Jugendgewalt – Jeder Fünfte zwischen 12 und 18 läuft mit einem Messer herum
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JugendgewaltJeder Fünfte zwischen 12 und 18 läuft mit einem Messer herum

Immer mehr minderjährige Jugendliche tragen ein Messer mit sich und setzen es auch ein. Eine Umfrage der ZHAW zeigt, dass die Stichwaffen besonders von 14- bis 16-jährigen Jungen getragen werden. Gewaltforscher Dirk Baier erklärt das Phänomen.

von
Seline Bietenhard
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Seit 2017 gebrauchen zwölf- bis 18-jährige Personen bei Gewaltdelikten immer häufiger ein Messer. 2021 wurden 18 Minderjährige wegen versuchter und effektiver Tötungen mit Schneid- oder Stichwaffen verhaftet. 

Seit 2017 gebrauchen zwölf- bis 18-jährige Personen bei Gewaltdelikten immer häufiger ein Messer. 2021 wurden 18 Minderjährige wegen versuchter und effektiver Tötungen mit Schneid- oder Stichwaffen verhaftet. 

20min/Helena Müller
Eine neue Umfrage der ZHAW bringt nun Licht ins Dunkel. Während jede fünfte männliche Person zwischen zwölf und 18 ein Messer bei sich trägt, ist es in der gleichen Altersklasse nur rund jedes zehnte Mädchen.

Eine neue Umfrage der ZHAW bringt nun Licht ins Dunkel. Während jede fünfte männliche Person zwischen zwölf und 18 ein Messer bei sich trägt, ist es in der gleichen Altersklasse nur rund jedes zehnte Mädchen.

20min/Helena Müller
Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW und Autor der Umfrage, erklärt die Hintergründe.

Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW und Autor der Umfrage, erklärt die Hintergründe.

ZHAW

Darum gehts

  • Ein Fünftel der männlichen Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren trägt ein Messer bei sich.

  • Wie eine neue Studie der ZHAW zeigt, wurden Messer in den letzten Jahren immer beliebter.

  • Die Hintergründe zum jugendkulturellen Phänomen erklärt Gewaltforscher Dirk Baier.

Seit 2017 setzen zwölf- bis 18-jährige Personen bei Gewaltdelikten immer häufiger ein Messer ein. Letztes Jahr wurden 18 Minderjährige wegen versuchter und effektiver Tötungen mit Schneid- oder Stichwaffen verhaftet. Vor fünf Jahren waren es noch drei. Die Hintergründe dieses Anstiegs von Messerangriffen waren bis jetzt nicht bekannt. Eine neue Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bringt nun aber Licht ins Dunkel.

Die Studie zeigt, dass es bei allen Jugendlichen – unabhängig vom Migrationshintergrund – immer beliebter geworden ist, ein Messer mit sich zu führen. Dabei ist ein klarer Gendergap zu beobachten: Während jede fünfte männliche Person zwischen zwölf und 18 angegeben hat, ein Messer bei sich zu tragen, ist es in der gleichen Altersklasse nur rund jedes zehnte Mädchen. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW und Autor der Umfrage, erklärt die Hintergründe.

«Ein jugendkulturelles Phänomen»

«Einerseits ist es sehr einfach, an Messer, insbesondere auch illegale Messer wie Butterfly- oder Springmesser, zu gelangen», sagt Baier. Andererseits gebe es generell einen Trend zu höherer Gewaltbereitschaft. «Gerade junge Männer unterstreichen zunehmend mit Gewalt und Dominanzgebaren ihre Männlichkeit», sagt Baier. Ein Messer sei ein einfaches Symbol, welches diesem Zweck diene. «Das Mitführen von Messern ist ein jugendkulturelles Phänomen», sagt der Gewaltforscher.

Besonders bei den 14- bis 16-Jährigen seien die Stichwaffen beliebt. «Es ist durchaus bedenklich, dass jeder fünfte männliche Jugendliche schon mal ein Messer bei sich trug», sagt Baier. Wichtig sei aber der Symbolwert der Messer: «Wer ein illegales Messer bei sich führt, geniesst Anerkennung unter den Gleichaltrigen und gilt als richtiger Mann.»

Der Freundeskreis beeinflusst das Tragen von Messern

Dies ist laut der Studie auch ein Grund, weshalb Jugendliche häufiger ein Messer mit sich tragen, wenn auch ihre Freunde mit Messer unterwegs sind. «Es entsteht ein Gruppendruck. Wer nicht mitmacht, ist uncool und riskiert den Ausschluss aus der Gruppe», sagt Baier. Ebenso werde der Zugang vereinfacht. «Ein Jugendlicher, der einen Freund hat, der Messer hat, kommt eher an solche Gegenstände heran», sagt Baier.

Jeder dritte Jugendliche habe angegeben, dass ein Messer ein Gefühl von Sicherheit vermittle und dass damit andere Menschen beschützt werden könnten. «Das hat sicherlich damit zu tun, dass das Messertragen ein Gruppenphänomen ist und dass man für seine Freunde im Konfliktfall einstehen möchte», erklärt Baier. Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund stimmten den Aussagen in der Umfrage zu. «Warum diese Gründe für Migrantenjugendliche wichtiger sind, können wir derzeit nicht sagen; hier bräuchte es zusätzliche Forschung», sagt Baier.

«Das Tragen von Messern ist Ausdruck einer antisozialen Persönlichkeit»

Wie die Umfrage zeige, wird häufig im Ausgang ein Messer mitgeführt, wodurch es öfters zu Eskalationen kommt. «Wenn man im Jugendalter mehr Alkohol oder Drogen konsumiert, ist man wahrscheinlich in Freundesgruppen integriert, in denen abweichendes Verhalten zur Tagesordnung gehört», sagt Baier. Der Griff zum Messer sei dann auch nicht mehr weit.

Für Baier ist das Tragen von Messern «Ausdruck einer antisozialen Persönlichkeit». «Dabei handelt es sich um junge Menschen, die soziale Normen des Zusammenlebens brechen und die zu Impulsivität und Gewalt neigen», sagt Baier. Für diese jungen Menschen seien Messer, insbesondere illegale Messer, interessant. Auch das Bildungsniveau spiele laut Baier eine Rolle: «Höher gebildete junge Menschen greifen seltener auf Gewalt und Messer zurück und werden auch weniger Opfer.»

Im Video erklären zwei junge Männer, warum sie im Ausgang ein Messer dabei haben.

20 Minuten

Zur Umfrage

An der nicht repräsentativen Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) nahmen vom 1. Dezember 2021 bis zum 28. Januar 2022 1945 Jugendliche aus dem Kanton Zürich im Alter von zwölf bis 18 Jahren teil. Die Umfrage wurde im Rahmen einer Befragung zum Wohlbefinden der Jugendlichen während zwei Jahren Pandemie durchgeführt.  

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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