Tränen in der Klinik: Jeder vierte Arzt weint vor Patienten

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Tränen in der KlinikJeder vierte Arzt weint vor Patienten

Ärzte, die in Tränen ausbrechen – laut einer Umfrage kommt dies unter Medizinern häufig vor. Doch ist das noch professionell? Schweizer Ärzte erzählen.

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Von Gefühlen übermannt: Das passiert Ärzten teilweise auch in Anwesenheit ihrer Patienten.

Von Gefühlen übermannt: Das passiert Ärzten teilweise auch in Anwesenheit ihrer Patienten.

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Bei Ärzten wird viel geweint. Menschen brechen in Tränen aus, wenn sie eine schlimme Diagnose bekommen, wenn sie erfahren, dass ihr Partner unheilbar krank ist, oder wenn sie ihr Kind verlieren. Doch es sind nicht immer nur die Patienten, die weinen. Manchmal bricht auch der Arzt in Tränen aus.

Wie häufig dies passiert, haben Psychologen von der niederländischen Universität Tilburg untersucht. Insgesamt wurden 776 Ärzte befragt. 48 Prozent gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres am Arbeitsplatz geweint zu haben. Knapp 26 Prozent taten dies sogar vor den Patienten, schreibt die «Deutsche Ärztezeitung».

«Mir sind schon die Tränen in die Augen geschossen»

In der Schweiz werden Ärzte nur darauf geschult, wie man eine schlechte Nachricht überbringt. «Ob und wann wir weinen dürfen, wird uns nicht beigebracht», sagt Alexander Kiss, Chefarzt Psychosomatik am Unispital Basel. Wirklich geheult habe er selbst noch nie vor einem Patienten. «Aber mir sind auch schon die Tränen in die Augen geschossen.» Er habe damals ein Kind behandelt, das schwer krank war.

Doch darf ein Arzt das? «Das kommt drauf an: Einerseits, wie der Patient die Tränen interpretiert, und andererseits, weswegen ein Arzt weint.» Tue er dies aufgrund privater Probleme, indem er sich quasi beim Patienten ausheule, sei das ein absolutes No-go. «Das ist unprofessionell im höchsten Masse», so Kiss.

Wenn ein Arzt aber von Mitgefühl übermannt werde und dem mit ein paar Tränen Ausdruck verleihe, sei das menschlich und verzeihlich. «Solange es nicht zur Norm wird, denke ich, darf ein Arzt auch einmal vor einem Patienten weinen.» Grundsätzlich sei aber eine respektvolle Distanz empfehlenswert. Ärzte müssten auch lernen, sich abzugrenzen.

Unfallchirurgie vs. Gynäkologie

Natürlich spiele es auch eine Rolle, wo ein Arzt tätig sei. «Auf der Unfallchirurgie oder im Notfall darf man die Contenance nicht verlieren, das wäre verheerend.» Studien zeigten jedoch, dass beispielsweise auf der Kinderonkologie, wo rund 20 Prozent der Patienten sterben, das Thema Trauer und Tränen unter Ärzten öfter zur Sprache komme.

Dass die Fachrichtung eine grosse Rolle bezüglich Tränen am Arbeitsplatz spielt, glaubt auch Gudrun Theile, Oberärztin Palliative Care am Unispital Zürich: «Ich kann mir vorstellen, dass in der Gynäkologie – beispielsweise vor Rührung bei einer Geburt – hin und wieder eine Träne fliesst und dies auch akzeptiert ist.»

«Mitweinen ist häufige Ursache für Tränen»

Aber auch wenn es um kranke Kinder gehe, seien Tränen schneller einmal da. Gerade eben habe ihr eine Kollegin erzählt, dass sie in einem Familiengespräch, das eine junge sterbende Patientin betraf, kurz weinen musste. Der Grund sei die kleine Tochter gewesen, die in diesem Gespräch plötzlich ihre bisherige nach aussen dargestellte Gleichgültigkeit verloren und selbst heftig zu weinen angefangen habe.

«Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Mitweinen noch eine der häufigeren Ursachen für ärztliche Tränen ist», sagt Theile. Trotzdem gebe es Grenzen: Es entspreche wohl keiner professionellen Haltung mehr, wenn dieses Weinen in ein schluchzendes Jammern übergehe. «Dann besteht eine zu grosse Identifikation mit der Situation des Patienten, die ein professionelles Handeln erschwert.»

«Patienten schätzen meine emotionale Art»

Hausärztin Eva Kaiser sieht die Sache gelassen: «Ich bin nah am Wasser gebaut und stehe dazu.» Sie habe extra eine psychosomatische Ausbildung gemacht, um mehr über den Umgang mit Nähe und Distanz zum Patienten zu lernen. «Es hat sich für mich herausgestellt, dass meine emotionale Art ein Plus ist, das zumindest meine Patienten sehr schätzen.» Kaiser hat die Erfahrung gemacht, dass ihr gelegentliches Mitweinen und ihre starke Anteilnahme von ihren Patienten als «echt» wahrgenommen werden.

Standesordnung der Verbindung der Schweizer Ärzte und Ärztinnen

Art. 4

· Jede medizinische Behandlung hat unter Wahrung der Menschenwürde und Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte der Patienten und Patientinnen zu erfolgen.

· Arzt und Ärztin dürfen ein sich aus der ärztlichen Tätigkeit ergebendes Abhängigkeitsverhältnis nicht missbrauchen, insbesondere darf das Verhältnis weder emotionell oder sexuell, noch materiell ausgenützt werden.

· Arzt und Ärztin haben ohne Ansehen der Person alle ihre Patienten und Patientinnen mit gleicher Sorgfalt zu betreuen. Weder die soziale Stellung, die religiöse oder politische Gesinnung, die Rassenzugehörigkeit noch die wirtschaftliche Lage der Patienten und Patientinnen darf dabei eine Rolle spielen.

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