gewerkschafter sehen den Grund für die Lohneinbussen im harten Kurs der Arbeitgeber bei den Lohnverhandlungen. «Wir spüren eine neue Härte», sagt Daniel Lampart, Chefökonom beim Gewerkschaftsbund. Während viele Firmen früher die Teuerung anstandslos ausgeglichen hätten, weigerten sie sich heute zunehmends.

Krankenkassenprämien noch nicht berücksichtigt

Tatsächlich fehle den Arbeitnehmern noch mehr Geld im Portemonnaie, sagt Lampart. Denn die Pensionskassenbeiträge seien vielerorts erhöht worden, und der starke Anstieg bei den Krankenkassenprämien sei in der Statistik nicht berücksichtigt. Die durchschnittliche Prämie stieg 2018 um 4 Prozent.

Für Lampart ist es «dramatisch», dass Arbeitgeber trotz guter Konjunktur höhere Löhne verweigerten. «Der Reallohnverlust fehlt jetzt beim Begleichen der Rechnungen.» Da es nun bereits seit zwei Jahren keine Reallohnerhöhungen gegeben habe, würden nun auch die Gewerkschaften härter verhandeln, so Lampart. Zu welchen Massnahmen sie greifen wollen, lässt er offen.

Die Migration spiele bei der Lohnentwicklung indes kaum eine Rolle, sagt Lampart. «Die Branchen mit den schlechtesten Abschlüssen beschäftigen relativ wenige Personen aus dem Ausland.»

Welche Rolle spielt die Zuwanderung?

Anderer Meinung ist Reiner Eichenberger, Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Fribourg. «Es ist eine ziemlich komische Vorstellung, dass die Wertschöpfung einfach mit der Bevölkerung mitwächst.» Denn dafür müssten die Schweizer Firmen immer mehr Produkte zu gleich guten Preisen in die internationalen Märkte pumpen können. Das sei in vielen Branchen unrealistisch.

Der Verdacht liege nahe, dass durch die immer noch «historisch hohe Zuwanderung» die Löhne gedrückt würden. «Natürlich gewähren Chefs weniger Lohnerhöhungen, wenn sie Ausländer zu tieferen Löhnen anstellen könnten.» Die Zuwanderung treibe zudem auch die Wohn-, Pendel- und Energiekosten in die Höhe, was wiederum die reale Kaufkraft senke.

Minusrunden kaum ein Problem

Dass nun bereits seit zwei Jahren die Reallöhne sinken, gibt Eichenberger nicht grundsätzlich zu denken. Längerfristig sollten die Löhne pro Jahr um real etwa 0,8 Prozent steigen – sofern der Arbeitsmarkt genug flexibel sei, damit Firmen rasch in aufstrebende Geschäftsfelder einsteigen können.

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