Verkürzte Isolation - Jeder Dritte könnte nach fünf Tagen Isolation noch andere anstecken
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Verkürzte IsolationJeder Dritte könnte nach fünf Tagen Isolation noch andere anstecken

Dass neu alle nach fünf Tagen ohne Test aus der Isolation kommen, bereitet Experten sorgen. «Die Chance, nach fünf Tagen noch jemanden anzustecken, beträgt 30 Prozent», sagt Infektiologe Huldrych Günthard.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Der Bundesrat hat entschieden, dass Symptomlose ohne Test nach fünf Tagen aus der Isolation kommen.

Der Bundesrat hat entschieden, dass Symptomlose ohne Test nach fünf Tagen aus der Isolation kommen.

Ela Çelik
Seit Donnerstag dürfen Corona-Positive nach fünf Tagen die Isolation wieder verlassen – sofern sie keine Symptome mehr haben. Einen negativen Test braucht es dafür nicht. 

Seit Donnerstag dürfen Corona-Positive nach fünf Tagen die Isolation wieder verlassen sofern sie keine Symptome mehr haben. Einen negativen Test braucht es dafür nicht.

AFP
Infektiologe Huldrych Günthard etwa befürchtet weitere Infektionen: «Es gibt ein gewisses Risiko, dass positive Personen nach fünf Tagen Isolation noch hoch ansteckend zurück zur Arbeit gehen.»

Infektiologe Huldrych Günthard etwa befürchtet weitere Infektionen: «Es gibt ein gewisses Risiko, dass positive Personen nach fünf Tagen Isolation noch hoch ansteckend zurück zur Arbeit gehen.»

20min

Darum gehts

  • Der Bundesrat hat beschlossen, die Isolations- und Quarantänedauer auf fünf Tage zu kürzen.

  • Der Infektiologe Huldrych Günthard sieht darin ein Risiko: Positive Personen könnten nach fünf Tagen hoch ansteckend zurück zur Arbeit gehen.

  • Er fordert zumindest das Tragen von FFP2-Masken nach fünf Tagen.

  • Auch Nationalrat Martin Bäumle hätte eine FFP2-Empfehlung des Bundesrats erwartet.

  • Für den Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts Jürg Utzinger gibt es jedoch gute Gründe für die Verkürzung der Isolation.

Am Mittwoch verkündete der Bundesrat, dass die Isolations- und Quarantänedauer auf fünf Tage verkürzt werden. Die Änderung trat am Donnerstag in Kraft. Mit der Anpassung will der Bundesrat der Wirtschaft unter die Arme greifen: Die vielen Absenzen machen vielen Betrieben zu schaffen. Neu sollen Personen, die 48 Stunden keine Symptome aufweisen, aus der Isolation kommen – ohne negatives Testergebnis.

Diese Entscheidung erntet einiges an Kritik. So schreibt etwa der Präsident der Grünen und Nationalrat Balthasar Glättli auf Twitter: «Eine Hochrisiko-Strategie, die auf dem Weg in die endemische Phase viele Opfer in Kauf nimmt.»

30-prozentiges Ansteckungsrisiko

Die verkürzte Isolation bereitet auch Huldrych Günthard, Leitender Arzt der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich, Sorgen: «Es gibt ein gewisses Risiko, dass positive Personen nach fünf Tagen Isolation noch hoch ansteckend zurück zur Arbeit gehen.»

Gemäss einer noch nicht publizierten englischen Studie wäre eine infizierte Person nach fünf Tagen noch etwa zu 30 Prozent ansteckend – nach sieben Tagen noch etwa zu 15 Prozent und nach 15 Tagen cirka zu fünf Prozent. «Das ist ein beachtlicher Unterschied und könnte in Kombination mit unseren hohen Fallzahlen zu wesentlich mehr Infizierungen führen», so der Infektiologe. Auch Epidemiologe Marcel Salathé verwies auf Twitter auf die englische Studie.

In einer perfekten Welt würde man sich laut Günthard freitesten müssen – doch die Kapazitäten dafür seien im Moment wohl kaum vorhanden. Zumindest aber eine Empfehlung für das Tragen einer FFP2-Maske bis zehn Tage nach dem positiven Befund hätte Günthard erwartet: «Ich bin sehr erstaunt, dass der Bundesrat diese Empfehlung nicht abgegeben hat.»

«Gefahr neuer Infektionsketten am Arbeitsplatz steigt»

Der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny sagt: «Mir sind keine Daten bekannt, die zeigen würden, dass man nach fünf Tagen Isolation niemanden mehr anstecken könnte.» Eine Studie aus Japan (siehe unten) zeige etwa, dass die untersuchten Personen, die sich mit Omikron angesteckt hatten, sieben bis neun Tage nach der Infektion noch eine ähnlich hohe Viruslast aufgewiesen hätten, wie kurz nach der Infektion.

Für Cerny ist der Entscheid des Bundesrats «wissenschaftlich nicht gestützt und steht auch nicht im Einklang mit den Leitlinien unserer Nachbarländer». Quarantäne und Isolation seien Massnahmen, die Infektionsketten unterbrechen sollen. «Die vorzeitige Entlassung von Infizierten aus der Quarantäne kann zu neuen Infektionsketten führen und ist damit nicht geeignet, die Ausbreitung zu bremsen, ganz im Gegenteil», sagt Cerny. So bestehe die Gefahr, dass Infizierte zu früh aus der Isolation kämen und neue Infektionsketten verursachten.

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle beurteilt das Vorgehen des Bundes nach wie vor als riskant. Er plädiert für das Tragen einer FFP2-Maske für einige Tage nach der Isolation: «Das hätte ich als dringende Empfehlung des Bundesrats erwartet.» Es sei bekannt, dass Omikron auch bei Geimpften und Geboosterten weiterhin übertragbar sei.

Kein Nullrisiko-Entscheid, aber ein zentraler

Entspannter sieht der Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts Jürg Utzinger die Situation: «Der Entscheid für die verkürzte Isolation ist sicher keine Nullrisiko-Strategie», sagt er. Trotzdem hält er ihn aus drei Gründen für vertretbar und sinnvoll: «Erstens ist ein Grossteil der Bevölkerung geimpft und neue Daten legen nahe, dass Geimpfte weniger lang infektiös sind.»

Zweitens wissen wir laut Utzinger, «dass die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen einer Ansteckung und dem Auftreten erster Symptome, bei Omikron nur rund drei Tage betrage, kürzer als bei Delta oder den Wildtypen.» Bei sehr hoher Inzidenz wie zur Zeit in der Schweiz nimmt ausserdem das Verhältnis von Nutzen und Kosten von Isolation und Quarantäne ab. «In der jetzigen Situation mit hohen Infektionszahlen, in der Omikron dominant ist und ein Grossteil der Bevölkerung geimpft ist, macht es durchaus Sinn, dass die Dauer der Isolation verkürzt wurde.» Ausserdem sei der Entscheid auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht wichtig: «Es ist sowohl für die Wirtschaft wie auch für die Aufrechterhaltung der Grundversorgung zentral, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig in langer Isolation sind.»

Omikron-Infizierte nach drei bis sechs Tagen am ansteckendsten

Wie eine japanische Studie zeigt, ist Omikron laut neuer Erkenntnisse ab dem dritten bis sechsten Tag nach Ausbruch der Symptome am ansteckendsten. Problematisch hierbei ist, dass viele Omikron-Infizierte nur milde oder gar keine Symptome aufzeigen, aber trotzdem ansteckend sind. Insgesamt seien für die Studie 83 Atemwegsproben von 21 Fällen analysiert worden. Darunter waren 19 geimpfte und zwei ungeimpfte Patienten – vier asymptomatische und 17 milde Fälle. Die Menge der viralen RNA war drei bis sechs Tage nach der Diagnose, beziehungsweise drei bis sechs Tage nach Auftreten der Symptome, am höchsten und nahm dann im Laufe der Zeit allmählich ab. Ein deutlicher Rückgang war zehn Tage nach Auftreten der Symptome erkennbar.

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