Aktualisiert 21.06.2019 08:33

Konsumentenschützer schlagen Alarm«Jeder dritte Betrugsfall entfällt auf Viagogo»

Sarah Brönimann bestellte für ein Konzert Tickets bei Viagogo. Die Karten bekam die Baslerin nie. Kein Einzelfall. Schon länger fordern Konsumentenschützer strengere Regeln für Ticket-Börsen.

von
jes
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Sarah Brönnimann wollte ihrem Vater zum Geburtstag Konzert-Karten für das Brings Konzert in Köln schenken.

Sarah Brönnimann wollte ihrem Vater zum Geburtstag Konzert-Karten für das Brings Konzert in Köln schenken.

Auf diesem Bild ist Brönnimann (l.) mit dem Frontmann der kölschen Munardband Brings zu sehen.

Auf diesem Bild ist Brönnimann (l.) mit dem Frontmann der kölschen Munardband Brings zu sehen.

privat
Das Konzert findet in Köln beim Tanzbrunnen Open Air statt. Auf Viagogo fand Sarah dann auch tatsächlich noch ein Ticket.

Das Konzert findet in Köln beim Tanzbrunnen Open Air statt. Auf Viagogo fand Sarah dann auch tatsächlich noch ein Ticket.

privat

«Es war der absolute Horror», klagt Sarah Brönnimann, als sie von ihrer Erfahrung mit der Ticketbörse Viagogo erzählt. Eigentlich wollte die 32-Jährige ihrem Vater eine ganz besondere Freude machen: «Zu seinem Geburtstag wollte ich ihm eine Karte für das Brings-Konzert beim Tanzbrunnen-Openair in Köln am 29. Juni schenken.»

Beim Veranstalter waren die Karten aber bereits vergriffen. Im Internet stiess die Baslerin auf den Genfer Ticket-Anbieter Viagogo, bei dem tatsächlich noch eine Karte für knapp 68 Euro feilgeboten wurde. Brönnimann griff zu. Alles schien in Ordnung bis am 17. Juni, keine zwei Wochen vor dem Konzert, die Nachricht kam, dass das Ticket nun doch nicht erhältlich seien. «Als ich beim Kundenservice anrief, hiess es, dass das Ticket bereits anderweitig verkauft wurde.» Für die Brönimann ein Schock: «Die ganze Reise nach Köln, sowie das Hotel hatte ich bereits gebucht.»

Zwar versprach ihr Viagogo, das Geld zurückzuerstatten. Auch sei man in solchen Fällen bemüht, einen Ersatz zu organisieren. Das Vertrauen hatte die 32-Jährige inzwischen aber verloren: «Ich habe angefangen, mich im Netz ein bisschen umzusehen und mich bei diversen Veranstaltern erkundigt. Dort sagte man mir, dass ich mit der Rückerstattung nicht zu rechnen brauche.» Eine solche Enttäuschung wünsche sie niemandem.

«Viagogo nutzt Grauzone aus»

Brönimann ist ein Fall unter Hunderten. Allein im Jahr 2017 hatten Rechtsberater des Schweizer Konsumentenforums 301 Fälle aufgrund mutmasslich betrügerischen Online-Handels bearbeitet, 141 entfielen dabei auf Viagogo. «Bei insgesamt 474 Fällen, die bei uns eingegangen sind und bearbeitet wurden, ist das knapp ein Drittel», sagt Mediensprecher Dominique Roten. Dieser Trend sei stabil:«Auch 2018 gingen 144 solcher Betrugsvorwürfe auf das Konto der Genfer Ticketbörse.»

«Viagogo nutzt seit Jahren eine Grauzone aus. Die Seite verkauft Tickets aus zweiter Hand weiter, was oft zu Komplikationen für die Käufer führt: hohe Zusatzgebühren, Tickets die nicht ankommen oder auf den Falschen Namen ausgestellt sind – die ganze Palette», so der Experte. Die schweizerische Gesetzgebung sei punkto Weiterverkauf von Tickets aus zweiter Hand lückenhaft, kritisiert Roten. «Sie schützt eher Betrüger als Opfer.»

Seco klagt gegen Viagogo

In Deutschland wurde Viagogo bereits verurteilt. Die Plattform darf dort nicht mehr länger damit werben, die Lieferung «gültiger Tickets» garantieren zu können. Auch muss Viagogo seinen Kunden künftig die Identität und Anschrift der Ticketverkäufer offen legen.

Auch in der Schweiz sind Klagen der Weltfussballverbands Fifa und des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) gegen den Tickethändler hängig. Viagogo ist auf der ganzen Welt aktiv und in mehreren Ländern in über ein Dutzend Rechtsstreitigkeiten involviert.

Das sagt Viagogo

Für 20 Minuten war Viagogo nur via Mail erreichbar. In Bezug auf Brönimanns Fall hiess es, dass der Fehler hier beim Verkäufer gelegen habe, die Pressestelle wies eine Verantwortung gänzlich zurück: «Wir sind ein Marktplatz der Drittkäufer mit Drittverkäufern verbindet, leider hat der Verkäufer in diesem Fall seine Verpflichtung gegenüber dem Käufer nicht erfüllt». Fälle wie diese seien die Ausnahme, betont Viagogo.

Immerhin: Am 19. Juni, kurz nachdem sich 20 Minuten beim Portal gemeldet hatte, wurde das Geld auf Brönnimanns Konto zurückerstattet – abzüglich einer Bearbeitungsgebühr.

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