Aktualisiert 03.09.2019 04:50

Überstunden

Jeder 5. Angestellte arbeitet in der Freizeit

Für viele hört die Arbeit nach Feierabend nicht auf: Um das Pensum zu schaffen, arbeiten 19 Prozent der Angestellten mehrmals pro Woche zu Hause weiter.

von
P. Michel
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Die Arbeit hört für viele vor der Haustür nicht auf: 21 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen gaben in der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundes an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche in der Freizeit arbeiten, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen.

Die Arbeit hört für viele vor der Haustür nicht auf: 21 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen gaben in der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundes an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche in der Freizeit arbeiten, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen.

Svetikd
Dabei zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Branchen: Während Lehrer, ...

Dabei zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Branchen: Während Lehrer, ...

Keystone/Gaetan Bally
... Bauern ...

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Keystone/Gian Ehrenzeller

Die Lehrerin korrigiert am Wochenende noch eine Matheprüfung, die wissenschaftliche Mitarbeiterin brütet am Abend weiter über ihre Forschungsfrage, der Geschäftsleitungs-Assistent telefoniert am freien Tag mit dem Chef: Die Arbeit hört für viele vor der Haustür nicht auf. 21 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen gaben in der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundes an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche in der Freizeit arbeiten, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen.

Dabei zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Branchen: Während Lehrer, Bauern und Akademiker am meisten zusätzlich in der Freizeit arbeiten, sind Angestellte in der Industrie und der Verwaltung weniger betroffen.

Lehrer sind gefährdet, sich selbst auszubeuten

Dass Lehrer Hunderte Stunden in der Freizeit arbeiten, um den Unterricht pflichtbewusst vorzubereiten oder die aufwendige Elternarbeit zu meistern, stellte der Lehrerverband jüngst in einer Umfrage fest. Er forderte deshalb die Senkung der Pflichtlektionenzahl und mehr bezahlte Zeit für Elternarbeit. «Lehrer haben die Möglichkeit, ihre Zeit flexibler einzuteilen als andere Berufe – das fördert aber auch die Selbstausbeutung», sagt Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Die Zahlen sind für sie keine Überraschung: «Wer seinen Job gut machen will, kommt um Arbeit in der Freizeit fast nicht herum.»

Ähnlich tönt es bei den Akademikern. «Das akademische Personal vom Doktoranden bis zum Professor stempelt nicht – es wird erwartet, dass auch in der Freizeit gearbeitet wird», sagt Hans Rudolf Schelling, Präsident der Gewerkschaft VPOD Gruppe Uni Zürich. Einerseits sei die grosse Freiheit dieser Arbeitsweise ein Privileg, andererseits berge es die Gefahr von Burnouts.

Abgeltung ist möglich – Angestellte trauen sich nicht

Eher verschont von Freizeit-Einsätzen bleiben Verwaltungsangestellte und Industrie-Mitarbeiter. «In der Industrie ist die Arbeit oft an Ort an einer Maschine zu erledigen, da kann man kaum in der Freizeit schnell noch was machen», sagt Dieter Egli von der Gewerkschaft Syna. Die spontane Mehrarbeit in der Freizeit mit einer Pauschale – etwa analog einer Spesenpauschale – abzugelten, fände er problematisch. Wichtig sei, dass die Angestellten sich trauten, ihre Zusatzarbeit in der Freizeit auch beim Arbeitgeber anzumelden und entschädigen zu lassen – inklusive Wochenendzuschläge.

Dafür plädiert auch Hans Rudolf Schelling: «Viele haben Angst, ihre Überzeit in der Freizeit anzumelden.» Gerade im akademischen Bereich, wo die Abhängigkeit vom Vorgesetzten gross sei, wenn diese zugleich über die akademische Qualifikation bestimmten, sei das ein Problem.«Es ist aber trotzdem wichtig, die Stunden aufzuschreiben und mindestens Kompensation zu verlangen.» Denn sonst mache die Vermischung von Arbeit und Freizeit krank, und die Angestellten seien ständig mit dem Kopf bei der Arbeit. Auch Christine Michel von der Unia sagt: «Es braucht ein Recht auf Nichterreichbarsein.»

Nur wer Stunden aufschreibt, hat Beweise

Damit dies klappt, ist laut Caroline Hasler, Arbeitsrechtlerin beim Verband Angestellte Schweiz, eine genaue Dokumentation der Arbeit während der Freizeit nötig. «Es kommt in unserer digitalen Arbeitswelt öfters vor, dass Arbeitnehmende auch während ihrer Freizeit arbeiten. In der Regel sind dies dann Überstunden, die aus betrieblichen Gründen notwendig sind.» Betrieblich notwendig seien Überstunden beispielsweise dann, wenn ein Projekt auf einen bestimmten Termin abgeschlossen werden müsse.

«Diese Stunden müssen in jedem Fall erfasst und dem Arbeitgeber rechtzeitig angezeigt werden, damit der Anspruch auf Entschädigung oder Kompensation der Überstunden auch bewiesen und durchgesetzt werden kann.» Nicht nur müsse das Arbeitsgesetz eingehalten werden, sagt Hasler: «Über einen längeren Zeitraum zu leistende Überstundenarbeit ist nicht zumutbar für den Arbeitnehmenden und gefährdet dessen Gesundheit.»

Ständige Überstunden müssen gemeldet werden

Wichtig sei es deshalb, dem Chef frühzeitig zu melden, wenn der eigene Job nicht im vorgesehenen Pensum erledigt werden könne. «Meldet der Arbeitnehmende die Überstunden dem Arbeitgeber nicht, so könnte der Chef sagen, dass die Überstunden nicht notwendig gewesen seien und die Überstunden-Ansprüche aus der Freizeit ablehnen.»

Das sagen die Arbeitgeber

«Die Arbeitgeber verlangen keine Gratisarbeit in der Freizeit», sagt Daniella Lützelschwab, Arbeitsmarktexpertin beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Aber die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit seien nicht mehr so einfach zu ziehen wie früher, als fixe Arbeitszeiten noch die Regel darstellten. «Dies hat massgeblich mit den Arbeitnehmern zu tun, die vermehrt flexible Arbeitsmodelle einfordern.» Bei solchen Modellen sei darauf zu achten, dass das Pflichtenheft nicht überfrachtet sei. «Einsätze in der Freizeit können vorkommen. «Dabei nimmt jedoch die geltende Regelung im Arbeitsgesetz unter anderem mit Höchstgrenzen der Arbeitszeit und minimalen Ruhezeitvorschriften Rücksicht auf den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer.»

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