21.04.2017 08:58

Diskriminierungs-Umfrage

Jeder Vierte will Toiletten für beide Geschlechter

Immerhin 25 Prozent der Schweizer sprechen sich für Unisex-WCs aus. Sind sie ein «sicherer Ort für Transmenschen» oder schlicht unhygienisch?

von
Nikolai Thelitz

In Skandinavien sind sie bereits verbreitet: Unisex-WCs. Die Kabinen und Pissoirs werden von Männern, Frauen und allen dazwischen benutzt und in einem gemeinsamen Bereich wäscht man sich die Hände.

Nun zeigt eine gewichtete Umfrage von 20 Minuten mit knapp 6900 Teilnehmern: Solche Toiletten wünschen sich 25 Prozent der Schweizer. Besonders Stadtbewohner, Frauen und ältere Menschen finden, dass es Unisex-WCs braucht.

«Transmenschen werden oft aus Toiletten geworfen»

Für mehr geschlechtsneutrale Toiletten setzt sich Henry Hohmann vom Transgender Network Switzerland ein: «Unisex-WCs bieten für uns einen sicheren Ort.» Denn oft würden Transmenschen aus Toiletten rausgeschmissen. Wer androgyn aussehe – oder nicht so, wie es die anderen erwarten, werde häufig aufgefordert, in die andere Toilette zu gehen. «Gerade nach dem Coming-out ist das oft der Fall.»

Unisex-WCs hätten aber für alle Vorteile. «Wenn etwa der Papi mit seiner kleinen Tochter aufs WC geht, ist oft weder das Männer noch das Frauen-WC angemessen.» Auch ältere Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuss seien, würden es schätzen, vom Partner begleitet zu werden.

Neutrales WC als dritte Option

Gleich alle Toiletten der Schweiz zur genderneutralen Zone erklären will Hohmann aber nicht: «Das würden die Bevölkerung nicht akzeptieren. Stattdessen sollte in einem ersten Schritt eine dritte Toilette zur Auswahl stehen.» In der Pflicht sieht Hohmann hier grössere öffentliche Anlagen wie Schulen, Museen und Universitäten. «Sie haben eine Vorbildfunktion und könnten so die Akzeptanz von Transmenschen in der Gesellschaft voranbringen.»

In Skandiavien funktioniere ein WC für alle ohne grosse Probleme. Als Hürde sieht Hohmann einzig die Kosten: Bestehende Toilettenanlagen müssen eventuell umgebaut werden und etwa mit Sichtschutz zwischen Pissoirs und Kabinen ausgestattet werden.

«Gewisse Sachen will man nicht wissen»

Gegen die genderneutralen Toiletten wehrt sich SVP-Nationalrat Claudio Zanetti. «Das mindert die Distanz und den Respekt vor dem anderen Geschlecht. Frauen wollen auf dem WC für sich sein, sich schminken und tratschen, Männer stören dabei nur. Und auch Männer schätzen ihre Intimsphäre». Auch sei es sicherlich nicht angenehm, dem jeweils anderen Geschlecht bei der Verrichtung seines Geschäfts zuzuhören. «Es gibt Sachen, die will man vom anderen Geschlecht nicht wissen.»

Zwar würde den Transmenschen mit Unisex-Toiletten geholfen, doch dies geschehe auf höher zu gewichtende Kosten der grossen Mehrheit, der ein Besuch auf der Unisex-Toilette unangenehm und peinlich wäre.

Mit genderneutralen WCs als dritter Option könnte sich Zanetti hingegen anfreunden. «Wenn Private eine dritte, genderneutrale Toilette bauen wollen, sehe ich kein Problem.» Eine Vorpreschen der öffentlichen Institutionen lehnt er jedoch ab: «Da würde Steuergeld für eine links-grüne Gleichmacherei verwendet.»

Neutrale WCs sind teils illegal

Genderneutrale Toiletten gibt es in der Schweiz – neben neutralen Einzelkabinen in Zug und Flugzeug – bisher nur vereinzelt, etwa im Restaurant Coming Soon in Zürich oder im Hotel Anker in Luzern. In beiden Kantonen gibt es Bauvorschriften, die ab einer gewissen Grösse einer Gaststätte geschlechtergetrennte WCs vorschreiben, die Unisex-WCs sind also illegal.

«Generell gilt: Wenn ein Baugesuch oder eine Beschwerde eingeht, überprüfen wir das jeweilige Lokal. Bei Verstössen suchen wir zuerst das Gespräch mit dem Betrieb. Sind die Betreiber jedoch uneinsichtig, droht eine amtliche Verfügung», sagt Bärbel Zierl vom Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich.

«Diese Vorschrift besteht primär aus hygienischen Gründen», sagt Thomas Maag von der Baudirektion des Kantons Zürich. «Männer haben ein anderes Urinierverhalten als Frauen. Wenn sie sich nicht hinsetzen, wird das WC stärker verunreinigt.» Es gebe auch einen moralischen Aspekt. «Mann und Frau gleichzeitig in der gleichen WC-Anlage, das würde nicht überall gut ankommen.» Wenn bereits zwei nach Geschlechtern getrennte WC-Anlagen vorhanden seien, könne eine dritte neutrale Toilette eine Option darstellen.

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