Publiziert

Food-WasteJeder wirft täglich «ein Menü» in den Müll

Mit ihrem viralen Post forderte Franziska Wick Coop auf, keine Lebensmittel zu verschwenden. Jetzt nimmt sie die Konsumenten in die Pflicht.

von
rol

Dieser Angestellte der Migros-Filiale in Altstetten wirft plastikverpacktes Gemüse in die Biotonne - doch das hat seinen Grund.

Abfallsäcke voller essbarer Bananen, Rüebli und Avocados, eine Grünabfuhrtonne voll mit Broccoli, Peperoni und Toastbrot in Plastikverpackungen: All das kann bei Migros und Coop im Abfall landen. Dass die Grossverteiler noch geniessbare Lebensmittel wegwerfen, sorgt bei Lesern für Empörung. Innerhalb einer Woche meldeten sie gleich drei solcher Vorfälle (siehe Box).

Franziska Wick, die Coop via Facebook an den Food-Waste-Pranger stellte, war überrascht über die vielen Reaktionen. In einem Mail an 20 Minuten differenziert sie: Um die Lebensmittelverschwendung einzudämmen, seien viele Player gefordert – allen voran die Konsumenten. Dass in Schweizer Haushalten massiv Esswaren weggeworfen werden, zeigen die Zahlen des Bundes sowie eine Studie von WWF und Foodwaste.ch.

Wie viele Lebensmittel gehen verloren?

Etwa zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel werden in der Schweiz jährlich weggeworfen. Das entspricht einem Drittel der Lebensmittel, die für die Schweiz produziert werden. Heisst: Pro Jahr und Person gehen rund 300 kg Esswaren verloren. Die grössten Verluste gibt es beim Frischgemüse, den Kartoffeln und beim Brot.

Wo gibts die grössten Verluste?

Fast die Hälfte dieser Esswaren wird in den Haushalten verschwendet: 45 Prozent der zwei Millionen Tonnen schmeissen private Haushalte weg. Jeder Schweizer entsorgt täglich fast eine Mahlzeit (320 g) im Müll oder auf dem Kompost – rund die Hälfte davon wäre noch geniessbar. Damit vernichtet jeder Haushalt jährlich unnötigerweise Lebensmittel im Wert von 500 bis 1000 Franken.

Wo steht der Detailhandel?

Die grossen Mülltonnen voller Lebensmittel, die dort im Abfall landen, täuschen. Im Detailhandel fallen nur gerade 5 Prozent der Lebensmittelverluste an. Gleich gross ist der Anteil in der Gastronomie. 30 Prozent gehen bei der Verarbeitung verloren (durch das Aussortieren minderwertige Ware), 13 Prozent in der Landwirtschaft (zu grosse, zu kleine oder unförmige Produkte).

Wie halten sich Migros und Coop?

Beide Unternehmen betonen ihren verantwortungsvollen Umgang. Coop werfe nur zwischen 0,1 und 0,2 Prozent aller Lebensmittel weg, so eine Sprecherin. Bei Migros (Filialen und Gastronomie) sind es 0,3 Prozent. 1,1 Prozent aller Lebensmittel würden nicht als Esswaren verkauft, sondern als Biogas vergärt oder als Tierfutter verwertet, so ein Migros-Sprecher. Beide Grosshändler geben zudem unverkaufte, aber geniessbare Lebensmittel gratis an karitative Einrichtungen wie «Tischlein deck dich», die Schweizer Tafel oder regional tätige Organisationen ab.

Was kann der Konsument beisteuern?

Gezielter Frischprodukte kaufen, Menüs planen, Einkaufslisten machen, Kühlschrank checken: Bei grossen Wocheneinkäufen bleiben die Waren oft lange liegen. Produkte testen, meist sind sie über das Ablaufdatum hinaus geniessbar. Frisch gekaufte Ware immer hinter vorhandenen einräumen. In kleinen Haushalten kleine Packungen kaufen. Nicht von Aktionen und Grosspackungen verleiten lassen, wenn die Menge nicht konsumiert werden kann.

1 / 7
Dieses Foto machte eine Coop-Kundin in einer Filiale in Dübendorf.

Dieses Foto machte eine Coop-Kundin in einer Filiale in Dübendorf.

Facebook
«Die Produkte sahen absolut geniessbar aus, von Dellen fast keine Spur», schreibt sie dazu.

«Die Produkte sahen absolut geniessbar aus, von Dellen fast keine Spur», schreibt sie dazu.

Facebook
In ihrem Post rief die Kundin Coop dazu auf, die Nahrungsmittel mindestens vergünstigt zu verkaufen oder an Organisationen abzugeben.

In ihrem Post rief die Kundin Coop dazu auf, die Nahrungsmittel mindestens vergünstigt zu verkaufen oder an Organisationen abzugeben.

Keystone/Gaetan Bally

Coop will Filialleiter besser schulen

Bei der Coop-Filiale Dübendorf ZH entdeckte Leserin Franziska Wick letzte Woche einen grossen Sack voller Lebensmittel, die im Müll landen sollten. Ihr Facebook-Post ging viral – sie konnte die geniessbaren Esswaren retten, Coop spendete sie an Bedürftige (20 Minuten berichtete). Auch bei der Coop-Filiale in Wallisellen ZH erspähte ein Leser Ende März einen Sack voller Lebensmittel, der weggeworfen werden sollte. Coop gelobt Besserung und will die Filialleiter künftig noch besser sensibilisieren und schulen, wie Sprecherin Andrea Bergmann betont.

«War schockiert – hätte ich von Migros nie erwartet»

Eine Leserin beobachtete letzten Donnerstag, wie ein Migros-Angestellter bei der Filiale in Altstetten ZH Dutzende Broccoli, Salate und Peperoni in einer Biotonne entsorgte (siehe Video). «Ich war geschockt, alles Gemüse war noch in Plastik eingepackt», so die Leserin. Sie sei sprachlos, wütend und enttäuscht: «Das hätte ich von der Migros so nicht erwartet.» Diese Praxis hat ihren Grund, wie Migros erklärt. Die Zürcher Genossenschaft verfüge als einzige über eine Hammermühle. «Diese Maschine trennt automatisch Organisches von der Verpackung», so Sprecher Francesco Laratta. Aus den Lebensmitteln werde Biogas gewonnen. Zudem würden die Lebensmittel, die weder verkauft noch gespendet werden können, über mehrere Tage in der Grüntonne gesammelt.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.