Kein PK-Vorbezug: Jeder Zehnte müsste Haustraum begraben
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Kein PK-VorbezugJeder Zehnte müsste Haustraum begraben

Der Bundesrat will den Vorbezug aus der Pensionskasse unterbinden. Wen würde es besonders treffen? Für wen bleibt alles beim Alten? Eine Übersicht.

von
Yves Hollenstein

Wer ein Haus bauen, auswandern oder eine eigene Firma gründen will, kann derzeit dazu seine Pensionskasse anzapfen. Künftig soll dies jedoch nicht mehr möglich sein. Wie am Mittwoch bekannt wurde, will der Bundesrat solche Kapitalbezüge verbieten.

Betroffen wäre nur der obligatorische Teil der Pensionskasse. Wer hingegen mehr als 84'240 Franken im Jahr verdient, ist überobligatorisch versichert. Das mehr einbezahlte Geld dürfte auch nach Inkrafttreten der neuen Regelung vorbezogen werden.

Der Entscheid hat für einen Grossteil der in der Schweiz Versicherten einschneidende Konsequenzen. Jährlich machen rund 60'000 Personen von der Möglichkeit des vorzeitigen Kapitalbezugs Gebrauch.

? Risikofreudige Rentner?

Nach dem Bundesrat sind immer mehr AHV- und IV-Rentner auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Darunter auch Personen, die früher Kapital aus der zweiten Säule bezogen haben. Zudem ziehen jährlich 30'000 Neurentner ihr Kapital aus der Pensionskasse ab. Können also insbesondere Neurentner mit ihren Pensionskassengeldern nicht umgehen, indem sie alles innert kurzer Zeit verjubeln?

Hanspeter Konrad vom Schweizerischen Pensionskassenverband (ASIP) verneint: «Das Gros setzt seine PK-Gelder sehr bewusst und richtig ein», sagt Konrad zu 20 Minuten. Nur ein ganz kleiner Teil hat die Kapitalverwaltung nicht im Griff, so die Praxiserfahrung des ASIP-Direktors. Beispiele dafür sind spekulative Geldanlagen, Spielsucht oder ganz einfach Verschwendertum.

? Schluss mit Wohntraum für jeden Zehnten

Wer ein Haus baut oder kauft, nimmt dafür durchschnittlich rund 80'000 Franken von der Pensionskassen. Jedes Jahr machen rund 25'000 davon Gebrauch. Bleibt diese Möglichkeit aus, könnte sich gemäss einer Schätzung der UBS mindestens jeder Zehnte kein Haus mehr leisten können. CS-Immobilienexperte Fredy Hasenmaile befürchtet nun eine Art Torschlusspanik. «Viele dürften nun PK-Vorbezüge tätigen, um sich noch den Traum eines Eigenheims zu verwirklichen», sagte er in einem Interview mit 20 Minuten.

? Firmengründer hättens schwer

Im Jahre 2011 wurden in der Schweiz rund 11'500 Firmen gegründet. Gleichzeitig beantragten 10'000 Personen einen Kapitalbezug aus der Pensionskasse mit dem Zweck, sich selbstständig zu machen. «Für viele wäre es nicht mehr möglich, sich selbstständig zu machen», ist Michele Blasucci von der Gründerplattform Startups.ch überzeugt. Der Experte erwartet deshalb ebenfalls einen Run auf Neugründungen und nach einem allfälligen Inkrafttreten der neuen Regelung eine klare Abkühlung im Bereich der Firmengründungen.

? Für Auswanderer bleibt alles beim Alten

Auch für Auswanderer würde sich nichts ändern. Wer in einen Staat der EU oder Efta (Liechtenstein, Island, Norwegen) auswandert, kann sein Alterskapital heute schon nicht mitnehmen. Es wird auf ein Freizügigkeitskonto überwiesen und kann erst bei der Pensionierung abgeholt werden. Wer in einen anderen Staat wie beispielsweise der USA auswandert, soll hingegen die Freizügigkeitsleistung auch in Zukunft mitnehmen können.

Noch ist aber nichts entschieden: Die Vorlage kommt frühestens im Herbst dieses Jahres in die Vernehmlassung. Bis der Entscheid in Kraft tritt, dürfte es 2016 oder später werden.

So funktioniert der Vorbezug für Wohneigentum

Pensionskassenvorbezüge können sowohl beim Kauf von selbstbewohntem Wohneigentum als auch für die Rückzahlung von ausstehenden Hypotheken für selbstbewohntes Wohneigentum verwendet werden. Der Mindestbezug beläuft sich auf 20'000 Franken. Bis zum Alter von 50 Jahren darf das gesamte Pensionskassenkapital bezogen werden. Ab 50 ist die Höhe des Bezugs eingeschränkt: Es darf nur noch der höhere Betrag entweder des Sparkapitals mit 50 oder der Hälfte des zum Zeitpunkt des Bezugs vorhandenen Sparkapitals vorbezogen werden. Ein Vorbezug darf nur alle fünf Jahre getätigt werden und je nach Pensionskasse auch nur bis zu einem gewissen Alter des Versicherten. (hoy)

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