Bonitätsnote vom User: Jeder ist besser als Standard & Poor's
Aktualisiert

Bonitätsnote vom UserJeder ist besser als Standard & Poor's

Die Ratingagenturen sind unglaubwürdig geworden. Jetzt haben zwei Schweizer eine Alternative entwickelt: Wikirating – ein Bewertungstool, bei dem jeder Nutzer mitmachen kann.

von
Sabina Sturzenegger
So siehts aus, wenn der User die Kreditfähigkeit bewertet: Bonitäts-Weltkarte bei Wikirating. (Bild: wikirating.com)

So siehts aus, wenn der User die Kreditfähigkeit bewertet: Bonitäts-Weltkarte bei Wikirating. (Bild: wikirating.com)

Ein Amerikaner hat Wikipedia erfunden, ein Australier Wikileaks. Jetzt kommt eine Schweizer Erfindung, die – wen wunderts – mit Geld zu tun hat und auf den Ideen von Wikipedia und Wikileaks aufbaut. Sie heisst Wikirating und ist eine offene Plattform für Kredit-Bewertungen. Nach dem Vorbild der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, bei der jeder Nutzer sein Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, sollen auf Wikirating Länder, Banken, Unternehmen und zu einem späteren Zeitpunkt auch strukturierte Finanzprodukte auf ihre Kreditwürdigkeit bewertet werden.

Dahinter steckt die Annahme, dass es die Masse der Internetnutzer besser kann als die drei herkömmlichen Rating-Agenturen auf dem Markt, die US-Unternehmen Standard & Poor's (S&P) und Moody's sowie die britische Fitch. «Schon lange ist klar, dass es keine Macht der Welt gibt, welche die Ratingagenturen kontrollieren und einschränken kann. Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Macht der Community», sagt Dorian Credé, Mitbegründer von Wikirating. Der 37-jährige Mathematiker aus Zürich hat vor eineinhalb Jahren zusammen mit seinem Kollegen, dem IT-Spezialisten Erwan Salembier, die Plattform ins Leben gerufen. Über 1000 Stunden habe er in seiner Freizeit bereits in das Projekt investiert, sagt Credé.

User können mit-«raten»

Jetzt möchte er, dass seine Idee auch Erfolg hat und an Glaubwürdigkeit gewinnt. Dazu braucht er Internet-User, die ihre Ratings abgeben. Die Bewertung erfolgt zurzeit über zwei Methoden, wie der gebürtige Österreicher Credé erklärt: Über eine Abstimmung sowie über eine mathematische Berechnung. Bei der Abstimmungsmethode kann der User beispielsweise für ein Land eine Bonitätsnote nach dem Vorbild der Ratingagenturen abgeben. Also beispielsweise AAA für die Schweiz.

Bei der mathematischen Methode werden anerkannte Wirtschaftsindikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Inflationsrate, die Verschuldungs- oder die Arbeitslosenquote eines Landes herbeigezogen, um eine Bewertung zu erhalten. Für die Unternehmensratings steht vorerst nur die Polling-Funktion, also die subjektive Abstimmungsfunktion, zur Verfügung. Weitere Bewertungsmethoden sind in Bearbeitung und sollen von der Community entwickelt werden.

Hoffen auf die User

Dass die Plattform noch nicht ganz ausgereift ist und die Bewertungen anfällig sind auf Missbrauch, weiss der IT-Spezialist: «Das Instrument muss noch bekannter werden, damit die Ratings an Glaubwürdigkeit gewinnen. Und die Methoden für die Unternehmensbewertungen werden noch verfeinert», versichert Credé.

Salembier und er hoffen, dass die Plattform in «zwei bis drei Jahren» so viele Nutzer hat, dass sie mit ihren Expertenwissen zu einer glaubwürdigen Aussage bei Kreditratings beitragen kann. «Die Ratingagenturen haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt und sie agieren mit Willkür. Da kann ein Gegengewicht wie Wikirating an Glaubwürdigkeit nur gewinnen», sind sie überzeugt.

Ratingagenturen braucht es nicht

Nach dem Rundumschlag von Standard & Poor’s gegen die EU-Staaten werden die Ratingagenturen nicht nur von den EU-Politikern einmal mehr scharf kritisiert. Auch Marc Chesney, Bankenprofessor an der Universität Zürich, bekräftigt seine Kritik: «Wir müssen uns fragen, ob wir die Ratingagenturen überhaupt brauchen. Vor der Finanzkrise von 2008 haben sich die Ratingagenturen selber diskreditiert, weil sie toxische Finanzprodukte mit besten Noten bewertet haben. Ihre Einschätzung war völlig falsch. Und heute reicht ein Blick auf die Redite der europäischen Anleihen, damit die Anleger wissen, woran sie sind. Zurzeit haben wir das Problem, dass die Ratingagenturen eine riesige Macht über die Politik haben, zumindest in der EU.»

Deine Meinung