Aktualisiert 12.11.2012 08:51

Schweizer Callboys erzählen

«Jeder hat ein Talent. Meines ist nun mal Sex»

Sie sucht Nähe und Sex, er Befriedigung und Geld – die Welt der Gigolos scheint perfekt. Auch sonst ist der Alltag der Callboys nicht mit dem weiblicher Prostituierter zu vergleichen.

von
Catharina Steiner
Auf Callboy-Schweiz kann man sich auf die Suche nach dem Gigolo seines Vertrauens machen. Bild: Screenshot

Auf Callboy-Schweiz kann man sich auf die Suche nach dem Gigolo seines Vertrauens machen. Bild: Screenshot

Sie heissen Jerome, Renato, Ramon oder Carlo. Zumindest für ihre Klientel. Denn von einem Ueli oder Peter kann man sich auch daheim vögeln lassen. Und genau das wollen die Kundinnen von Callboy Schweiz nicht. Der Name ist Teil der Show, der Akt eine Auszeit vom Ehebett, das längst Staub angesetzt hat.

Natürlich sehen die selbsternannten Latin Lover eher wie Ueli und Peter aus, vielleicht ein paar Jahre jünger, ein paar Kilos leichter. Denn um den perfekten Mann, den ausdauernden Über-Liebhaber, darum geht es den Frauen nicht.

Treu blieb er an ihrer Seite, bis es einfach nicht mehr ging

Was in den Beziehungen zu kurz komme, sei die Zärtlichkeit, berichtet Jerome, der im echten Leben, man ahnt es, einen eher bodenständigen Namen hat. «Die Frauen werden zuhause nicht mehr als solche wahrgenommen, deshalb kommen sie zu uns», sagt der 34-Jährige.

Den sympathischen Sachsen hat es wie so viele Deutsche im vergangenen Jahr in die Schweiz verschlagen. Der Maschinenbauer hat eine jahrelange Durststrecke im eigenen Bett hinter sich, für die er - seiner neuen Berufung sei dank - nun vollumfänglich entschädigt wird. Jerome hat jung geheiratet, zu jung, die Frau wollte nach der Geburt der Kinder kaum mehr Sex. Treu blieb er an ihrer Seite, bis es einfach nicht mehr ging. Heute denke er nur noch an sie, wenn er seinen Orgasmus herauszögern will.

Während des einstündigen Interviews trudeln zwei Textnachrichten von Frauen ein, die sich für seine Dienste interessieren und mehr über diese in Erfahrung bringen wollen. So läuft das Andocken typischerweise ab. «Es heisst doch Callboy, nicht SMS-Boy» seufzt Jerome, schreibt aber geduldig zurück. Er weiss, Frauen sind immer noch scheu, wenn es darum geht, Sex zu kaufen. Der Grossteil der Kundinnen ist zwischen 40 und 55 und lebt in einer langfristigen Partnerschaft, die meisten sind verheiratet. Sie tasten sich vorsichtig heran, bedingen sich absolute Diskretion aus. Ein Grund, warum Versuche, Bordelle für Frauen zu etablieren, scheitern.

Die «Boyfriend-Experience»

Eine der Damen, die regelmässig die Dienste eines Callboys in Anspruch nehmen, ist Sylvia*. Sylvia ist verheiratet, ihr Gatte hat keine Ahnung, dass sie sich Bestätigung und Befriedigung von einem Gigolo holt. Sylvia will sich nicht interviewen lassen, sondern sendet uns einen Erfahrungsbericht zu. Und verbietet der Redaktion, auf dieses Mail zu antworten. Zu gross ist die Angst, ihr Mann könnte ihr auf die Schliche kommen. Der Callboy ihres Vertrauens ist Jerome. Sie bucht ihn regelmässig, wie die meisten anderen Kundinnen.

Den Frauen geht es um die «Boyfriend-Experience», zwischen Callboys gewechselt wird selten. Die Grenzen zwischen bezahltem Liebhaber und Partner verlaufen für viele Frauen fliessend, es fällt ihnen oft schwer, Sex und Liebe zu trennen. Ein Callboy erzählt, dass er glaubt, dass ihm seine Stammkundin ein schönes Weihnachtsgeschenk machen wird. Was dann? Muss er ihr dann auch etwas schenken? Er ist überfragt. Die traditionellen Rollenbilder sind auch in einer solchen Beziehung schwer zu durchbrechen. Im umgekehrten Fall fühlt sich wohl kaum eine weibliche Prostituierte genötigt, ihrem Freier ein Gegengeschenk zu machen.

«Peinlich, für Sex zu zahlen»

Auch die 46-jährige Bernerin Andrea* bezahlt regelmässig für Sex. Seit sechs Jahren läuft nichts mehr in ihrem Bett. Die Zärtlichkeiten in der seit fast zwei Jahrzehnten bestehenden Beziehung zu ihrem Partner liessen sich an einer Hand abzählen, erzählt sie. Eine einzige Freundin kennt ihr Geheimnis. «Es ist mir manchmal schon peinlich, dass ich nur gegen Geld Sex haben kann und dass ich auf diese Weise meine Gelüste stillen muss», sagt Andrea. Aufhören will sie trotzdem nicht.

«Die Begegnung mit Callboy Renato gibt mir alles was ich in der Beziehung vermisse. Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und Sex.» Ihre Beziehung sei eigentlich glücklich, sagt Andrea, obwohl es seit diesem Jahr kriselt. «Durch das Treffen mit dem Callboy kann ich viel relaxter mit den Problemen umgehen», erklärt sie. Die Qualität des Akts an sich scheint ein Nebenschauplatz zu sein. Kundin Sylvia schätzt, dass der Callboy «nicht nur an sich denkt, sondern möchte, dass es auch der Frau gefällt».

«Mein Talent ist Sex»

Gibt es eine Mindestanforderung an Sex gegen Cash? Callboy Renato, Betreiber der Website Callboy Schweiz, prüft keinen der potentiellen Sexarbeiter auf Technik, sexuelle Ausdauer oder Penisgrösse. «Es gibt kein Casting», sagt er. Der 33-Jährige, der hauptberuflich im Aussendienst tätig ist, stellt lediglich die Plattform zur Verfügung, auf der sich die über 40 Gigolos anpreisen können. 3000 Zugriffe pro Monat hat die Seite, Tendenz steigend. Die Qualitätskontrolle obliegt den Kundinnen selbst.

Auch Jerome kommt bei der Frage, ob er eine Orgasmus-Garantie abgeben kann, ins Stottern. Er trainiere regelmässig, nicht zu früh zu kommen. Ausserdem liest er Frauenzeitschriften die verraten wollen, was das weibliche Geschlecht sich insgeheim im Bett wünscht, aber sich nicht zu artikulieren getraut. Selbstbewusster reagiert Callboy Thomas. «Ausser bei einem Quickie verstehe ich nicht, warum man der Frau einen Orgasmus nicht garantieren kann», sagt der 37-Jährige. Er weiss auch, warum er es drauf hat. «Ich glaube dass wir alle ein spezielles Talent haben. Und meines ist nun mal Sex.»

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Callboy Jerome.

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