Panik im Alltag: Jeder zehnte Schweizer hat eine Angststörung

Aktualisiert

Panik im AlltagJeder zehnte Schweizer hat eine Angststörung

Betroffene können nicht mehr Zug fahren oder sich mit Freunden treffen, sodass sie sich zuhause verkriechen. Schuld sein soll der Leistungsdruck.

von
B. Zanni
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Für viele Betroffene mit Angststörungen wird der Alltag zum Horror. Manche trauen sich nicht mehr aus dem Haus.

Für viele Betroffene mit Angststörungen wird der Alltag zum Horror. Manche trauen sich nicht mehr aus dem Haus.

Yude Chinafotopress/hljrb/jin
Heute Freitag lanciert Pro Infirmis eine Kampagne unter dem Titel «Angst lähmt». Das Video dazu zeigt einen Menschen, der an einer Angststörung leidet und sich nur in Begleitung traut, das Zuhause zu verlassen.

Heute Freitag lanciert Pro Infirmis eine Kampagne unter dem Titel «Angst lähmt». Das Video dazu zeigt einen Menschen, der an einer Angststörung leidet und sich nur in Begleitung traut, das Zuhause zu verlassen.

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Einkaufen kann Menschen mit einer Angststörung viel Überwindung kosten.

Einkaufen kann Menschen mit einer Angststörung viel Überwindung kosten.

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Mit Freunden ins Restaurant zu gehen oder ein Konzert zu besuchen, ist für Erika B. unmöglich geworden. Ihre Einkäufe erledigt sie im Internet. Die Angst hält B. selbst vor einem Spaziergang an der frischen Luft ab. «Ich bleibe zuhause, eingeschlossen in der Wohnung, ausgeschlossen aus der Gesellschaft», fasst sie ihren Alltag zusammen. Rund 800'000 Menschen leiden in der Schweiz laut der Behindertenorganisation Pro Infirmis an Angststörungen (siehe Box). Damit ist jeder Zehnte betroffen. Geschäftsleitungsmitglied Mark Zumbühl stellt fest, dass auch immer mehr junge Menschen dazuzählen.

«Die Betroffenen können im Laden an der Kasse, im Zug oder in Menschenmengen von einer Panikattacke heimgesucht werden», sagt Zumbühl. Annette Brühl, Leitende Ärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, behandelt oft auch Patienten, die an einer sozialen Angsstörung leiden. Im Vordergrund stehe die Angst, sich zu blamieren. «Diese Menschen können sich nicht mehr mit Leuten treffen, weil sie etwa Angst haben, zu erröten, zu stottern oder beim Essen zu kleckern.»

«Sie haben Angst vor der Angst»

Für viele Betroffene mit Angststörungen wird der Alltag zum Horror. «Am Ende trauen sie sich nicht mehr nach draussen und melden sich bei der Arbeit krank», sagt Zumbühl. Ihm sind Fälle bekannt, in denen Menschen jahrelang die Wohnung kaum mehr verlassen. «Grund ist die Angst vor der Angst.» Lieber als eine Panikattacke in der Öffentlichkeit zu riskieren, würden sie sich zuhause verkriechen. Das hinterlässt Spuren. «Sie sind schlecht ernährt, haben einen Vitamin-D-Mangel und können nur noch über das Internet mit Menschen in Kontakt treten.»

Annette Brühl fällt auf: «Viele kommen erst in Behandlung, wenn sie es nicht mehr aushalten.» Sie beklagten sich darüber, dass sie nicht mehr aus dem Haus könnten oder hätten bereits Nebenerkrankungen wie Herzrhythmusstörungen entwickelt. Es gebe Patienten, die in einem «total verkrampften» Zustand Hilfe suchten. «Sie haben Rücken-, Kopf- und Nackenschmerzen oder abgeschliffene Zähne, weil sie bei den Angstattacken so stark auf die Zähne beissen.» Andere würden an Depressionen leiden oder hätten bereits einen Suizidversuch hinter sich.

Studenten haben Panik

«Sehr oft entwickeln Menschen solche Störungen, weil sie im Job, in der Beziehung und in der Familie stark unter Druck stehen», stellt Zumbühl fest. Auch gebe es Studenten, bei denen die Jagd nach Credit-Punkten an der Universität Panikattacken auslösen. Brühl sagt, dass viele Menschen heute überfordert seien. «Dass man sich heute ständig und überall von der perfekten Seite präsentieren muss und nur das Maximum an Leistung gut genug ist, belastet viele.» Zudem gebe es nur noch wenige Jobs, in denen man nicht sozial interagieren müsse. «Auch der introvertierte Informatiker kann heute seinen Job nur ausführen, wenn er einen guten Kundenkontakt pflegt.» Der Stress mache die Menschen für Angststörungen empfindlicher.

Doch die Störungen sind laut Mark Zumbühl nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu (siehe Box). Meist verschwiegen die Betroffenen ihr Leiden, weil sie sich schämten. «Sie haben Angst, als Spinner abgestempelt zu werden.» Denn perfid an der Krankheit sei, dass sie nicht sichtbar sei. «Deswegen sitzt niemand im Rollstuhl oder geht an einem Blindenstock.» Am besten sind die Heilungschancen laut Brühl, wenn sich die Patienten einer psychotherapeutischen oder medikamentösen Behandlung unterziehen.

Pro Infirmis macht mit der neuen Kampagne «Angst lähmt» auf Angststörungen aufmerksam. Im Video dazu traut sich ein Mensch nur in Begleitung, das Zuhause zu verlassen.

Pro Infirmis: Neue Kampagne zu Angststörungen

Pro Infirmis will Tabu brechen

Am Freitag lanciert Pro Infirmis eine Kampagne unter dem Titel «Angst lähmt». Ziel sei, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und die Stigmatisierung der psychischen Behinderung abzubauen, sagt Geschäftsleitungsmitglied Mark Zumbühl. Nach Depressionen sind Angststörungen hierzulande die zweithäufigste psychische Beeinträchtigung. Frauen sind mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Pro Infirmis unterscheidet zwischen fünf Formen von Angststörungen. Die Agoraphobie zeichnet sich durch die Angst vor weiten Plätzen und Situationen im öffentlichen Raum aus. Zudem fürchten sich die Betroffenen, sich ohne Schutz von vertrauten Personen im öffentlichen Raum zu bewegen. Menschen mit einer Panikstörung werden von wiederholten, plötzlich und nicht durch äussere Umstände ausgelöste Panikattacken heimgesucht. Eine generalisierte Angststörung ist eine lang anhaltende Angst, weder von speziellen Situationen noch Objekten ausgelöst. Betroffene einer sozialen Angststörung haben Angst vor dem Exponiertsein in der Gesellschaft und möglicher abwertender Beurteilung. Die spezifischen Phobie äussert sich durch die Angst vor bestimmten Objekten wie Spinnen oder Situationen wie Höhe.

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