16.10.2020 04:55

Ökonom will PunktesystemJeder soll selbst entscheiden, wo er Corona-Risiken eingeht

Als Mittelweg in der Corona-Krise stellt ein Ökonom eine App mit einem Punktekonto zur Debatte. Diese soll individuelle Freiheiten ermöglichen. Gegner befürchten einen Fehlanreiz.

von
Pascal Michel, Bettina Zanni
1 / 10
Als Mittelweg im Kampf gegen die Pandemie soll ein Punktesystem eingeführt werden. So könnte ein Discobesuch 350 Punkte der 500 Punkte fressen, …

Als Mittelweg im Kampf gegen die Pandemie soll ein Punktesystem eingeführt werden. So könnte ein Discobesuch 350 Punkte der 500 Punkte fressen, …

KEYSTONE
… eine ÖV-Fahrt aber nur 20 Punkte.

… eine ÖV-Fahrt aber nur 20 Punkte.

KEYSTONE
Die Idee stammt von Martin Janssen, emeritierter Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich. Von seiner Lösung erhofft er sich, dass die Bürger sich individuell mit ihrem Risiko befassen und sich fragen, was ihnen welche Freiheiten wert seien.

Die Idee stammt von Martin Janssen, emeritierter Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich. Von seiner Lösung erhofft er sich, dass die Bürger sich individuell mit ihrem Risiko befassen und sich fragen, was ihnen welche Freiheiten wert seien.

Twitter.com

Darum gehts

  • Zwischen Lockdown und Durchseuchung: Ein Ökonom lanciert einen Mittelweg.

  • Jeder erhielte per App eine bestimmte Anzahl Punkte pro Woche auf sein Konto gutgeschrieben.

  • Damit könnte jeder selber entscheiden, wofür er seine Punkte einsetzt.

  • Von seiner Lösung erhofft er sich, dass die Bürger sich individuell mit ihrem Risiko befassen.

  • «Das ist eine bescheuerte Idee», sagt SP-Nationalrat Fabian Molina. Ein Punktekonto könne zu leichtsinnigem Verhalten verleiten.

«Durchseuchung» oder harte Lockdowns, um die Infektionszahlen wieder auf ein kontrollierbares Niveau zu bringen: Die Strategien der Regierungen zur Bekämpfung des Coronavirus liegen derzeit zwischen diesen beiden Polen. Die Schweiz verfolgt bis anhin die Test- und Tracing-Strategie. Je steiler die Fallzahlen ansteigen, desto mehr stellt sich die Frage, wie lange diese noch aufrechterhalten werden kann. Morgen Freitag beschliessen die Kantone weitere Massnahmen.

Martin Janssen, emeritierter Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich, schlägt nun einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen vor. «Ich möchte eine Lösung, wo die Gesamtaktivität eingeschränkt werden könnte, falls wirklich notwendig, dem Bürger aber möglichst viele Freiheiten zurückgegeben werden können», twitterte er. Er wolle weg vom Einsatz des «staatlichen Vorschlaghammers» hin zu individuellen Freiheiten.

Bestimmte Anzahl Punkte pro Woche

Auf Anfrage betont er, das neuartige Coronavirus lasse keinesfalls eine Durchseuchung irgendeiner Art zu. «Es sterben auch Junge daran, das müssen wir verhindern.» Zudem gebe es Langzeitschäden. «Eine Bekannte von mir hat Monate nach der Infektion noch Atemprobleme.» Gleichzeitig hätte ein zweiter Lockdown fatale wirtschaftliche Folgen, sagt Janssen. «Vielen Firmen, die bis jetzt überlebt haben, könnte ein zweiter Lockdown das Genick brechen.» Er schliesst nicht aus, dass dann die Arbeitslosigkeit im Frühling auf 7,5 Prozent steigen könnte.

Janssen skizziert sein Modell. Jeder erhielte per App eine bestimmte Anzahl Punkte pro Woche auf sein Konto gutgeschrieben. «Diese kann er dann einsetzen, wie er will – wer aber mehr risikoreiche Aktivitäten wählt, dessen Konto ist schneller aufgebraucht.» So könnte ein Discobesuch 350 Punkte der 500 Punkte fressen, eine ÖV-Fahrt aber nur 20 Punkte. Diese Punktestruktur könne je nach Infektionsgeschehen angepasst werden: Gibt es beispielsweise plötzlich verbreitet Fälle bei gewissen Grossveranstaltungen – ein Beispiel war das Jodelfest in Schwyz –, kostet der Eintritt auch mehr Punkte. Konkret stellt sich Janssen vor, dass die Punkte per App vor jedem Eintritt abgebucht würden. Die Punkte pro Event würde der Kanton bestimmen.

«Individuell mit Risiko befassen»

Zwar basiert die Idee auf freiwilliger Teilnahme. Janssen stellt sich aber vor, dass etwa nur noch in die Disco käme, wer sich die Punkte abbuchen lassen kann. Oder nur noch in die Migros kommt, wer den «Eintritt» mit Punkten bezahlt. «So gäbe es rasch eine grosse Beteiligung an der App.» Zudem könne man sich überlegen, ob die Punkte auch gehandelt werden könnten – oder ob es einen Pool pro Tag gebe, aus dem man zusätzliche Punkte kaufen könne. Von seiner Lösung erhofft er sich, dass die Bürger sich individuell mit ihrem Risiko befassen und sich fragen, was ihnen welche Freiheiten wert seien. Gleichzeitig könne der Staat das Niveau der Infektionen kontrollieren, ohne allzu stark in die Freiheiten der Bürger einzugreifen.

Bei Experten der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes trifft das Modell auf Interesse. Weder eine Durchseuchung noch ein Lockdown sei zurzeit die Lösung, sagt Marcel Tanner, Epidemiologe und Mitglied der Taskforce. «Man muss einen Mittelweg finden. Ein Punktesystem halte ich für eine mögliche Idee.» Das Modell müsse zuerst aber eingehend geprüft werden. «Wichtig dabei ist der Schutz aller Risikopersonen und nicht nur derjeniger, die in Alters- oder Pflegeheimen leben. Auch muss genau abgeklärt werden, wie die Punkte verteilt, bewertet und der Situation angepasst werden sollen.» Schliesslich gehe es darum, die Eigenverantwortung als Gemeinschaftsverantwortung zu leben.

«Punktekonto kann Fehlanreiz bieten»

Bei linken Politikern kommt das Punktekonto schlecht an. «Das ist eine bescheuerte Idee», sagt SP-Nationalrat Fabian Molina. Mit verhaltensökonomischen Modellen lasse sich die Krise nicht lösen. «Ein Punktekonto kann sogar einen Fehlanreiz bieten.» Habe zum Beispiel ein Nutzer noch Punkte übrig, könnte ihn dies zu leichtsinnigen Unternehmungen verleiten. «Dann geht jemand extra in einen Club, ist besonders unvorsichtig und steckt sich dort gleich mit dem Virus an.»

Auch aus Sicht des Datenschutzes kritisiert Molina das Modell. Damit die Punkte nicht missbraucht würden, wären die Nutzer der App einer ständigen Kontrolle und Überwachung unterworfen. «Das Modell ist mit keinen Ansprüchen an die Privatsphäre zu vereinbaren.» Molina glaubt zudem kaum, dass die breite Bevölkerung die App herunterladen würde. «Obwohl die Schweizer Covid-App die höchsten Ansprüche an den Datenschutz erfüllt, hat die Mehrheit der Leute diese nicht heruntergeladen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
1093 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Besonnener Freigeist

17.10.2020, 19:43

Nun auch Corona-Punkte! Wieder einmal eine typische Ökonomenidee 🙄 Mir reichen Cumulus- und Superpunkte 😏

Sunpower

17.10.2020, 17:38

Wasserstoff wird durch sogenannte Elektrolyse von Wasser 💧 abgespalten. Vereinfacht gesagt wird dabei Wasser unter Strom gesetzt und so in seine Einzelteile zerlegt: Wasserstoff und Sauerstoff. "Grün" wird der Wasserstoff dann, wenn bei der Gewinnung ausschließlich Strom ⚡️ aus erneuerbaren Energien von Solaranlagen ☀️, Windparks 💨 und Co. eingesetzt wird. Bei seiner späteren Verwendung etwa in einer Brennstoffzelle entsteht durch die Reaktion mit dem Sauerstoff aus der Luft ebenfalls nur Wasser 💦 Heisst: Weder die Herstellung noch die Nutzung von grünem Wasserstoff produziert umweltbelastendes Kohlendioxid (CO2).

Simi

17.10.2020, 14:38

Und in 2 Jahren haben wir weil's so schön ist und sich die Leute daran gewöhnt haben ein Punktesystem à La China. ... Und naja nicht jeder hat ein Auto. d.h man darf dann nur noch Arbeiten weil alle Punkte für den Öv drauf gehen ?