Selbsthilfegruppen: «Jeder zehnte Arztbesuch könnte vermieden werden»

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Selbsthilfegruppen«Jeder zehnte Arztbesuch könnte vermieden werden»

Maja Ingold (EVP) verlangt, dass Selbsthilfegruppen gefördert werden. Politiker und Experten sind uneins, ob dies die Gesundheitskosten senkt.

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«Es braucht im Gesundheitswesen einen Paradigmenwechsel hin zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe», fordert EVP-Nationalrätin Maja Ingold.

«Es braucht im Gesundheitswesen einen Paradigmenwechsel hin zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe», fordert EVP-Nationalrätin Maja Ingold.

Keystone/Ennio Leanza
Bei SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile kommt ihr Vorstoss gut an. Er habe oft Patienten in der Sprechstunde, die sich eine Selbsthilfegruppe wünschten, dass diese aber zu weit weg vom Wohnort stattfinde.

Bei SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile kommt ihr Vorstoss gut an. Er habe oft Patienten in der Sprechstunde, die sich eine Selbsthilfegruppe wünschten, dass diese aber zu weit weg vom Wohnort stattfinde.

Keystone/Anthony Anex
Nicht begeistert ist hingegen SVP-Gesundheitspolitiker Thomas de Courten: «Selbsthilfegruppen helfen sich per Definition selbst, da braucht es keine staatliche Unterstützung.»

Nicht begeistert ist hingegen SVP-Gesundheitspolitiker Thomas de Courten: «Selbsthilfegruppen helfen sich per Definition selbst, da braucht es keine staatliche Unterstützung.»

Keystone/Peter Klaunzer

Politiker suchen nach dem erneuten Anstieg der Krankenkassenprämien fieberhaft nach Massnahmen, um das Kostenwachstum im Gesundheitsbereich in den Griff zu bekommen. Ein neuer Vorschlag kommt nun von EVP-Nationalrätin Maja Ingold. Sie fordert in einem Vorstoss, Selbsthilfegruppen finanziell stärker zu unterstützen.

«Es braucht im Gesundheitswesen einen Paradigmenwechsel hin zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe. Wenn sich Krankheitsbetroffene oder Angehörige austauschen können, gewinnen sie Lebensqualität», so Ingold. In diesen Gruppen lerne man Leute mit ähnlichen Schicksalen kennen und könne so die eigene Gesundheitskompetenz stärken.

Selbsthilfegruppe oft zu weit weg

Vor allem bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Burn-outs, Essstörungen oder Suizidgefährdung könnten Selbsthilfegruppen eine Möglichkeit sein, mit Problemen besser umzugehen. So könnten sich zum Beispiel Eltern von Kindern mit Essstörungen gegenseitig beraten, um die Kinder besser zu verstehen. «Diese Hilfe zur Selbsthilfe in Ergänzung zur ärztlichen Behandlung spart Krankheitskosten und muss besser unterstützt werden, denn so könnte mindestens jeder zehnte Arztbesuch verhindert werden», schätzt Ingold. Diese Idee sei beim Bundesamt für Gesundheit leider noch zu wenig angekommen.

Bei SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile kommt der Vorstoss gut an. «Ich hätte ihn sofort unterschrieben, wenn mich Frau Ingold gefragt hätte.» Er habe oft Patienten in der Sprechstunde, die sich eine Selbsthilfegruppe wünschten, diese aber zu weit weg vom Wohnort stattfinden. «Gerade im ländlichen Bereich besteht hier noch Potenzial.» Dass er durch mehr Selbsthilfegruppen bald keine Patienten mehr hat, glaubt Barrile nicht. «Die beiden Angebote ergänzen sich. Die bestehenden Selbsthilfegruppen werden ja auch oft von Ärzten oder Psychologen betreut.»

«Suizidgefährdete brauchen professionelle Hilfe»

Nicht begeistert ist hingegen SVP-Gesundheitspolitiker Thomas de Courten. «Selbsthilfegruppen helfen sich per Definition selbst, da braucht es keine staatliche Unterstützung.» Er begrüsse private Initiativen, lehne aber eine staatliche Beteiligung ab. Im Kanton Baselland habe es schon solche Pilotprojekte gegeben, doch eine Kosten-Nutzen-Rechnung sei nie erstellt worden. «Wir können nicht für jede Flohallergie eine Selbsthilfegruppe finanzieren, da steigen die Gesundheitskosten noch weiter.»

Bei der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) sieht man die Selbsthilfegruppen als Ergänzung zur professionellen Betreuung. «Die Förderung von Selbsthilfegruppen ist zu begrüssen, aber ersetzt bei gewissen psychischen Erkrankungen keinesfalls eine Betreuung durch einen Psychotherapeuten», sagt Sprecher René Schegg. Gerade suizidgefährdete Personen sollten unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

«Ersetzt keine ärztliche Diagnose»

Auch Schegg sieht einen Platz von Selbsthilfegruppen gerade auch im Rahmen der psychischen Gesundheit. «Wenn eine psychische Erkrankung früh in einer Selbsthilfegruppe besprochen und aufgefangen wird, kann sich das auf den Krankheitsverlauf positiv auswirken.» Ob allerdings tatsächlich zehn Prozent der Arztbesuche überflüssig würden, sei nach seinem Wissen nicht durch Studien belegt.

Etwas kritischer tönt es beim Ärzteverband FMH: Zwar könne eine Selbsthilfegruppe eine Stütze sein, aber keineswegs eine ärztliche Diagnose oder Behandlung ersetzen, sondern höchstens den therapeutischen Weg begleitend unterstützen. «Ob die geforderte finanzielle Unterstützung für gemeinschaftliche Selbsthilfe den Anstieg der Gesundheitskosten mindern kann, muss zuerst mit einer entsprechenden Studie nachgewiesen werden», sagt Vizepräsident Christoph Bosshard. Zudem seien bei einer Kostenübernahme durch die Krankenkassen die Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu erfüllen.

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