10.10.2016 23:49

Terror-Experte«Jeder verhinderte Anschlag ist ein Erfolg»

Der verhaftete Islamist Jaber Albakr von Chemnitz war ein anerkannter Flüchtling. Terror-Experte Stephan Humer schätzt die Gefahr ein.

von
Viviane Bischoff
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Blick auf den Innenhof der Leipziger Justizvollzugsanstalt, in der sich der syrische Terrorverdächtige seit der Festnahme befand.

Blick auf den Innenhof der Leipziger Justizvollzugsanstalt, in der sich der syrische Terrorverdächtige seit der Festnahme befand.

Reuters
Der deutsche Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof hatte die Ermittlungen in dem Fall übernommen.  Ein Kameramann filmt vor dem Gebäude des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. (10. Oktober 2016).

Der deutsche Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof hatte die Ermittlungen in dem Fall übernommen. Ein Kameramann filmt vor dem Gebäude des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. (10. Oktober 2016).

kein Anbieter/Epa/Uli Deck
Ermittler verlassen die Leipziger Wohnung, in der ein Sondereinsatzkommando der deutschen Polizei zuvor den mutmasslichen syrischen Islamisten verhaftet hatte. (10. Oktober 2016).

Ermittler verlassen die Leipziger Wohnung, in der ein Sondereinsatzkommando der deutschen Polizei zuvor den mutmasslichen syrischen Islamisten verhaftet hatte. (10. Oktober 2016).

kein Anbieter/Epa/Hendrik Schmidt

Herr Humer, der mutmassliche Attentäter Jaber Albakr ist ein anerkannter Flüchtling. Wie gross ist die Gefahr, dass es weitere Attentäter unter den Flüchtlingen gibt?

Der IS wird sicherlich die Flüchtlingsthematik weiter für sich

ausnutzen, auch wenn er derzeit insgesamt stark unter Druck geraten ist. Aber die Flüchtlingssituation bietet sich ja – leider – besonders gut an, um Hass in die Gesellschaften des Westens zu tragen, wenn man eine Verbindung zwischen Flüchtlingen und Terrorismus realisieren kann, so wie in Chemnitz. Wie oft das noch gelingen wird, ist unklar. Es wird aber mit Sicherheit ein bedeutendes Thema bleiben, und zwar in ganz Europa.

Was bedeutet der Fall für das Migrationssystem in Deutschland?

Zumindest in den skeptischen Teilen der deutschen Bevölkerung wird der Fall sicherlich als Bestätigung der Risiken der derzeitigen Migration gesehen. Diese Skepsis ist aber nichts Neues, so dass vielleicht nicht unbedingt neuer Druck auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die Bundesregierung entsteht, aber die Skeptiker werden sich nun sicher aufgerufen fühlen, dranzubleiben und weiter gegen die Politik Angela Merkels und auch die Flüchtlinge zu agitieren. Die Optimisten werden eher das Eingreifen der syrischen Landsleute des Attentäters betonen und so klarmachen, dass nicht alle

Chemnitz: Suche nach Verdächtigem geht weiter

Die Polizei fahndet weiter nach dem verdächtigen 22-jährigen Syrer, der der Vorbereitung eines Bombenattentats verdächtigt wird. Bei der Suche nach einem mutmaßlichen Anschlagsplaner hat die Polizei in einer Chemnitzer Wohnung mehrere hundert Gramm hochbrisanten Sprengstoffs entdeckt. Am Chemnitzer Hauptbahnhof und in der Innenstadt nahm die Polizei am Samstag Nachmittag drei Personen vorläufig fest. Zwei von ihnen wurden wieder freigelassen, gegen einen besteht der Verdacht der Mittäterschaft
Der entdeckte Sprengstoff wurde mittlerweile vernichtet. Das hochexplosive Material sei in einer extra dafür ausgehobenen Erdgrube von Spezialisten kontrolliert gesprengt worden, teilte die Polizei am Samstagabend mit. Dabei sei niemand verletzt worden, sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen, Tom Bernhardt am späten Samstagabend:
Wir wissen auch nicht, ob der von uns Gesuchte auch überhaupt etwas in dieser Richtung dabei hat. Unter Umständen hat er auch nichts dabei, wir haben ja alles in der Wohnung gefunden. Aber das wäre alles spekulativ, insofern möchten wir die Bevölkerung bitten aufmerksam zu sein.
Nach dem Sprengstoff-Fund kam es zu verstärkten Kontrollen, wie hier am Flughafen Berlin-Schönefeld. Das mögliche Anschlagsziel ist nach wie vor nicht bekannt, offen ist auch, ob hinter den Vorbereitungen ein einzelner Verdächtiger oder eine Gruppe steht.

Flüchtlinge potentielle Attentäter sind, sondern viele ein anderes Leben wollen.

Kann man sagen, dass die Festnahme ein grosser Erfolg für die deutschen Ermittler ist?

Auf jeden Fall, denn jeder verhinderte Anschlag ist ein entsprechender Erfolg. Zudem ist es ein Erfolg hinsichtlich der Zusammenarbeit von Nachrichtendiensten und Polizei. Es zeigt sich, wie sinnvoll ein entsprechender Informationsaustausch ist.

Können Sie etwas dazu sagen, wie man mutmassliche Attentäter findet?

Nicht selten gehen nachrichtendienstliche Ermittlungen der Polizeiarbeit voraus. Dazu gehören auch Tipps ausländischer Geheimdienste. Ausserdem werden oft auch Menschen auf bestimmte Merkmale oder Muster aufmerksam, die sie Alarm schlagen lassen. Dann werden die Behörden benachrichtigt und die Person gerät gegebenenfalls ins Visier von Nachrichtendiensten oder Polizei.

Welche Auswirkungen haben solche Ereignisse für Angela Merkel, auch im Hinblick auf die Wahlen nächstes Jahr?

Ich gehe derzeit schon davon aus, dass wir negative Auswirkungen auf das Wahlergebnis der Regierungspartei CDU erleben werden. Doch zu Merkel gibt es in der deutschen Politik keine ernsthafte Alternative. Die Konkurrenzpartei SPD ist insgesamt zu schwach und Rot-Rot-Grün wäre wohl eine Koalition, die nicht gerade zur Entspannung der politischen Lage in Deutschland beitragen dürfte. Sinnvoller wäre sicherlich eine Politik der inhaltlichen Entspannung und keine der verschärften Links-rechts-Lagerbildung. Zu dieser dürfte nach jetziger Einschätzung nur Merkel in der Lage sein.

Stephan Humer ist im Vorstand des Netzwerkes Terrorismusforschung in Deutschland

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