Aktualisiert 22.07.2012 22:48

Beunruhigende Befunde

Jeder zehnte Mann wird sexuell belästigt

Jeder zehnte Deutschschweizer musste im Büro schon einmal Porno-Mails öffnen oder er wurde unfreiwillig berührt. Experten glauben an eine hohe Dunkelziffer.

von
sma
Oft hat sexuelle Belästigung mit dem Machtgefälle zu tun.

Oft hat sexuelle Belästigung mit dem Machtgefälle zu tun.

Von sexistischen Witzen über ­E-Mails mit pornografischem Inhalt bis zu scheinbar zufälligen Berührungen: Laut einer neuen Studie der Universität Lausanne, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds, haben sich 10,9 Prozent der Deutschschweizer Männer am Arbeitsplatz schon einmal sexuell belästigt gefühlt.

Bei den Deutschschweizer Frauen sind es rund 31,4 Prozent: «Männer fühlen sich wohl weniger schnell belästigt. Zudem ist es für sie noch immer ein Tabuthema. Sie getrauen sich nicht, darüber zu sprechen, weil sie Angst haben, als Weichlinge abgestempelt zu werden», vermutet Studien­autorin Franciska Krings (siehe Interview). Die Dunkelziffer sei wahrscheinlich höher. Belästigt werden sie sowohl von Frauen als auch von Männern.

Für Oliver Hunziker, Präsident des Vereins verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter VeV, sind es alarmierende Befunde: «Erzählen Männer von einer Belästigung, werden sie mit ihren Ängsten oft nicht ernst genommen.» Auch wenn der Mann das Opfer sei – am Schluss stehe er oft als Täter da. Da ein sexueller Missbrauch oft mit einem Machtgefälle zu tun hat, könnte sich die Situation laut Hunziker verschärfen: «Durch die zunehmende Zahl von Frauen in Führungspositionen erhöht sich die Gefahr, dass die Situation ausgenutzt wird.»

Die Gewerkschaft Unia sieht ihre Forderung nach einer Nulltoleranz einmal mehr bestätigt: «Unternehmen müssen strikte Richtlinien formulieren und eine Vertrauensperson definieren», so Corinne Schärer von Unia.

Für die Vertiefung der ­Studie werden Betroffene gesucht: ­Interessierte können sich unter ­arbeitsstudie@unil.ch melden.

Regionale Unterschiede

Die Studie der Uni Lausanne zeigt auch Differenzen zwischen den Regionen: Während sich in der Deutschschweiz 10,9% der Männer und 31,4% der Frauen am Arbeitsplatz schon einmal belästigt fühlten, sind es in der Westschweiz 7,3% der Männer und 17,6% der ­Frauen, im Tessin nur 5,7% der Männer und 18,3% der Frauen.

«Belästigung kann Depressionen auslösen»

Franciska Krings*, in der Deutschschweiz fühlen sich mehr Männer sexuell belästigt als im Tessin oder der Romandie. Sind Frauen hier offensiver?

Ich vermute dahinter kulturelle Unterschiede. Im Tessin herrscht eine eher «maskuline» Kultur vor. Es könnte für Männer als besonders unmännlich gelten, zuzugeben, wenn sie sich durch sexuelle Avancen einer Kollegin belästigt fühlen. Eventuell haben Deutschschweizer Unternehmen auch schon mehr Sensibilisierungsarbeit geleistet.

Und sagen sie etwas, werden sie nicht ernst genommen ...

Nebst der Tatsache, dass eine Beläs­tigung ein schlechtes Arbeitsklima oder Depressionen auslösen kann, können auch Beziehungen zerbrechen. Ehefrauen oder Freundinnen glauben manchmal, dass der Mann eine Beläs­tigung etwa durch Flirten provoziert hat. Das Gleiche gilt für Frauen, wenn sie Opfer werden.

Was raten Sie den Männern?

Sie sollten darüber sprechen. Wir sind mit diversen Unternehmen im Gespräch und sensibilisieren Arbeitgeber und Mitarbeiter.

Franciska Krings ist Professorin an der Universität ­Lausanne.

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