Barometer: Jeder vierte Lehrling ist unzufrieden
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BarometerJeder vierte Lehrling ist unzufrieden

Viele Junge sind laut einer Studie mit ihrer Lehre nicht zufrieden. Besonders schwierig sei es in Kleinbetrieben, wo Lehrlinge oft nicht genug betreut würden.

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Unzufriedene Lehrlinge: Auf einer Skala von 1 bis 6 erhalten die Lehrbetriebe von ihren männlichen Lehrlingen im Schnitt die Note 4,3.

Unzufriedene Lehrlinge: Auf einer Skala von 1 bis 6 erhalten die Lehrbetriebe von ihren männlichen Lehrlingen im Schnitt die Note 4,3.

Keystone/Martin Ruetschi
Von weiblichen Lehrlingen erhalten die Betriebe sogar nur die Note 4,2.

Von weiblichen Lehrlingen erhalten die Betriebe sogar nur die Note 4,2.

Keystone/Peter Klaunzer
Am unzufriedensten sind Stifte in Reinigungsunternhemen, ...

Am unzufriedensten sind Stifte in Reinigungsunternhemen, ...

Keystone/Gaetan Bally

Gut 70'000 junge Schweizer treten jedes Jahr eine Lehre an. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag des Lehrstellenportals Yousty.ch zeigt jetzt, wie glücklich Schweizer Lehrlinge mit ihrem Job sind. Das Ergebnis fällt laut den Studienautoren «ernüchternd» aus: Auf einer Skala von 1 bis 6 erhalten die Lehrbetriebe von ihren Stiften im Schnitt die knapp genügenden Noten 4,3 (Männer) respektive 4,2 (Frauen). Ein Viertel der Lehrlinge ist unzufrieden.

Schuld sind etwa ein schlechtes Betriebsklima oder langweilige Tätigkeiten. Immerhin: Fast 80 Prozent der befragten 4968 Lernenden gehen davon aus, dass sie mit ihrer Lehre besser oder eher besser für den Arbeitsmarkt gerüstet sein werden als mit einem Uni-Abschluss.

Die Online-Studie kommt zudem zum Schluss, dass Schweizer zufriedener sind als Ausländer. Oft seien Ausländer bei der Lehrstellensuche durch Sprachbarrieren oder Diskriminierung benachteiligt, so die Autoren. Grosse Unterschiede gibt es zwischen den Branchen: Besonders glücklich sind die Lehrlinge der Banken- und Versicherungsbranche, besonders unglücklich jene in Reinigungsunternehmen.

Lehrlinge in Kleinstbetrieben eher unzufrieden

Während Lehrlinge in grösseren Betrieben meist zufrieden sind, ist die Stimmung in Kleinstbetrieben öfter mies: Die Stifte in Kleinstbetrieben (unter zehn Angestellte) bewerten ihre Zufriedenheit mit der ungenügenden Note 3,9. Die Autoren der Studie machen die Unternehmensstrukturen dafür verantwortlich. In Kleinstbetrieben sei oft der Chef allein für den Lehrling verantwortlich und habe keine Zeit, sich neben der Unternehmensführung auch noch um die Ausbildung zu kümmern.

Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler nimmt die KMU allerdings in Schutz. Er sieht die direkte Einbindung in das Unternehmen auch als Vorteil: «In Grossbetrieben gibt es ganze Abteilungen, die sich um Lehrlinge kümmern. Diese sind dann oft eher in einer geschützten Werkstatt», so Bigler. In den Kleinbetrieben sei man oft direkter dem Markt ausgesetzt, was vielleicht die Lehrlinge mehr in die Pflicht nehme, aber ihnen langfristig nütze, da man sie so auf die Arbeitswelt vorbereite.

«Oft werden Lehrlinge als billige Arbeitskräfte missbraucht»

In den Augen der Juso liegt ein Grund für die Unzufriedenheit von Lehrlingen aber auch darin, dass diese oft als «billige Arbeitskräfte missbraucht» würden. «Sie müssen Kaffee holen oder putzen. Das ist sicher nicht Sinn einer Berufslehre», so Präsident Fabian Molina.

Die Jungpartei ist deshalb bereits aktiv geworden und sammelt Unterschriften für eine Petition, die Lehrlinge in Unternehmen besserstellen soll. So fordert die Jungpartei zum Beispiel einen Mindestlohn für Lehrlinge, ein Verbot von berufsfremden Arbeiten und ein Sorgentelefon für frustrierte Lehrlinge. Bereits 12'000 Leute haben die Petition unterzeichnet. Sie soll Ende Oktober dem Nationalratspräsidenten Stéphane Rossini abgegeben werden.

Domenica Mauch von der Lehrstellenplattform yousty.ch rät derweil zu einer genauen Information vor Lehrstellenantritt, um Frustration mit der eigenen Lehrstelle zu vermeiden. Auch eine Schnupperlehre könne hilfreich bei der Wahl der richtigen Lehrstelle sein. Zahlreiche Firmen würden diese auf yousty.ch anbieten. So liessen sich bereits viele Konflikte vermeiden. «Tritt während der Lehre ein Problem auf, sollte man das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen», so Mauch. Hilfe gebe es auch bei der Berufsberatung oder bei Pro Juventute.

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