25.11.2019 20:30

Shaolin-Meister«Jeder Moment deines Lebens ist eine Übung»

Walter Gjergja ist Shaolin-Meister. Mit seinen Anleitungen verhilft er der westlichen Welt zu mehr Gelassenheit und berät Topmanager und Profisportler.

von
gss
25.11.2019
Walter Gjergja begann als Teenager in Italien, intensiv Shaolin-Kung-Fu zu trainieren.

Walter Gjergja begann als Teenager in Italien, intensiv Shaolin-Kung-Fu zu trainieren.

Instagram/shixingmi
Er hat sowohl im traditionellen Kung-Fu als auch in der moderneren Kampfsportart Wu-Shu zahlreiche Competitions gewonnen.

Er hat sowohl im traditionellen Kung-Fu als auch in der moderneren Kampfsportart Wu-Shu zahlreiche Competitions gewonnen.

Instagram/shixingmi
Walter liess sich im Shaolin-Kloster über mehrere Jahre zum Meister ausbilden.

Walter liess sich im Shaolin-Kloster über mehrere Jahre zum Meister ausbilden.

Instagram/shixingmi

Dein Meister-Name ist Shi Xing Min, getauft bist du aber auf den Namen Walter. Wie bist du als italienischer Junge zur Shaolin-Philosophie gekommen?

Ich bin in einem kleinen Dorf in Italien aufgewachsen und war ein eher introvertiertes Kind, das den ganzen Tag am liebsten gelesen hätte. Mit 13 entdeckte ich auf meinem Schulweg eine Shaolin-Schule. Von da an begann ich, dort intensiv Kampfsport zu trainieren und immer mehr über die Shaolin-Philosophie zu lernen. Es war ein Gefühl, wie nach Hause zu kommen.

Was hat dich dazu bewogen, dein Leben komplett dieser Philosophie zu widmen?

Mit Mitte 20 zog ich nach Australien, um Wirtschaft zu studieren, und arbeitete darauf als Berater mit eigener Firma. Während dieser Zeit reiste ich auch das erste Mal ins Kloster nach Dengfeng. Als ein grosses Arbeitsprojekt fertig war, wusste ich, dass es Zeit ist, meine Shaolin-Ausbildung zu komplettieren. In dieser Zeit habe ich viel unterrichtet und gemerkt, dass dies mein Schicksal ist. Eine Karriere als Strategieberater mit 28 an den Nagel zu hängen, war für mein Umfeld aber nicht ganz verständlich.

Musstest du eine Aufnahmeprüfung machen im Kloster?

Im Kloster ist jeder willkommen. Wer sich aber als Meister ausbilden lassen will, muss beweisen, dass er die körperliche und geistige Fähigkeit hat, um wirklich durchzuhalten. Es ist vergleichbar mit einem Sommerkurs in Harvard: Den können sich viele ermöglichen. Eine Professur dort abzuschliessen, ist aber eine komplett andere Sache.

Als Meister im Kloster dreht sich der ganze Tag darum, achtsam zu sein und zu lernen. Wie gelingt dies in einer hektischen Stadt?

Das stimmt, im Kloster ist der Tag sehr ruhig und langsam getaktet. Es gibt eine gewisse ruhige Energie, die enorm hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Eine Übung, die aber jeder anwenden kann, ist, sich mehr auf Lösungen statt auf Probleme zu fokussieren.

Wie gelingt das am besten?

Wir alle sind zu einem Teil Mönch, zu einem Teil Krieger. Im täglichen Leben sind wir Krieger, die ständig mehr wollen und rennen. Ohne den Mönch ist der Krieger aber ineffizient. Gönn dir immer wieder kleine Mönchspausen: Trinke einen Tee, spiele ein Instrument, gehe in den Wald oder höre ein Lied, statt durch Social Media zu scrollen. Schon ein paar Minuten im Mönch-Status helfen, von einer stress-zentrierten zu einer fokussierten, lösungsorientierten Denkweise zu wechseln.

Und wenn es keine Lösung gibt?

Dann ist das oberste Gebot, zu akzeptieren, dass etwas ausserhalb der persönlichen Kontrolle liegt. Auch das ist eine Übung.

Das heisst: Kleine spirituelle Übungen sind immer möglich?

Jeder Moment deines Lebens ist eine Übung. Was du isst, ob du läufst, das Auto nimmst, ob du mit deinen Freunden lästerst oder über positive Themen sprichst, ob du Social Media konsumierst oder einen «National Geographic»-Film ansiehst, ob du dankbar für die kleinen Dinge bist oder dich ärgerst, dass du den Bus verpasst hast: Sieh deine Taten und Gedanken als Übung an und als Samen, die du für deine Entwicklung pflanzt.

Shaolin befasst sich mit Buddhismus, Taoismus und Konfuzius. Was können wir im Westen uns von diesen Lehren abschauen?

Das Leben im Jetzt. Die Vergangenheit ist eine Erinnerung, die Zukunft ein Konstrukt. Die Gegenwart hat die Macht, das Morgen zu steuern, wenn du sie annimmst und dich darauf fokussierst. Das Zweite ist, mit einer gewissen Leichtigkeit durch deinen Alltag zu gehen. Das westliche Streben nach Glück ist mittlerweile ein weiterer Stressfaktor, dabei besteht das Leben aus Hochs und Tiefs. Wer eine innere Balance hat und sich dessen bewusst ist, kann Glück und Trauer besser annehmen.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Ich lebe heute im Tessin als säkularer, lediger Mönch. Ich habe also ein Gelübde abgelegt, muss aber im Gegensatz zu den Mönchen im Kloster nicht zölibatär leben. An einem typischen Tag stehe ich auf, meditiere, arbeite an Workshops, Büchern und Vorträgen und übe Kampfsport. Ich habe einen Alltag wie andere auch. (lacht)

Shi Xing Mi

Shi Xing Mi ist Shaolin der 32. Generation des Klosters Shaolin in Deng Feng im Herzen Chinas. Er studiert seit seinem 13. Lebensjahr die Kunst des Shaolin-Kung-Fu und lebte viele Jahre im Kloster, um die Kultur und die Denkweise der Shaolin zu erlernen. Bevor er ins Kloster ging, studierte der gebürtige Italiener Wirtschaftswissenschaften in Australien. Dort arbeitete er auch als Unternehmensberater und in Führungspositionen. 2004 gründete er eine Shaolin-Schule in Mailand. Heute lebt er im Tessin und berät Wirtschaftsgrössen und Sportler.

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